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Präzision und Vorsicht sind von Grabungstechniker Hans-Jürgen Semmler bei der Untersuchung der Schmiedeöfen gefordert. Bevor sie ins Museum kommen, dokumentiert der Experte jedes Detail. Fotos: Heike Lyding

Sensationsfund vor dem Nordtor

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Es ist eine Sensation: Fünf römische Schmiedeöfen aus der Zeit von 80 bis 240 nach Christus wurden auf dem Gelände nahe der römischen Töpferöfen ausgegraben. Vergleichbare Funde sind in Deutschland nicht bekannt. Ausgestellt werden soll einer der seltenen Öfen im Archäologischen Museum.

Grabungstechniker Hans-Jürgen Semmler geht in die Knie und zückt seinen Zollstock. Rund zehn Zentimeter breit, 15 Zentimeter tief und einen halben Meter lang ist die längliche Vertiefung im Erdboden. „Als wir bei unseren Ausgrabungen darauf gestoßen sind, wusste ich zunächst gar nicht, was wir da gefunden haben. Die Lösung lieferte mir die Literatur. Bei der länglichen Vertiefung handelt es sich um einen seltenen Schmiedeofen“, erklärt der Experte vom Denkmalamt der Stadt Frankfurt. Stammen soll dieser aus der Römerzeit – zwischen 80 und 240 nach Christus.

Insgesamt fünf dieser Öfen haben er und sein Team in den vergangenen Tagen auf dem Gelände nahe der römischen Töpferöfen entdeckt – zwischen der Rosa-Luxemburg-Straße und dem Erich-Ollenhauer-Ring. Und damit genau dort, wo bereits im Herbst dieses Jahres mit den Bauarbeiten für die neue Feuerwache 21 begonnen werden soll. Mittlerweile sind es über 300 Objekte – drei Töpferöfen und Keller, fünf Brunnen und Zisternen sowie Pfosten, Münzen und Scherben – wurden seit Beginn der Ausgrabungen Ende 2013 auf dem 4167 Quadratmeter großen Areal gefunden und dokumentiert.

Der jüngste Fund der Schmiedeöfen ist solch eine Sensation, dass mindestens einer der fünf Funde nun den Kollegen des Archäologischen Museums übergeben und dort ausgestellt wird. „In Nida haben wir bislang keine vergleichbaren Funde, nach meiner Recherche sind solche auch in Deutschland nicht bekannt. Lediglich in Ungarn wurden bereits Schmiedeöfen gefunden.“

Dass die Objekte mit ihrer Form auf den ersten Blick weniger an einen Ofen erinnern, habe mehrere Gründe, erklärt Hans-Jürgen Semmler. Der wichtigste sei wohl, dass es sich um keinen Ofen für Lehm oder Ton handle – in der länglichen Form wurde Eisen geschmolzen. Die Eisenstücke wurden dafür vorne hinein und bis zum Ende durchgeschoben. Bis das geschmolzene Metall die gesamte Form ausfüllte. Die war ursprünglich zudem rund 30 Zentimeter hoch. „Bei dieser Form der Öfen hatten die Römer die Möglichkeit, auf kleinem Raum mit wenig Holzkohle ein starkes Feuer zu entflammen und so sehr hohe Temperaturen zu erzielen“, sagt Semmler.

Dass er die Öfen bei den Ausgrabungen überhaupt entdeckte, ist für ihn immer noch „ein Glücksfall“. Weil sie schwer zu erkennen sind. Einen Hinweis, dass es sich bei den Funden um Öfen handelt, zeigt die Erdverfärbung am Rand. Sie ist verziegelt – der Lehm muss mit Feuer in Kontakt gekommen sein. „Auf solch kleine Hinweise müssen wir achten, hätten wir nur zehn Zentimeter tiefer gegraben, wäre diese Sensation an uns vorbeigegangen“, so der Experte.

Damit die Öfen unbeschadet ins Archäologische Museum gelangen, wird die innere Form mit weißer Folie ausgelegt und mit Sand gefüllt. Von außen umgibt den Ofen ein massiver Metallkasten. Beides übt Druck aus und sorgt dafür, dass der Ofen in einem Stück erhalten bleibt. „Würde man diese beiden Maßnahmen entfernen, würde der Ofen von einer auf die andere Sekunde auseinanderfallen“, erklärt der Grabungstechniker. Dementsprechend vorsichtig hebt auch der Baggerführer den Ofen vom Boden an, Semmler und sein Kollege fassen den Metallkasten an den Ecken und verhindern so unnötige Schwankungen.

Dass der Fundort der Schmiedeöfen außerhalb des Nordtores und damit in direkter Sichtweite zum antiken Nida liegt, untermauert die Vermutung von Hans-Jürgen Semmler, dass auf dem Areal gleich mehrere Handwerke angesiedelt waren. Neben den Töpfereien entdeckte der Archäologe dort auch Eisenschlacke, die neben den Schmiedeöfen auf Eisenverarbeitung hinweist. Zudem wurden Geweih- und Knochenstücke gefunden. „Es herrschte ein vielfältiges Leben hier vor dem Nordtor“, ist sich Semmler sicher.

Den Bau der neuen Feuerwache soll der Fund der Öfen übrigens nicht weiter verschieben. Im zweiten Quartal 2015 soll die denkmalrechtliche Voruntersuchung abgeschlossen sein.

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