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Weil das Fotografieren im Impfzentrum in Frankfurt verboten ist, wurde Christine K. unter die Kuppel der Festhalle fotomontiert.

Coronavirus

„Sie stillen derzeit nicht?“ – 84-jährige Frau erzählt vom Abenteuer Impfzentrum Frankfurt

  • Simone Wagenhaus
    vonSimone Wagenhaus
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Vor gut einer Woche hat das Impfzentrum in Frankfurt geöffnet. Christine K. gehört zu den ersten, die einen Termin bekommen hat. So hat sie den besonderen Tag erlebt.

Frankfurt - Christine K.s erstes großes Abenteuer in diesem Jahr beginnt an einem Montag um 15.27 Uhr. In diesem Moment steigt sie in das Auto ihrer Freundin ein. Ihr Ziel? Das Frankfurter Impfzentrum. Vom Norden der Stadt geht es über die Rosa-Luxemburg-Straße zur Messe. 17 Minuten hatte das Navi berechnet, knapp zehn Minuten brauchen die beiden tatsächlich.

Und weil sie auch noch einen Parkplatz vor der Tür bekommen, sind sie zu früh. Egal. Die beiden freuen sich über ihr unverschämtes Glück, machen schnell noch ein Foto des Impflings vor der Festhalle, atmen tief durch, dann geht es hinein. „Ins erste Abenteuer seit Monaten“, sagt die 84-Jährige und lacht, ihre Augen blitzen. Mehr ist von ihrem Gesicht unter der FFP2-Maske nicht zu sehen.

Impfzentrum Frankfurt: Corona-Impfung für 4000 Menschen täglich

Einsatzbereit ist das Frankfurter Zentrum bereits seit dem 15. Dezember, in Betrieb gegangen ist es vor gut einer Woche, am 19. Januar. Betreiber ist das Deutsche Rote Kreuz Frankfurt, Messe und Gesundheitsamt unterstützten es. In 43 Kabinen will die Stadt in Zukunft bis zu 4000 Menschen täglich impfen – wenn ausreichend Impfstoff vorhanden ist. Insgesamt 250 Mitarbeiter, darunter 34 Ärzte, sorgen für einen reibungslosen Ablauf.

Dass die Zähnchen ineinandergreifen, erleben Christine K. und ihre Begleitung an diesem Nachmittag. Auch wenn es gleich am Eingang hakt. Die berührungslose Technik der Handdesinfektion erschließt sich den Damen nicht, glücklicherweise hilft der Zufall und spritzt die Flüssigkeit dennoch auf die Hände. Später sehen sie: Der Sensor befindet sich über dem Hahn. Doch das ist gleich wieder vergessen.

Impfzentrum Frankfurt: Kontrolle mit Spaßfaktor

Am Check-In begrüßt sie ein freundlicher Herr, der überprüft, ob die Seniorin alles dabei hat: Registrierungscode, Impfpass, unterschriebener Aufklärungsbogen, Personalausweis, Krankenkassen-Kärtchen, ausgefüllter Anamnesebogen. „Sie stillen derzeit nicht?“, fragt er, zu Scherzen aufgelegt, weil ein Kreuzchen fehlt. „Nein, das habe ich gerade abgesetzt“, gibt Christine K. schlagfertig zurück. Beide lachen, der Mitarbeiter setzt das Kreuzchen. Es wird nicht das letzte Mal an diesem Wintertag sein, dass die 84-Jährige herzhaft lachen muss. Weiter geht es zur nächsten Station, bepackt mit Unterlagen und rotem Laufzettel.

Rückblende. März 2020. Christine K. lebt noch kein halbes Jahr in ihrer neuen, geräumigen Wohnung mit Terrasse, als das Land beginnt, still zu stehen. Ein Glück. In ihrer kleinen, mit hunderten von Büchern tapezierten alten Wohnung im obersten Stockwerk, mit winzigem Balkon, wäre sie wohl durchgedreht in den Monaten, die nun folgen. Doch auch so ist es nicht einfach für die aktive Seniorin.

