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Sie gibt der Wut und Verzweiflung eine Stimme

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Von: Brigitte Degelmann

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Natascha Grin lebt seit 25 Jahren in Oberrad. Morgen gibt die Sängerin aus Kasan mit Musikerfreunden ein Konzert. FOTO: michael faust
Natascha Grin lebt seit 25 Jahren in Oberrad. Morgen gibt die Sängerin aus Kasan mit Musikerfreunden ein Konzert. © Michael Faust

Russische Sängerin schämt sich für ihr Heimatland

Eigentlich, sagt Natascha Grin (58), sei sie Pazifistin: "Noch nie habe ich einem Wesen den Tod gewünscht. Aber Putin wünsche ich den Tod. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich mit einer Maschinenpistole neben ihm stehen würde." Seit dem Beginn der russischen Angriffe auf die Ukraine ist für die aus Russland stammende Musikerin, die in Oberrad lebt und unter anderem als Sängerin der Frankfurter Partyband "Niteshift" bekannt ist, nichts mehr wie vorher. Sie schwankt zwischen Zorn, Fassungslosigkeit und Scham über das Land, in dem sie geboren und aufgewachsen ist.

Gedicht vertont

"Scham" - diesen Titel trägt auch ein Gedicht des russischen Autors Segey Plotov gegen das Putin-Regime, das Natascha Grin kürzlich vertont hat, als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine. Ein Gedicht, dass der Dissident Plotov bereits 2018 verfasst habe, erzählt sie, das aber die Enttäuschung und tiefe Verzweiflung über ihr Heimatland, die sie momentan empfindet, sehr genau widerspiegle. In dessen Himmeln gebe es "keine Erzengel, keinen Yuri Gagarin, keine Heiligen, um all die unaussprechlichen Sünden zu entschuldigen", heißt es darin.

Mit befreundeten Musikern wie dem ukrainischen Geiger Micha Makarov hat sie das Lied inzwischen aufgenommen. Bei etlichen Demonstrationen und Benefizveranstaltungen zugunsten der Ukraine hat sie den Song bereits vorgetragen - um Menschen in dem kriegsgeplagten Land zu unterstützen und um zu zeigen, dass nicht alle Russen mit der Politik des Kremls einverstanden sind.

Wut und Verzweiflung sind ihr anzumerken, wenn sie über den russischen Präsidenten und seine Helfer spricht: "Was sie sagen, ist alles Lüge, Lüge, Lüge - sie belügen das Volk von Kopf bis Fuß." Gleichzeitig ist sie fassungslos darüber, wie viele Menschen in Russland den Krieg immer noch rechtfertigen.

Mindestens 15 Freunde habe sie in den vergangenen Wochen verloren, erzählt sie - weil diese der staatlichen Propaganda mehr glaubten als unabhängigen Medien. "Das Volk ist mental ruiniert", sagt sie resigniert.

Für sie ist das umso schmerzlicher, weil sie sich der russischen Kultur immer noch tief verbunden fühlt. Dabei habe sie schon früh gemerkt, dass in dem Land vieles schief laufe, erzählt Natascha Grin, die in Kasan an der Wolga aufwuchs, dort an der Musikhochschule Violine, Klavier und Querflöte studierte, bevor ihre Karriere als Sängerin begann. Sie erinnert sich daran, dass sie ein Drittel ihres Einkommens als Schutzgeld habe zahlen müssen, "an Banditen". Irgendwann reichte es ihr. Anfang der 1990er-Jahre verließ sie Russland und kam nach Deutschland, seit mittlerweile 25 Jahren lebt sie schon in Oberrad.

Der Ukraine fühlt sie sich nicht nur deshalb verbunden, weil ihr Ehemann aus dem Land stammt, ebenso wie viele ihrer Freunde und Musikerkollegen. Sondern auch darum, weil sie dort schon aufgetreten ist, etwa in Kiew und Mariupol - eben jener Hafenstadt, die nun von russischen Truppen in Schutt und Asche bombardiert wurde.

Im Theater von Mariupol habe sie einst gesungen, erinnert sie sich. Auch dieser Bau wurde nun zerstört, wobei vermutlich Hunderte von Menschen starben.

Zwar habe sie Putin schon immer misstraut, sagt Natascha Grin - vor allem deshalb, weil er einst Offizier beim sowjetischen Geheimdienst KGB gewesen sei. Dennoch sei der Kriegsbeginn am 24. Februar für sie ein Schock gewesen, von dem sie sich immer noch nicht erholt habe. Jetzt versucht sie unermüdlich, sich zugunsten der Ukraine zu engagieren. Regelmäßig tritt sie bei Benefizkonzerten und Kundgebungen auf, hilft beim Sortieren von Hilfsgütern für die Ukraine und kümmert sich um Geflüchtete, die in Kalbach Zuflucht gefunden haben. Für deren Kinder hat sie beispielsweise Spielzeug gesammelt.

Außerdem macht sie mit ihnen das, was sie am besten kann: Musik. Sehr zur Begeisterung der Jungen und Mädchen, die sie inzwischen "Tante Natascha" nennen und begeistert auf sie zustürmen, wenn sie in die Einrichtung kommt. "Meine kleinen Piranhas", sagt sie liebevoll, wenn sie von den Kindern erzählt.

Das nächste Lied ist schon komponiert

Außerdem arbeitet sie schon an ihrem nächsten Song gegen den Krieg. Der Titel: "Bring him back". Davon plant sie auch eine russische Version, in der Hoffnung, damit vielleicht einige Menschen in ihrer Heimat zu erreichen - damit sie sich gegen Putin und den Krieg wehren. "Ich möchte Frieden", sagt sie irgendwann. "Denn Frieden ist das einzige, was uns retten kann."

Mit Künstlern aus Deutschland, Israel, der Ukraine und Russland sowie Musikschülern aus der Region tritt Natascha Grin morgen, Donnerstag, 7. April, 19 Uhr, bei einem Benefizkonzert für die Ukraine im Gallus Theater, Kleyerstraße 15, auf. Dort werden auch Spenden für den Verein "OBOZ - Humanitäre Hilfe für die Ukraine" gesammelt.

Brigitte Degelmann

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