1. Startseite
  2. Frankfurt

„Sie glauben, im Besitz einer unhinterfragbaren Wahrheit zu sein“

Erstellt:

Von: Thomas J. Schmidt

Kommentare

Prof. Susanne Schröter leitet das Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Universität.
Prof. Susanne Schröter leitet das Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe-Universität. © peter-juelich.com

Die Ethnologin Prof. Susanne Schröter prangert in ihrem neuen Buch die Political Correctness an

Die Ethnologin Prof. Susanne Schröter ist bei linken und woken Aktivisten schon öfters unangenehm aufgefallen. Zum Beispiel, als sie 2019 an der Goethe-Universität eine Konferenz rund um das Thema „islamisches Kopftuch“ organisierte. Jetzt hat die Gründerin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam ein neues Buch vorgelegt, das für lebhafte Diskussionen sorgt. Redakteur Thomas J. Schmidt hat mir ihr darüber gesprochen.

Ihr neues Buch „Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass“ wird im Oktober vorgestellt, doch es ist schon im Handel. Warum das?

Ja, wir sind seit dem 29. August auf dem Markt. Der Verlag hat entschieden, das Buch vorzuziehen, aus Gründen der Aktualität. Die offizielle Vorstellung ist am heutigen 14. Oktober, 19 Uhr, im Historischen Museum, moderiert von Jan Fleischhauer. Einem Focus-Kolumnisten, der früher beim Spiegel war. Und der, nebenbei, einer meiner journalistischen Helden ist...

Wie verkauft sich Ihr Buch?

Es verkauft sich sehr gut. Der Verlag hat bereits eine zweite Auflage beschlossen.

Sie greifen die Political Correctness an, die woke Schickeria?

Mit dem Begriff woke, im Deutschen „erwacht“, bezeichnen sich Aktivisten, die der Meinung sind, dass sie die Strukturen von Ungerechtigkeit durchschaut und eine Lösung für deren Abschaffung gefunden haben. Es handelt sich um eine sehr schlichte Schwarz-Weiß-Ideologie, die auf der einen Seite weiße Menschen als Übeltäter und auf der anderen Seite nichtweiße Menschen als Opfer verordnet. Weitere Unterscheidungen betreffen das Geschlecht die sexuelle Orientierung oder die Religionszugehörigkeit. Woke Aktivisten sind Menschen, die sich einer Opfergruppe zugehörig fühlen, und deren Unterstützer. Beide glauben, im Besitz einer unhinterfragbaren Wahrheit zu sein, die nicht mehr diskutierbar ist und möchten jede andere Meinung aus der Öffentlichkeit verbannen. Dies betrifft vor allem Hochschulen und Kultureinrichtungen, aber auch einen Teil der Medien. Jüngst wurde eine Biologin ausgeladen, die an der Humboldt-Universität einen Vortrag über die Zweigeschlechtlichkeit in der Natur halten wollte. Sie wurde wegen angeblicher „Transfeindlichkeit“ und Fragen der Sicherheit ausgeladen. Das widerspricht allen Grundprinzipien von Wissenschaftlichkeit. Wenn die Universität das ernst meint, kann sie dichtmachen oder muss sich in eine NGO umwandeln.

Es ist kein Einzelfall, es gibt viele solcher Beispiele. Wo kommt das denn her?

Das habe ich in meinem Buch erläutert. Es geht um Cancel Culture, um die Ausgrenzung missliebiger Meinungen und darum, das alleinige Deutungsmonopol für gesellschaftliche Entwicklungen zu erhalten. Der Trend entstand in amerikanischen Hochschulen aus Ansätzen der Gender-Forschung und der so genannten postkolonialen Theorie, die von Aktivisten aufgegriffen wurden, die sich selbst als antirassistisch verstanden. Aus der Anklage eines Missstandes, nämlich der Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA, entwickelte sich eine schrille Ideologie, die mit außerordentlicher Aggressivität durchgesetzt wird. Weiße gelten dabei grundsätzlich als rassistisch, wer von biologischer Zweigeschlechtlichkeit spricht, wird als „transphob“ beschimpft, wer islamischen Extremismus kritisiert, erhält den Stempel „islamophob“. Der Westen, so die dahinterstehende Vorstellung, sei ungebrochen von kolonialem und rassistischem Denken geprägt und zudem an allen Übeln der Welt, von Kriegen bis zu Umweltproblemen, schuld.