84-jährige Christine K.: Kontakt über digitale Medien zu Familie und Freunde

Die Wandergruppe, der Literaturtreff, die Weinrunde – allesamt abgesagt. Ihr Freundes- und Bekanntenkreis ist nun einmal zum Großteil 80+ und gehört damit zur Risikogruppe. Dabei hat sie, gibt sie heute offen zu, die Gefahr zu Beginn unterschätzt: „Ich habe nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass das Covid-19 unser Leben lahm legen wird. Jedes Jahr sterben etwa 20 000 Menschen an Grippe. Ich dachte, sehr naiv, so wird es auch mit diesem Virus sein – zumal auch viele Ärzte die Gefahr zunächst nicht so hoch eingeschätzt haben“, sagt Christine K.

Als die Infektionszahlen steigen und steigen, fühlt sich die ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrerin zunehmend verunsichert. „Ich sah Gefahren, zum Beispiel an Handläufen der Rolltreppen, wo es keine gab. „Aber das legte sich schnell, als ich merkte, dass man durch vernünftiges Verhalten gut vorbeugen kann“, erzählt sie. Und dass man auch Freude haben kann, wenn man vernünftig ist, erlebt sie in den folgenden Wochen und Monaten. Was ihr dabei hilft? Eine positive Lebenseinstellung, Lachen und: die moderne Technik mit all ihren Möglichkeiten. Sei es Telefon, Internet, E-Mails oder WhatsApp. So hält Christine K. Kontakt zu ihrer Familie, die unter anderem in Tübingen und in München lebt, zu Freunden, Bekannten und ehemaligen Schülern. „Natürlich fehlen mir die sozialen Kontakte, ich wäre auch gerne einmal mit Freunden essen oder wandern gewesen. Aber dank unserer vielfältigen Kommunikationstechniken habe ich die Kontakte mit den Freunden nicht nur aufrecht erhalten, sondern teilweise auch intensivieren können“, sagt die alleinstehende Frau.

Christine K.: Einkaufsliste per WhatsApp verschickt

Zum Beispiel zu einer ehemaligen Schülerin, die in ihrer Nähe wohnt. „In der Zeit des ersten Lockdowns wurde ich von ihr in unglaublich rührender Weise versorgt“, erzählt Christine K. rückblickend. Die Einkaufslisten für den Supermarkt schickte die Pensionärin per WhatsApp, außerdem bestellte sie Artikel auf der Internetseite einer Drogerie zum Abholen vor. Die ehemalige Schülerin, heute eine 46-jährige Frau und die Freundin vom Anfang dieser Geschichte, kaufte ein und stellte die vollen Tüten in der Küche ab. Natürlich kontaktlos.

Zur Belohnung stand dort eine Flasche Wein für sie bereit, meist ein Rosato Primitivo. Oder eine Tüte mit Spargel, die Christine K. beim Bauern am Stand besorgt hatte. „Ein bisschen was muss ich ja auch noch machen“, pflegte die einstige Lehrerin, die von jeher ein sehr unabhängiges Leben geführt hat, zu sagen.

Christine K.: „Entsetzt, wie wenig darüber nachgedacht wird“

Die ehemalige Schülerin kaufte nicht nur Lebensmittel ein, sondern besorgte für die Terrasse Blumenkübel, Erde und Pflanzen — „so dass ich im Sommer in einem Blütenmeer sitzen und lesen konnte. Das hat der Seele, dem Wohlbefinden so gut getan“, berichtet die heute 84-Jährige. Und als die Zeit gekommen war, setzte sich die ehemalige Schülerin dazu. Natürlich mit Abstand. Schwätzen, lästern, lachen. Dazu ein Glas Wein, meist ein Rosato Primitivo. Aber keine Umarmung.

