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Müllpatin (72) in Frankfurt: „Sie haben schon einen Platz im Himmel“

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Von: Friedrich Reinhardt

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Marion Dominiak-Keller zieht als Müllpatin fast jeden Tag mit Zange und Beutel durch die Straßen von Frankfurt-Seckbach.

Frankfurt - Die von Gras umwachsene Badewanne hinter dem Gebüsch ist für Marion Dominiak-Keller ein größeres Projekt. Seit mehr als zwei Jahren liegt die Metallwanne an dem Fußweg, der von der Alsfelder Straße in Frankfurt hinauf zum Lohrberg führt. Vier bis fünf mal pro Woche kommt die Müllpatin an ihr vorbei. Sie sammelt Verpackungen, jede Menge Zigarettenstummel und Taschentücher, Sperrmüll, den anderen wild entsorgt haben, räumt ihn an die nächste Straßenkreuzung, damit die Müllabfuhr ihn abholen kann. Die Wanne aber ist zu schwer für die 72 Jahre alte Seckbacherin. Mit ihrem Enkel hat sie schon versucht, die Wanne auf die Straße zu hieven. Es ging nicht. Es ist eben ein größeres Projekt.

Seit zwei Jahren ist Dominiak-Keller Müllpatin im Stadtteil. In der Pandemie war das Riedbad geschlossen, sie begann joggen zu gehen. Monatelang habe sie den Müll am Rande ihrer Strecke gesehen. „Das ist nicht dein Business“, habe ich mir immer wieder gesagt.“ Als sie aber vom Paten-Programm der Frankfurter Entsorgungs- und Servicegesellschaft (FES) hörte, meldete sie sich doch an, bekam Zange und Müllsäcke.

Müllpatin in Frankfurt-Seckbach: Morgens um Acht geht es los

Sie beginnt ihre Runde morgens, meist gegen 8 Uhr, wenn der Tag noch neu und frisch ist. In schwarzen Sportschuhen, einer dunklen Mütze und einem dunkelgrünen Anorak läuft sie den glatten Kirschbergweg hinunter. Auf ihrem Rücken ist ein Aufnäher. Darauf sind zerknüllte Zigarettenpackungen und anderer Müll zu sehen, den ein Mensch aus dem Autofenster wirft. Darüber steht: „Nein!“.

Seit zwei Jahren ist Dominiak-Keller (72) Müllpatin im Stadtteil. Über das Lob der Menschen, die ihr begegnen, freut sie sich. Und sie glaubt, an der einen oder anderen Stelle auch schon etwas bewirkt zu haben.
Seit zwei Jahren ist Dominiak-Keller (72) Müllpatin im Stadtteil. Über das Lob der Menschen, die ihr begegnen, freut sie sich. Und sie glaubt, an der einen oder anderen Stelle auch schon etwas bewirkt zu haben. © Friedrich Reinhardt

Die schlanke, hochgewachsene Frau macht große Schritte, als sei sie zu spät dran. Sie scannt den Wegesrand. Im Brombeergestrüpp liegen kleine Sektflaschen. Sie muss sich lang machen, um sie greifen zu können. Die Flaschen rutschen aus dem Griff ihrer Zange, immer wieder. Letztlich landen sie doch in ihrer Papiertüte.

Müllpatin in Frankfurt-Seckbach: Sex-Paaren einen Brief geschrieben

Mit dem Müll sammelt die ehemalige Psychotherapeutin auch Geschichten. Hinter den sieben oder acht Jägermeisterflaschen, die sie jede Woche in der Hofhausstraße einsammelt, erscheint ihr ein Alkoholiker, der seine Sucht verheimlicht. Das Papier von Eukalyptus-Bonbons gehört zu einem älteren Menschen, dessen Mundschleimhäute im Alter trockener geworden sind. Den Liebespaaren aus ihrer Vorstellung, die sie hinter den Taschentüchern und Kondomen auf dem Lohrberg-Parkplatz vermutet, hat sie einen Brief geschrieben.

Dass es eine sexuelle Revolution gegeben habe und Paare doch auch Zuhause im Bett Sex haben könnten, habe sie geschrieben. Das sei doch viel gemütlicher. Es ist das Unverständnis einer 72-Jährigen, die als junge Frau nicht mit ihrem Freund in einer Wohnung leben konnte, weil die beiden nicht verheiratet waren. Den Brief klammerte sie an einen Baum. Geantwortet hat niemand.

Müllpatin in Frankfurt-Seckbach: Enkelkinder als Motivation

Es gibt für Dominiak-Keller viele Gründe den Müll anderer Menschen wegzuräumen. Sie mag es, wenn es sauber ist, sagt sie. „Und ich werde gelobt, das darf man nicht unterschätzen.“ Einer, habe mal zu ihr gesagt: „Sie haben schon einen Platz im Himmel.“ Auch sieht sie an einigen Stellen, wie ihre Arbeit als Müllpatin Seckbach im Kleinen verändert. Am Ende des Kirschbergwegs beispielsweise. An der Haltestelle Leonardsgasse haben Busfahrer und Fahrgäste oft Müll und Kippen auf den Boden geworfen. Seit sich rumgesprochen hat, dass Dominiak-Keller dort regelmäßig aufräumt, - so ihr Eindruck - lassen die Leute weniger Müll liegen. Doch ein Grund scheint aus den anderen Gründen heraus zu ragen: ihre Enkelkinder.

Immer wieder kommt Dominiak-Keller auf sie zu sprechen. Sie sagt etwa: „Wenn unsere Enkel irgendwann fragen: Warum habt ihr nichts getan, als unser Planet zerstört wurde? Ihr wolltet doch umweltbewusst und sozial sein! Dann will ich wenigsten sagen können, dass ich versucht habe die Umwelt zu schützen.“ Es gelinge ihr damit, ihr schlechtes Gewissen zum Schweigen zu bringen. Zumindest ein bisschen. (Friedrich Reinhardt)

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