Die politische Mitte schweigt.

Sie nimmt es hin, dass Grundrechte eingeschränkt werden, die Meinungsfreiheit limitiert wird, sogar Verlage proaktiv einknicken, wie jüngst in Sachen Winnetou.

Sie sehen aber auch eine Kehrseite des bösen Westens?

Richtig. Die andere Seite der Idee vom allmächtigen üblen Westens ist die Vorstellung, er können den Rest der Welt mit Demokratie und der Durchsetzung der Menschenrechte beglücken. Das stand hinter der Mission in Afghanistan, hinter dem finanziellen Engagement in Tunesien, sowie dem Sturz von Saddam Hussein im Irak oder Muammar al-Gaddafi in Libyen. Bis heute gibt es kein Einsehen, dass Menschen in anderen Teilen der Welt vielleicht nicht auf den Einsatz des Westens gewartet haben und dass sich militärische Interventionen deshalb nicht rechtfertigen lassen.

Zwei Seiten des Kolonialismus?

Die Selbstinszenierung als Bringer von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, die entweder mit militärischer Gewalt, mit finanziellen Mitteln oder durch pädagogische Maßnahmen durchgesetzt werden, offenbart in der Tat neokoloniales Denken. Man hält die Anderen für minderentwickelt, letztendlich für Kinder, die man auf den rechten Weg bringen muss. Pikanterweise sind es häufig gerade die linken Aktivisten, die dem Westen Rassismus und Kolonialismus vorwerfen und gleichzeitig Interventionen wie in Afghanistan fordern. Das wichtigste Betätigungsfeld der Aktivisten ist allerdings nicht die Außen-, sondern die Innenpolitik. Da geht es darum, selbst ernannten Opfergruppen nach dem Mund zu reden und Abbitte für eine vermeintlich schändliche Haltung zu leisten. Zum Beispiel für einen versteckten Rassismus, von dem man selbst nichts wusste. Man möchte politisch korrekt sei und kein falsches Wort sagen.

Wer sind diese Aktivisten?

Sie gehören vorwiegend einer gut gebildeten Mittelschicht an, haben Geisteswissenschaften studiert, ihr Leben komfortabel und im Wohlstand verbracht. Etliche beschleicht offenbar das Gefühl, das alles nicht verdient zu haben, was sie anfällig für Vorwürfe macht, von einer ungerechten Welt zu profitieren. Andererseits kultivieren sie ein akademisches Elitebewusstsein, das sich unter anderem in einer politisch korrekten Sprache ausdrückt, die niemand außerhalb der eigenen Bubble mehr versteht.

Zum Beispiel sprechen Arbeiter auch nicht von Arbeiter_Innen oder Arbeiter:innen.

Genau. Die politisch korrekte Sprache schafft eine bewusste Abgrenzung vom Rest der Bevölkerung.

Was kann man tun?

Nach außen hin, auf der internationalen Bühne, muss der Westen realistischer, demütiger und pragmatischer werden. Wir können für unsere Ideale werben, sie aber nicht militärisch durchsetzen. Innenpolitisch geht es darum, die Freiheit zu verteidigen, die Meinung-, Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit. Sie sind die Grundlage der Demokratie.

Den Wokismus bekämpfen?

Wir sollten diesem Irrsinn entschieden Einhalt gebieten. Wer die Freiheit im Innern nicht verteidigt, ist auch außenpolitisch nicht attraktiv. Putin macht sich über die westliche Cancel Culture lustig, und das sollte uns alarmieren.

Auch interessant

Kommentare