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Unterliederbach: Hilfe

Sie kochen für Bedürftige, egal welchen Glaubens

  • vonAlexandra Flieth
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Im Sikh-Tempel an der Silostraße setzen sich Ehrenamtliche für ihre Mitmenschen ein

Es ist ruhig im Tempel der Sikh, Gurdwara genannt. Nur wenige Gläubige sind an diesem Sonntagvormittag in den Räumen an der Silostraße und beten. Wer hinein möchte, muss einen Mund-Nasen-Schutz tragen und sich zuvor die Hände waschen und desinfizieren. Die Schuhe auszuziehen und den Kopf zu bedecken, das gehört auch dazu und ist Ausdruck des Respekts. Auch durch mehrlagige Filter im Mund-Nasen-Schutz zieht indes der Duft leckeren Essens in die Nase. Normalerweise, so erzählt Gemeindemitglied Amarpreet Gill, sitze man an Sonntagen nach dem Gebet zusammen, um zu essen. Das sei in Corona-Zeiten nicht möglich.

Im Speiseraum nebenan gibt es weder Tische noch Stühle. "Wir sitzen beim Essen alle auf dem Boden, um auszudrücken, dass alle Menschen gleich sind", erklärt Amarpreet Gill. Direkt an den Speisesaal grenzt die Küche an. Seit den frühen Morgenstunden werden dort bereits Mahlzeiten für Bedürftige aus der Stadt und aus Offenbach, wo es ebenfalls einen Tempel der Religionsgemeinschaft der Sikh gibt, gekocht.

In den großen Edelstahltöpfen brodelt eine traditionelle indische Linsensuppe vor sich hin - vegan. Dazu gibt es Reis. Wenn alles fertig ist, wird es portioniert und mit Autos zu den Menschen gebracht, denen es gerade in Corona-Zeiten an vielen Dingen fehlt. Frisches Obst gibt es ebenfalls mit dazu. "Wir verteilen die Suppe an Einrichtungen wie Weser5 und die Bahnhofsmission sowie an bedürftige Einzelpersonen", erklärt Amarpreet Gill. Sie hat die Aktion mitgeplant und die Aufgaben an die ehrenamtlichen Helfer der Glaubensgemeinschaft verteilt. In den Sikh-Tempeln bundesweit wird an diesem Wochenende für Bedürftige gekocht; Die Aktion steht unter der Regie des Sikh-Verbandes Deutschland. Und das hat einen Grund: Die Gläubigen aus Indien feiern den 551. Geburtstag ihres Religionsgründers Guru Nanak Dev (1469-1539). Sikh-Männer tragen Bärte und große Turbane und werden deshalb oft mit Muslimen verwechselt. Wie der Islam und das Christentum ist ihre Religion monotheistisch, kennt also nur einen einzigen Gott.

"Während des ersten Lockdowns im Frühjahr haben wir uns überlegt, wie wir den Menschen helfen können, die besonders durch die Corona-Pandemie betroffen sind", erzählt Gill. "Seitdem kochen wir hier immer am letzten Samstag im Monat und verteilen das Essen am Kaisersack im Bahnhofsviertel." Im Offenbacher Sikh-Tempel haben die ehrenamtlichen Helfer bereits am Tag zuvor gekocht und die ersten Portionen verteilt. "Insgesamt", so schätzt Gill, "werden es an beiden Tagen um die 850 Portionen sein." Neben den genannten Einrichtungen würden auch rund 100 Einzelpersonen beliefert. Über die "Sozialen Medien" hat der Sikh-Verband auf die Aktion aufmerksam gemacht. Und nicht zum ersten Mal kocht die Gemeinschaft der Sikh an der Silostraße für Bedürftige, doch an diesem Wochenende ist es schon etwas Besonderes. Die Gleichheit aller Menschen und die Nächstenliebe sind zentrale Punkte im Sikhismus. Das soll mit der Aktion zum Ausdruck kommen.

Dieses Wochenende sind 35 Ehrenamtliche im Einsatz, die meisten kommen mit ihren Autos vorgefahren, um das Essen zu verteilen - rund 380 Portionen an diesem Sonntag. "Wir bekommen viele Rückmeldungen, in denen sich Menschen für das Engagement bedanken - schriftlich und mündlich", sagt Gill. Sie berichtet etwa von einer alleinerziehenden Mutter mit Zwillingen, die in der Corona-Pandemie ihre Arbeit verloren habe, oder von dem Wohnungslosen, für den die warme Mahlzeit einfach wichtig sei. Diese Erfahrungen bestätigt auch Harish Sundri, der vorgefahren ist, um die Portionen seiner Lieferung abzuholen. Sein Bruder Navim Sundri liefert ebenfalls aus - zum ersten Mal, wie er erzählt. Zuvor hat er in der Küche mitgeholfen. Die Helfer verlieren keine großen Worte über das, was sie tun. Es sind stille Helfer, die sich aus voller Überzeugung und mit ganzem Herzen für ihre Mitmenschen einsetzen. Alexandra Flieth

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