Anzügliche Sprüche, sexuelle Belästigung: Was Frauen in Frankfurt erleben, können sie auf dem Instagram-Account @catcallsofffm dokumentieren. Die Initiatorin und ihre Mitstreiterinnen schreiben das Erlebte dann am jeweiligen Ort mit Kreide auf. Ankreiden nennt sich das.
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Anzügliche Sprüche, sexuelle Belästigung: Was Frauen in Frankfurt erleben, können sie auf dem Instagram-Account @catcallsofffm dokumentieren. Die Initiatorin und ihre Mitstreiterinnen schreiben das Erlebte dann am jeweiligen Ort mit Kreide auf. Ankreiden nennt sich das.

Aktion

Frauen schreiben Geschichten sexueller Belästigung auf Frankfurter Straßen

  • VonSarah Bernhard
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Marlene und ihr Team schreiben Geschichten von Frauen auf die Straße und ins Internet

Frankfurt - "Er packte mir an den Po. Die Security sagte: ,Nimm es als Kompliment. Du bist ja auch hübsch!'", steht in bunten Kreidefarben auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof. ",Euer Alter ist nicht wichtig, weil ihr hübsch seid!' Wir waren 15!", auf dem Platz vor der Hauptwache. Knapp 30 solcher kurzen Schriftzüge standen seit September vergangenen Jahres auf Frankfurts Gehsteigen und Plätzen, unterschrieben sind sie mit "@catcallsofffm", einem Instagram-Account.

Sexuelle Belästigung: Catcalls-Account eröffnet

Gründerin des Accounts ist die 34-jährige Marlene, die sich den ersten, vor fünf Jahren in New York eröffneten Catcalls-Account, @catcallsofny, zum Vorbild nahm. Als "Catcalling", auf Deutsch "Katzen-rufen", bezeichnet man sexuell anzügliches Hinterherrufen, Pfeifen oder andere Laute im öffentlichen Raum, aber auch sexuelle Belästigung im Allgemeinen.

Bereits kurz nach der Eröffnung bekam Marlene, die aus Angst vor Anfeindungen ihren Nachnamen nicht öffentlich machen möchte, die ersten, oft sehr ausführlichen Geschichten von Frauen geschickt, die belästigt wurden. "Eigentlich dachte ich, dass der Bedarf nicht mehr groß sei. Wir sind ja nicht mehr in den 50er Jahren." Doch von da an meldeten sich immer mehr Frauen und Mädchen bei ihr, viele von ihnen unter 18. "Irgendwann konnte ich die Nachrichten nicht mehr alleine stemmen."

Deshalb hat sie sich vor einigen Wochen vier Mitstreiterinnen gesucht, die gemeinsam mit ihr die Quintessenzen der eingesandten Erlebnisse extrahieren und dann "ankreiden" gehen - immer genau an dem Ort, an dem das Opfer die sexuelle Belästigung oder Gewalt erlebt hat.

"In der Bahn: Er guckte mich an und masturbierte. Ich war 13!" Sie wolle zeigen, dass Catcalling und Feminismus nicht nur theoretische Konstrukte sind, über die man streiten könne, sagt Marlene. "Belästigung erzeugt wirkliches Leid. Das ist vielen Menschen, die selbst nicht betroffen sind, gar nicht klar." Viele Frauen schrieben ihr, dass sie nach ihrem Erlebnis gezittert oder geweint hätten, manche trügen nie wieder bestimmte Kleidung, vermieden bis heute die Orte, an denen sie belästigt wurden.

Ihr Account, sagt Marlene, wirke dann oft wie ein Ventil. "Ich hätte nicht für möglich gehalten, was es für die Frauen bedeutet, wenn ihr Erlebnis dort auftaucht. Viele schreiben mir danach, wie bekräftigend sie das fanden, manche Frauen erzählen, dass sie vor Erleichterung weinen mussten, weil sie sich endlich wehren konnten." Einige schrieben auch, dass @catcallsofffm sie widerstandsfähiger gemacht habe. "Weil die Frauen wissen, dass sie, wenn das nächste Mal ein dummer Spruch kommt, ihn einfach schicken können."

Catcalls-Account-Gründerin: "Belästigung erzeugt wirkliches Leid"

Vor dummen Sprüchen ist auch die gebürtige Wiesbadenerin selbst nicht gefeit - weder online noch offline. "Auf Instagram lasse ich gar nicht erst zu, dass jemand unter ein Bild schreibt: ,Was? Das bisschen triggert die schon?' Die Frauen können ja mitlesen." Bei Direktnachrichten lasse sie sich hingegen oft auf Diskussionen ein. Auch auf lange. "Obwohl das manchmal echt anstrengend und trotzdem oft fruchtlos ist."

Und auch beim Ankreiden sei sie immer gesprächsoffen. "Oft bleiben Frauen stehen und fragen, was ich da mache. Ich würde gerne sagen, dass das auch Männer tun. Aber dem ist nicht so." Die stellten sich eher neben sie und starrten. "Oder sie sagen, was ich mache, sei langweilig, oder dass das so gar nicht passiert sein könne." An belebte Orte, etwa die Konstablerwache, gehe sie deshalb "mit einem unruhigeren Gefühl".

Marlene hat den Instagram-Account @catcallsofffm eröffnet.

"Er rief: ,Hey Hübsche.' Ich reagierte nicht. Er rief: ,Hässliche Hure!'" Bis jetzt hat Marlene nur wenigen Menschen erzählt, dass sie den catcallsofffm-Account betreut. Nicht, weil sie sich dafür schämt, dass sie Feministin ist. "Das war vielleicht vor zehn Jahren so. Aber dann ist mir klargeworden, dass es Ungerechtigkeiten gibt, die mit nichts anderem zu tun haben als dem Geschlecht. Und das muss sich ändern."

Sie ist deshalb zurückhaltend, weil sich diejenigen, die es wissen, Sorgen um sie machen. "Feminismus ist ein Thema, das große Wut erzeugen kann", sagt Marlene. "Dabei machen wir ja nicht einmal Hardcore-Feminismus, sondern zeigen ein bestehendes Problem auf. Irgendwie traurig,"

Auch sie selbst ist schon Ziel von Attacken geworden. "Manchmal möchte ich dann fragen: Was genau stört dich jetzt eigentlich?" Dass Frauen abends ohne Angst joggen gehen wollen? Dass sie Alkohol trinken wollen, ohne abzuwägen, ob sie sich damit zu einem zu leichten Opfer machen? Dass sie das Kleid tragen wollen, das sie möchten, auch wenn es kurz ist? "Wir reden hier von realen Einschnitten in unsere Freiheit." Dabei ist diese fest im Grundgesetz verankert.

Angst vor körperlichen Angriffen hat Marlene nicht. "Aber manchmal belastet mich die Verantwortung für das Versprechen, das wir mit dem Account geben": Die Frauen ernst zu nehmen, die Öffentlichkeit auf das erlittene Leid aufmerksam zu machen, und so künftiges zu verhindern. "Es kann sich nur etwas verbessern, wenn mehr Leute darauf aufmerksam werden." Deshalb gehen Marlene und ihre Mitstreiterinnen weiterhin ankreiden. "Und wenn dann doch mal jemand ehrlich sagt: So hab ich das noch nie gesehen, ich werde darüber nachdenken, dann haben wir erreicht, was wir wollten."

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