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Starkes Mutter-Sohn-Team: Assita Maslouhi und Adam aus Unterliederbach haben sich trotz mancher Alltagshürden ihre Lebensfreude bewahrt. foto: maik reuss

Unterliederbach: Inklusion

Sie kämpft wie eine Löwin für ihr Kind

  • vonDavid Schahinian
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Alleinerziehende Mutter hofft auf Unterstützung für ihren Sohn

Als alleinerziehende Mutter mit einem beeinträchtigten Sohn das Leben zu gestalten, ist nicht einfach. Damit Adam die Schule besuchen und Assita Maslouhi ihrer Arbeit nachgehen kann, sind sie auf Hilfe angewiesen. Schulassistenten unterstützen Kinder mit entsprechendem Bedarf im schulischen Alltag. Sie sind wichtig, weil die Schulen selbst nicht die Ressourcen haben, um sich um diese Kinder so zu kümmern, wie es nötig wäre - auch die Carl-von-Weinberg-Schule in Goldstein nicht. Die beiden sitzen auf einer Couch in ihrer Unterliederbacher Wohnung und erzählen von ihrem Alltag. Adam, 13 Jahre alt, ist fleißig und geht mittlerweile in die siebte Klasse. Solange ein Zahnrad ins andere greift, ist die Situation gut beherrschbar, verlässliche und stabile Abläufe sind wichtig.

Vertrauensbasis ist wichtig

Seit rund drei Jahren wird der Schüler von Schulassistenten der Lebenshilfe Frankfurt unterstützt. Sie ist ein gemeinnütziger Verein, der 1961 von Eltern und Angehörigen von Menschen mit Behinderung gegründet wurde. Mit den meisten der bisherigen Assistenten kam Adam, ein höflicher und pfiffiger junger Mann, gut klar. In den vergangenen Monaten habe es jedoch mitunter gehakt, schildert Maslouhi.

Zwei Beispiele: Einmal fiel die Assistenz kurzfristig aus, obwohl am nächsten Morgen eine Klassenarbeit anstand. Eine Vertretung konnte auf die Schnelle nicht organisiert werden. Ein anderes Mal musste die Mutter spontan und dringend für knapp anderthalb Stunden zu einer wichtigen Teamsitzung ihres Arbeitgebers, obwohl mit der Lebenshilfe vereinbart war, dass sie beim Corona-Homeschooling anwesend ist.

Was tun? Auf Konfrontation zum eigenen Arbeitgeber gehen? Adam kurzzeitig mit der Betreuung allein lassen?

Sie entschied sich für die zweite Lösung, und es kam zum Eklat: Bei einem nötigen Toilettengang habe die Assistenz die Mithilfe verweigert, sagt Maslouhi. Für das Kind eine mehr als unangenehme Situation. "Es geht uns darum, dass endlich Ruhe in unser Leben einkehrt."

Sie weiß nämlich, dass es auch anders geht. In den vergangenen Wochen wurde Adam von einem Assistenten betreut, bei dem die Chemie stimmt. Er und der Schüler sind ein gutes Team, ist allenthalben zu hören. Der Junge blüht auf. "Es ist eine gute Passung", bestätigt auch Volker Liedtke-Bösl, geschäftsführender Vorstand der Lebenshilfe Frankfurt. Wie wichtig eine Vertrauensbasis mit einem Menschen ist, auf den man angewiesen ist, können wohl nur jene beurteilen, die schon einmal in einer solchen Situation waren.

Allein, der Assistent kann nicht bleiben. Er ist eine Fachkraft, der Kostenträger hat für die Schulassistenz aber nur eine Nichtfachkraft genehmigt. Die Lebenshilfe hat sich in den vergangenen Monaten nach eigenen Angaben eindringlich bemüht, eine solche, die geeignet für Adam ist, zu finden. Bisher aber ohne Erfolg.

Ob man nicht einfach eine Ausnahme machen kann? Nein, denn die Fachkräfte werden an anderer Stelle dringend gebraucht - etwa bei Kindern, die einen noch höheren Betreuungsbedarf haben.

Es stünden viele auf einer Warteliste, die eine Fachkraft bräuchten, sagt Claudia A. Fischer, Leiterin Projektentwicklung und Kommunikation. Bei anderen Trägern sehe die Lage nicht viel anders aus, es herrsche Fachkräftemangel. Ein gewichtiger Grund für sie, die Bedeutung sozialer Berufe insbesondere in Zeiten von Corona immer wieder herauszustellen. Es gelte, sie aufzuwerten und Wege zu finden, dass wieder mehr junge Menschen diese Option für ihr Arbeitsleben in Erwägung ziehen.

Trotz der schwierigen Situation ist der Gesprächsfaden mit Maslouhi nie abgerissen. Die derzeitige Assistenz hat nun einen Aspekt eingebracht, der den gordischen Knoten lösen könnte. Er ist, außer der Mutter natürlich, am nächsten an Adams Alltag dran. Der Schüler kommt nun in die Pubertät - und mit ihm auch seine Klassenkameraden. Das verändere die Situation in der Betreuung, da das Erwachsenwerden auch zu einer ganz neuen Auseinandersetzung mit der eigenen Behinderung führe, so Liedtke-Bösl: "Unser Eindruck ist, dass wir aus diesem Grund noch einmal überprüfen sollten, ob nicht der Einsatz einer Fachkraft hilfreich wäre."

Die Lebenshilfe stellt nun einen entsprechenden Antrag an das Sozialamt. Bis dahin bleibt der aktuelle Schulassistent bei der Familie. Wird der Antrag genehmigt, könnte das eine Dauerlösung werden - und Adam Maslouhi könnte sich endlich wieder auf die Schule konzentrieren.

david schahinian

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