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Sie forschen für Kinder und Jugendliche

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Von: Brigitte Degelmann

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Der Geschäftsführer der Stiftung für krebskranke Kinder Marcus Klüssendorf (links) und Wissenschaftler Jens-Uwe Vogel versuchen unermüdlich, Geldgeber für die Erforschung von Tumorerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen aufzutreiben.
Der Geschäftsführer der Stiftung für krebskranke Kinder Marcus Klüssendorf (links) und Wissenschaftler Jens-Uwe Vogel versuchen unermüdlich, Geldgeber für die Erforschung von Tumorerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen aufzutreiben. © Hamerski

Im Dr. Petra Joh-Haus der Frankfurter Stiftung für krebskranke Kinder werden die Ursachen von Tumorerkrankungen von jungen Patienten analysiert

Auf den ersten Blick wirkt der nüchterne Kellerraum alles andere als spektakulär: mehrere Schränke, daneben zwei mächtige zylinderförmige Tanks. Dabei lagert hier eine weltweit einzigartige Sammlung: eine Zellbank, bestehend aus rund 2500 Tumorzellen, die gegen Chemotherapien resistent gemacht wurden. Gekühlt in flüssigem Stickstoff, bei minus 196 Grad, bildeten sie das Herzstück der Frankfurter Stiftung für krebskranke Kinder, sagen Stiftungsgeschäftsführer Marcus Klüssendorf und Wissenschaftler Jens-Uwe Vogel. Zu verstehen, wie diese Zellen funktionieren, warum herkömmliche Mittel bei ihnen nicht anschlagen - das sei von großer Bedeutung, wenn man neue Therapien entwickeln wolle, um Krebs bei Kindern und Jugendlichen zu heilen.

Genau diese Aufgabe hat sich die Stiftung, die 1994 vom Verein "Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt" gegründet wurde, auf ihre Fahnen geschrieben. Seit 2005 hat sie ihren Sitz im Dr. Petra Joh-Haus in Niederrad, das sie dank des Nachlasses der Namensgeberin - eine Betriebswirtin aus Gelnhausen, die 1999 an Krebs starb - errichten konnte. Knapp 60 Wissenschaftler und Labormitarbeiter widmen sich hier einem großen Ziel: Sie wollen die Ursachen für Tumorerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen herausfinden und dadurch die Heilungschancen verbessern. Die, sagt Vogel, liegen derzeit bei etwa 80 Prozent. Das heißt, jeder Fünfte der jungen Patienten stirbt an Krebs.

Heilungschancen bei 80 Prozent

Zwar sehr viel weniger als noch vor einigen Jahrzehnten, als beispielsweise die Diagnose "Leukämie" oder "Neuroblastom" für die meisten das Todesurteil bedeutete. Aber immer noch zu viele, findet der Wissenschaftler: "Wir haben eine hohe Motivation, diese 20 Prozent auch noch zu heilen." Schließlich erkranken in Deutschland pro Jahr rund 2200 Kinder und Jugendliche an Krebs.

Nicht nur um die Zellbank und um die Forschung an Chemotherapie-resistenten Tumorzellen kümmern sich die Wissenschaftler unter Leitung von Professor Jindrich Cinatl im Forschungshaus der Stiftung. Sondern sie suchen auch nach Substanzen, um solche Resistenzen zu überwinden. Vor einigen Jahren hätten sie beispielsweise herausgefunden, dass ein Mittel, das ursprünglich gegen Epilepsie entwickelt wurde, auch gegen manche Krebszellen wirke, berichtet Vogel.

Enge Zusammenarbeit mit der Uni-Klinik

2017 schafften die Forscher in Niederrad, die eng mit der nahe gelegenen Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Frankfurter Universitätsklinikum zusammenarbeiten, noch einen anderen Durchbruch: Sie entdeckten ein Protein, das offenbar bei Resistenzen gegen Leukämie-Therapien eine Rolle spielt. Bisher, erklärt Vogel, habe man bei Patienten, die an einer Unterform der akuten lymphatischen Leukämie leiden, nicht vorhersagen können, ob ein bestimmtes Standard-Chemotherapeutikum bei ihnen wirkt oder nicht. Dank des nun identifizierten Biomarkers sei das jetzt möglich - was Betroffenen einiges an Strapazen ersparen könne. "Ein Riesenerfolg", sagt Marcus Klüssendorf.

Ein weiterer Schwerpunkt der Frankfurter Wissenschaftler: Viren zu identifizieren, die die Aggressivität von Krebszellen steigern können. Das sei beispielsweise bei bestimmten Herpes-Viren der Fall, sagt Vogel. Weitere Arbeitsgruppen im Dr. Petra Joh-Haus arbeiten intensiv an der Grundlagenforschung, etwa an der Entschlüsselung von Signalwegen in Tumorzellen.

Eine wichtige Arbeit - allerdings aufwendig und vor allem teuer. Mehr als zwei Millionen Euro verwendet die Stiftung jedes Jahr für ihre Projekte. Übrigens ohne jegliche Förderung von Seiten der öffentlichen Hand. Alle Aktivitäten würden ausschließlich aus Spendengeldern und Nachlässen finanziert, sagt Geschäftsführer Klüssendorf. Auch von der Pharmaindustrie fließt kaum Unterstützung. Kinderkrebs-Forschung sei eben nicht renditeträchtig genug, sagen Klüssendorf und Vogel ein wenig resigniert.

Für sie jedoch kein Grund, ihr Engagement einzustellen. Ganz im Gegenteil. Unermüdlich versuchen sie und andere Mitarbeiter, potenzielle Geldgeber für die Stiftung zu begeistern. Gerade in Corona-Zeiten ein schwieriges Unterfangen, weil viele Aktionen nicht stattfinden können, etwa Spendenläufe und andere Benefizveranstaltungen. Gleichzeitig sorgen die steigenden Energiepreise für Sorgenfalten. Die Stromrechnung etwa beläuft sich inzwischen auf rund 8000 Euro - pro Monat.

Von solchen Erschwernissen lassen sich die Verantwortlichen nicht unterkriegen, schließlich geht es um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Motiviert werden Klüssendorf, Vogel und ihre Mitstreiter unter anderem durch bunte Bilder, die im Forschungshaus an den Wänden hängen - gemalt von Kindern. Wie heißt es auf einem der Blätter: "Wenn ich groß bin, möchte ich gesund sein."

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