Eine schnelle Bewegung, ein angedeuteter Schlag - schon hat Carmen Nickel (re.) Assistentin Katharina Schwarz die Waffe entwendet.
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Eine schnelle Bewegung, ein angedeuteter Schlag - schon hat Carmen Nickel (re.) Assistentin Katharina Schwarz die Waffe entwendet.

Selbstverteidigung

Die Senioren schlagen zurück

  • Judith Dietermann
    vonJudith Dietermann
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Sich auf dunkler Straße sicherer zu fühlen und im Notfall wehren zu können – das lernen Senioren im Selbstverteidigungskurs des TV Kalbach. Denn die Straftaten an älteren Menschen nehmen zu. Auch in Frankfurt.

Von der Pistole, die sich auf seinen Kopf richtet, zeigt sich Norbert Elligsen unbeeindruckt. Gezielt packt er sein Gegenüber am Handgelenk, dreht dessen Arm so zur Seite, dass er mit der Faust der linken Hand zuschlagen und so die Waffe sichern kann. Im Zeitlupentempo spielt sich diese Szene ab, denn Elligsen muss vor jedem Schritt genau überlegen, ob es auch der richtige ist. Ansonsten hat er keine Chance gegen seinen bewaffneten Gegner, der mit der schwarzen Pistole eindeutig im Vorteil ist. Da ist es gut, dass es sich bei der Waffe lediglich um ein Exemplar aus Holz und zudem nur um eine Übung handelt. Das „Accessoire“ ist Teil des Kurses „Selbstverteidigung für Senioren“, den der TV Kalbach neuerdings anbietet.

Mehr Sicherheit

Für Norbert Elligsen, stellvertretender Vorsitzender des Turnvereins, der seit der ersten Stunde mit dabei ist, ist die Teilnahme eine Selbstverständlichkeit. „Auch wir älteren Menschen müssen lernen, wie wir uns wehren können, wenn wir plötzlich angegriffen werden. Mir geben die Übungen ein gewisses Gefühl von Sicherheit“, sagt er und wagt einen zweiten Versuch, seinen Gegner zu entwaffnen. Jetzt agiert er schneller, die Bewegungen sind viel flüssiger. Es dauert nur wenige Sekunden, da hält Elligsen die Holz-Pistole in der Hand. „Geht doch!“, sagt er. Der Stolz über die gelungene Übung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Es sei eben wie beim Tanzen – die Bewegungen müssten in Fleisch und Blut übergehen. Die Sicherheit komme dann automatisch.

Das sieht Robert F. Glener, seit 1978 aktiver Kampfkünstler und Trainer der Senioren-Truppe, ganz genauso. „Nach jeder Übungseinheit bekommen die Senioren mehr Sicherheit. Das geschieht langsam und Schritt für Schritt“, sagt er. In einem zehnwöchigen Kurs, wie der TV Kalbach ihn anbietet, könne man allerdings nicht alles über Selbstverteidigung lernen, um sich in jeder Gefahrensituation richtig wehren zu können. Das zu glauben sei illusorisch.

Auch Spaß muss sein

„Ein dauerhaftes Training ist unumgänglich, die Wiederholung zählt“, rät Glener allerdings auch davon ab, zu Hause und ohne professionelle Unterstützung weiter zu üben. Das Verletzungsrisiko sei dabei viel zu groß. Zudem spiele bei den Selbstverteidigungs-Kursen das Zusammenspiel in der Gruppe, die Atmosphäre und die Gemeinschaft auch eine entscheidende Rolle. „Am wichtigsten ist allerdings, dass der Kurs Spaß macht“, sagt der Kampfkünstler.

Es sind die steigenden Straftaten gegenüber alten Menschen, die Glener und den TV Kalbach dazu bewogen haben, die Senioren-Selbstverteidigung anzubieten. Diese Tendenz ist auch in Frankfurt zu erkennen, wenn auch nur in Ansätzen. So gab es in 2014 laut der polizeilichen Kriminalstatistik 676 Straftaten gegen Personen über 60 Jahren. Bei insgesamt 115 087 Delikten entspricht das 5,9 Prozent. Ein Jahr zuvor waren 612 Senioren, sprich 5,4 Prozent betroffen.

„Senioren sind geeignete Opfer, weil sie sich auf den ersten Blick nicht wehren können. Das bringe die oft nachlassende körperliche Verfassung im gestiegenen Alter mit sich“, erklärt Glener. Umso wichtiger sei es, diesen Menschen ein Gefühl der Selbstbehauptung zu vermitteln und ihnen zu zeigen, wie sie in welcher Situation sicher und richtig reagieren können. Dazu gehörten eben auch Übungen mit der Pistolen-Attrappe, obwohl es unwahrscheinlich ist, in einen Banküberfall involviert zu werden. Das weiß auch der Selbstverteidigungs-Trainer. „Ganz abwegig ist die Begegnung oder Konfrontation mit einer solchen Waffe allerdings nicht. Das kann einem auch auf offener Straße passieren – mit einer echten oder auch mit einer Plastikpistole. Wobei diese Tatsache letztlich keine Rolle spielt“, erklärt er.

Eine solche Gefahrensituation hat – zum Glück – noch keiner der zehn Senioren erlebt, die derzeit Gleners Kurs besuchen. „Trotzdem finde ich es wichtig, gewappnet zu sein und sich ein wenig sicherer zu fühlen“, erklärt Carmen Nickel, warum sie dabei ist.

Elligsen probiert derweil erneut, seinem Gegner die Waffe zu entwenden. Plötzlich geht alles ganz schnell: Er greift von unten zu, dreht den Arm und schon ist die Pistole seine. „Perfekt“, lobt Glener.

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage unter .

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