Hilfsbereitschaft und Hartnäckigkeit vereint Gisela Lünzer seit 40 Jahren in ihrer Arbeit. foto: michael sittig
+
Hilfsbereitschaft und Hartnäckigkeit vereint Gisela Lünzer seit 40 Jahren in ihrer Arbeit.

Sindlingen: Echte Hilfe

Sie packt an, wo die Not am größten ist

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
    schließen

Sozialbezirksvorsteherin feiert Dienstjubiläum

Junge Familien in Wohnungsnot, frierende Obdachlose auf der Straße, Frauen, die von ihren Partnern misshandelt werden und dringend eine andere Zuflucht suchen: : Wo sich andere Menschen überfordert oder teilnahmslos abwenden, schaut Gisela Lünzer genau hin - und packt an, um Leid zu lindern.

Seit 40 Jahren kennen und schätzen die Sindlinger ihr hilfsbereites Wesen und ihre unkomplizierte Art, die keine Berührungsängste kennt. Ihre Aufgaben sind oft fordernd, verlangen noch dazu Geduld und Fingerspitzengefühl. Doch darum macht Gisela Lünzer, die 1968 von Walldorf in den Frankfurter Westen zog und sich zunächst als Sozialpflegerin engagierte, kaum Aufhebens. Lieber schwärmt sie davon, wie ein Lächeln, wie kleine Gesten der Dankbarkeit ihres Gegenübers ihr das Gefühl geben, dass sich alle Mühen gelohnt haben. Ansporn für die nächsten Aufgaben.

Mit Unterstützung ihrer Sozialpfleger

Oder sie lobt ihr Team von sieben Sozialpflegerinnen, mit denen sie etwa 80 Menschen in Sindlingen betreut, die Grundsicherung bekommen: Senioren, Hartz-IV-Empfänger und Alleinerziehende. Dazu kommen noch Einzelfälle, die sich beraten lassen oder Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen benötigen. "Wir harmonieren seit Jahren hervorragend miteinander, sind ein gutes Gesamtpaket", sagt sie und lacht.

Viel dreht sich in ihrer Arbeit darum, die richtigen Ansprechpartner auf den Ämtern und Behörden zu kennen, Antragsfristen einzuhalten und komplizierte Formulare korrekt auszufüllen. "Wir arbeiten eng mit dem Jobcenter Höchst, den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege und dem Frankfurter Kinder- und Jugendschutz zusammen", berichtet sie und bezeichnet ihre Funktion als "Mittler zwischen Bürgern und Ämtern".

Keine Angst vor Behörden

Packt andere das Grausen vor Paragrafen und umständlicher Behördensprache, ist Gisela Lünzer ganz in ihrem Element. Schließlich hat sie Bürokauffrau gelernt und ursprünglich in der Nachbarschaftshilfe Freunden und Bekannten bei Fallstricken der Bürokratie geholfen. 1981 dann schlug sie der Ortsbeirat als Sozialpflegerin vor, ernannte sie neun Jahre später zur Sozialbezirksvorsteherin. Der andere Teil ihrer Arbeit ist das Gegenteil von Bürokratie: Da sein, hinhören, zupacken, wann immer sie Hilferufe erreichen. Und das geschieht rund um die Uhr, wie bei dem Fall einer Frau, die vor Jahren bei bitterer Kälte aus ihre Wohnung musste. "Das sagte sie mir erst unmittelbar davor - und ich habe abends noch den Kältebus angerufen", erinnert sich Lünzer. "Erstmal konnte ich sie dann in einer sozialen Heimstätte unterbringen, bevor wir wieder eine ordentliche Wohnung für sie fanden."

Keinen Aufschub habe auch die Situation einer Frau geduldet, die von ihrem Mann geschlagen wurde - Gisela Lünzer brachte sie zunächst in einem Frauenhaus unter, um sie vor weiteren Misshandlungen zu schützen. Zwingen kann sie zwar niemanden, dafür aber gut zureden - und selbst dann bleibt sie am Ball, wenn sie bei den Bedürftigen auf Ablehnung stößt. Wie bei dem in Sindlingen lebenden Obdachlosen, der partout kein Zimmer in einer Aufnahmeeinrichtung mit anderen Männern teilen wollte - obwohl er sich schwer erkältet hatte. Die Pandemie erschwert ihre Arbeit derzeit zusätzlich. Denn seit November sind keine Hausbesuche mehr möglich, auch Sozialrathaus und Jobcenter sind geschlossen. Per Telefon und E-Mail halten sie und ihre Sozialpflegerinnen untereinander Kontakte und sind so auch für Hilfebedürftige weiter erreichbar.

Gymnastik und Spaziergänge

Mit Gymnastik und Spaziergängen hält sich Gisela Lünzer fit für ihr Ehrenamt: "Drei mal die Woche mache ich 10 000 Schritte - das muss schon sein", berichtet sie. So sehr sich auch darauf freut, wenn sie am Freitag, 23. April, im Sozialrathaus in Höchst für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet wird - eine Sache ist ihr noch wichtiger: "Ich will weitermachen", bekundet sie. "Das ist mir eine Herzenssache!" Darüber entscheidet der Ortsbeirat in seiner ersten Sitzung im Mai. Michael Forst

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare