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Eva Szepesi fällt es schwer, ihre Geschichte zu erzählen.

Als Zwölfjährige überlebte Eva Szepesi Auschwitz

"Sie dachten, ich sei tot"

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Eva Szepesi hat das überlebt, was viele Menschen noch nicht einmal im Traum erleben möchten: Auschwitz. 50 Jahre hat sie geschwiegen, heute erzählt sie von ihrem Schicksal. Jetzt bekam sie die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt überreicht.

Nackt steht die zwölfjährige Eva am 2. November 1944 in der Baracke im Konzentrationslager Auschwitz. Das von der Mutter gestrickte, dunkelblaue Kostüm musste sie ausziehen, eine Aufseherin trat es mit Füßen. Um sie herum stehen Frauen und Kinder. Auch sie sind nackt. Evas Haare werden abgeschnitten. Die langen Zöpfe fallen auf den Boden, für das Mädchen der schlimmste Moment. Sogar schlimmer als die Nummer, die ihr in den linken Unterarm tätowier wurde – A26877.

Heute ist das Mädchen von damals 85 Jahre alt. Denn Eva Szepesi hat die Hölle von Auschwitz überlebt. Sie sitzt in ihrer Wohnung am Dornbusch. Am Esstisch hat sie Platz genommen, draußen trommeln die Regentropfen an die Scheibe, drinnen erzählt die alte Dame ihre Geschichte. Wie sie es seit vielen Jahren tut. In Schulen und Gemeinden, auf Veranstaltungen und Lesungen berichtet die gebürtige Ungarin, was sie im Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Festgehalten hat sie ihre Geschichte zudem in einem Buch. Für diese unermüdliche Erinnerungsarbeit wurde sie jetzt mit der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.

50 Jahre hatte sie zuvor geschwiegen. „Ich wollte eigentlich nie über das Erlebte sprechen. Ich habe es verdrängt und wollte auch meine Töchter nicht damit belasten“, sagt Eva Szepesi. 1995 brach sie ihr Schweigen, anlässlich des Films „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg sollten Überlebende in Auschwitz interviewt werden. Zu ihnen zählte auch Eva Szepesi. „Ich wollte nicht noch einmal nach Auschwitz. Doch meine Töchter haben mich überredet“, berichtet sie. Als Eva Szepesi zurück in Frankfurt am Main war, spürte sie, dass etwas mit ihr passiert war. „Ich wollte plötzlich über meine Geschichte reden, ich wollte sogar darüber schreiben“, erzählt sie. 2011 veröffentlichte sie ihr Buch – „Ein Mädchen auf der Flucht“.

In Budapest wuchs Eva Szepesi auf – sieben Jahre lang hatte sie eine glückliche Kindheit. Bis von einem Tag auf den anderen alles anders wurde. Die Kinder wollten nicht mehr mit ihr spielen und beschimpften sie, der Vater musste das Geschäft auf der Hauptstraße schließen, ab April 1944 musste Eva den gelben Judenstern tragen. „Eines Tages sagte meine Mutter, dass ich mit meiner Tante eine Reise machen soll. Meine Mutter und mein Bruder wollten nachkommen“, erzählt sie, die nicht ahnte, dass sie beide nie wieder sehen sollte. Erst 70 Jahre später würde sie erfahren, dass sie in Auschwitz starben. Elf Stunden dauerte der Fußmarsch über die slowakische Grenze, bei verschiedenen Menschen wurde sie versteckt, taubstumm sollte sie sich stellen, damit sie nicht entdeckt werde. Eines Nachts im Spätsommer 1944 wurde sie von Soldaten geweckt, schnell sollte sie sich anziehen. Ihre Puppe durfte sie nicht mitnehmen.

Ins Sammellager nach Sered in der Westslowakei wurde das junge Mädchen gebracht, mit dem letzten Transport ging es von dort nach Auschwitz. In einem Viehwaggon, mit vielen anderen Menschen. „Es hat nach Urin und Erbrochenem gestunken, es wurde viel geweint“, erinnert Szepesi sich. Wie lange die Fahrt dauerte, das weiß sie heute nicht mehr. Vielleicht ein paar Tage, vielleicht aber auch nur ein paar Stunden. Nur durch die engen Gitterstäbe konnte sie hinausschauen, nahm kaum noch wahr, ob es dunkel oder hell war.

In der Abenddämmerung kamen sie in Auschwitz an. „Nazis mit Hunden warteten und schubsten uns aus den Waggons“, erzählt sie. Eine slowakische Aufseherin befahl ihr sich als 16-Jährige auszugeben. So konnte sie arbeiten und entkam der Gaskammer. „Irgendwann wurde ich krank. Das wenige Essen und das lange Stehen bei den Zähl-Apellen waren irgendwann zu viel für mich.“ Zum Todesmarsch Ende Januar 1945, als die Rote Armee näher rückte und das Lager geräumt wurden, nahmen die Deutschen sie nicht mit. „Sie dachten, ich sei tot. Das war mein Glück.“

Am 27. Januar beugte sich ein russischer Soldat mit Pelzmütze über ihre Pritsche, es wurde eine Rot-Kreuz-Baracke installiert, die Überlebenden wurden langsam wieder aufgepäppelt. Am 18. September kam Eva Szepesi wieder in Budapest an, eineinhalb Jahre nachdem sie ihre Heimatstadt verlassen musste. „Es war nichts mehr so wie vorher, denn niemand war mehr da“, erinnert sie sich mit traurigen Augen.

Auch wenn sie schon oft ihre Geschichte erzählt hat, Routine werde es nie, sagt sie. Schwer fällt es jedes Mal aufs Neue, trotzdem ist sie froh ihr Schweigen gebrochen zu haben. „Ich bin dankbar, dass ich Schülern von dieser Zeit erzählen kann. Manche Kinder weinen, viele können sich mit mir identifizieren. Und sie wissen – von einem Tag auf den anderen kann sich alles ändern“, sagt die 85-Jährige.

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