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Sie öffnet Türen und erzählt Geschichten

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Von: Enrico Sauda

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Am ersten Aprilwochenende werden in Frankfurt zehn Wohnungen geöffnet, in denen im Zweiten Weltkrieg Verfolgte lebten. Marie Rolshoven hat das Projekt initiiert und an den Main gebracht
Am ersten Aprilwochenende werden in Frankfurt zehn Wohnungen geöffnet, in denen im Zweiten Weltkrieg Verfolgte lebten. Marie Rolshoven hat das Projekt initiiert und an den Main gebracht © FFM

"Denk Mal am Ort" gibt Nachbarn, die im Zweiten Weltkrieg verfolgt wurden ein Gesicht

Marie Rolshoven öffnet Wohnungstüren. Und die Geschichten dahinter. Über die Menschen, die im Zweiten Weltkrieg verfolgt wurden und einst in den Wohnungen lebten. "Denk Mal am Ort" heißt das Projekt, dass sie an den Main geholt hat, wo sich am ersten Aprilwochenende an zehn Orten die Türen öffnen.

Rolshoven ist gelernte Möbeltischlerin, arbeitete lang beim Theater und ein wenig beim Film im Bereich Szenenbild. "Die Drehgeschichten mochte ich ganz gern", sagt sie. Mit 31 Jahren begann sie recht spät zu studieren. Wegen der Kinder. "Theater, Kunstgeschichte, Filmwissenschaft - ich wollte gern im Museum arbeiten", erinnert sie sich. Sie fing bei der Gedenkstätte "Stille Helden" an. "Dort geht es um Geschichten von Menschen, die verfolgten deutschen Juden geholfen haben, sich zu verstecken", berichtet sie.

Oskar Schindler, der eine Zeit lang in Frankfurt lebte und dessen Geschichte von Starregisseur Steven Spielberg verfilmt wurde, fällt einem spontan ein. Aber er war nicht der einzige. "Es gab Menschen, natürlich ganz wenige, die etwas gegen das System unternommen haben", sagt Marie Rolshoven. Heute bannt sie die Geschichten dieser Menschen auf Film.

Angefangen hat es mit dem Ehepaar Michalski, das sie filmte, während es seine Geschichte erzählte. Dann hörte sie von dem Projekt "Open jewish homes" in Amsterdam. Am Jahrestag der Befreiung, werden Wohnungen von Juden geöffnet und ihre Geschichten erzählt. Das war in Amsterdam und irgendwann wurde Marie Rolshoven gefragt, ob sie dieses Projekt nicht nach Berlin holen wolle. So entstand 2016 "Denk Mal am Ort".

Was Rolshoven bis dahin nicht wusste war, dass sie selbst jüdische Wurzeln hat. "Der Patenonkel meiner Mutter, Dimitri Stein, dessen Vater war russischer Jude", sagt sie. "Während sein Vater nach Paris floh, dort deportiert und in Auschwitz ermordet wurde - überlebte Dimitri mit der Hilfe meines Großvaters, der ihn versteckte." Marie Rolshovens Mutter, eine Historikerin, studierte in Frankfurt. So entstand ihre Beziehung zur Mainmetropole.

In der Villa oder im Keller

Fünf Filme sind mittlerweile entstanden. Der Fokus des Projektes liegt aber darauf, Wohnungen zu öffnen. An den authentischen Wohn- und Lebensorten: im Haus, in der Villa, in der Wohnung, im Hof, im Keller, im Treppenhaus, im Garten im Lokal oder vor dem Wohnhaus. Am Wochenende nach der Kapitulation. Das war in Frankfurt der 29. März 1945, "Denk Mal am Ort" findet deswegen am 2. und 3. April statt.

An zehn Orten: Mauerweg 10 (Familien Wertheimer, Kloos, Scheuer und Schmitt), Gallusanlage/ Kaiserstraße (Renate Adler), "Mal seh'n"-Kino an der Adlerfychtstraße 6, (Ernst Ludwig Oswalt), Holbeinstraße 8 (Renate und Ursula Götz), Karl-Albert-Straße 33 (Familie Salomons), Bildungsstätte Anne Frank, Hansaallee 150 (Elise Hofmann), Studienzentrum der Goethe-Universität, Haus Bockenheimer Landstraße 76 (Rosette und Siegmund Una), Kantstraße 6 (Familie Stern), The Suite Fabric Hotel, Hanauer Landstraße 14 (Edith Erbrich).

"Wir wollen die Menschen motivieren, sich mit der Geschichte ihres Hauses auseinandersetzen", schildert Marie Rolshoven die Intention hinter der Aktion. Die Wohnorte werden geöffnet, die Namen der ehemaligen Nachbarn, Bruchstücke ihrer Biografien, Verfolgungs- und Fluchtgeschichten in Gesprächen, Lesungen, Texten, Filmen und Musik sichtbar gemacht. Wegen der Pandemie ging das jüngst aber nicht. "Wir konnten die Wohnungen nicht öffnen, deshalb haben wir angefangen, Filme zu machen."

Es gehe darum, Verbindungen zu schaffen und zu versuchen, Wunden zu schließen. Zeitzeugen, die in den Wohnungen gelebt haben, erzählen, wie es war, was damals passiert ist. "Es ist nicht nur ein Erinnern, sondern es geht um den Kontakt zu den lebenden Zeitzeugen, ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln", erklärt Marie Rolshoven, die in Frankfurt bisher fünf solcher Treffen veranstaltete - unter anderem erinnerte sie an die Familie Beit von Speyer - der historische Teil des heutigen Luxushotels Villa Kennedy war ursprünglich ihr Wohnhaus.

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