„Ich verstehe schon, dass viele Menschen, vor allem auch die jüngeren vielleicht mehr als die älteren, die Gemeinschaft Gleichaltriger brauchen. Sie brauchen Anregung und Austausch. Aber bei ein wenig Nachdenken müsste jedem klar sein, dass Egoismus im Augenblick der Pandemie diese nur verstärkt und dass die Einschränkungen nur verlängert werden“, sagt Christine K. und betont: „Ich bin schon ein bisschen entsetzt, wie wenig darüber nachgedacht wird, welche Folgen das eigene Verhalten für andere hat.“

Impfzentrum Frankfurt: EDV in der Kabine streikt

Nun sitzt Christine K. in einer kurzen Schlange vor dem Saal, in dem sonst Konzerte, Reitturniere, Messen stattfinden. Schnell geht es vorwärts, der Ordner hat alles im Griff, alles im Blick. „Bitte gehen Sie zu Kabine 13“, informiert er die Seniorin. Doch dort streikt die EDV. Christine K., ihre Begleitung und die DRK-Mitarbeiterin, eine Studentin, ziehen eine Kabine weiter. Die offizielle Aufnahme im Impfzentrum beginnt.

Die junge Frau geht mit der Seniorin den Anamnesebogen durch, gibt die Antworten in den PC ein, muss dann und wann nachfragen, was dort steht, weil sie die Handschrift nicht entziffern kann. Die ehemalige Deutschlehrerin schaut ihre Begleitung in gespielter Verzweiflung an. „Ich scheine tatsächlich eine Sauklaue zu haben!“ Hat sie in der Tat. Die beiden lachen. Die DRK-Mitarbeiterin hinter der dicken Plexiglasscheibe lacht mit. Gut fünf Minuten später sind alle relevanten Informationen im System, auf ein aufklärendes Arztgespräch verzichtet Christine K. Weiter geht’s, immer den roten Pfeilen auf dem Boden nach.

Impfung gegen Corona: Für Christine K. „selbstverständlich“

Rückblende. Es ist der 26. Dezember, ihr Geburtstag, als Christine K. am späten Abend auf die Seite www.impfterminservice.de aufmerksam gemacht wird. Man könne sich da zum Impfen anmelden, heißt es. Doch was in Baden-Württemberg bereits funktioniert, gilt noch nicht in Hessen. Leider. Die ehemalige Lehrerin, die auch noch im höheren Alter zur Ungeduld neigt, muss ausharren. „Es ist für mich selbstverständlich, mich impfen zu lassen. Ich möchte gern noch ein bisschen leben und sehen, wie sich weltweit die Verhältnisse verändern, zum Guten oder Schlechten“, sagt Christine K.

„Natürlich habe ich versucht, mich zu informieren, wie weit die Impfseren getestet und wie hoch die Chancen der Wirksamkeit sind. Wenn wir diese Pandemie wirksam bekämpfen wollen, muss jeder seinen Teil dazu beitragen – also sich auch impfen lassen.“ Menschen, die sich nicht impfen lassen, verletzten ihre Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft – auch wenn es selbstverständlich das individuelle Recht jedes Einzelnen sei, eine Impfung zu verweigern. „Aus welchen Gründen auch immer.“

Impftermin-Start gerät zur Geduldsprobe

Vom 12. Januar an gibt es schließlich auch in Hessen Impftermine. Aber: einen zu bekommen, ist nicht einfach. Das muss auch Christine K., die der modernen Technik durchaus zugetan ist, aber dann und wann auf Kriegsfuß mit ihr steht, feststellen. Gleich um 8 Uhr sitzen sie und ihre ehemalige Schülerin vor ihrem jeweiligen Computer. Doch die Internetseite lädt nicht. Und auch telefonisch ist kein Durchkommen. Geduld ist gefragt.

Am Abend dann der erste Erfolg: zumindest die Registrierung hat geklappt. Einen Termin gibt’s dennoch nicht. Das Impfzentrum ist ausgebucht. Der Blick auf die Seite am nächsten Morgen bringt Glück. Ein einziger Termin wird ihr angeboten, wohl eine Absage eines anderen Impflings. Natürlich greift Christine K. zu. Und schimpft. Nicht darüber, dass die Anmeldung recht kompliziert war oder es nicht ausreichend Termine gibt. Nein.

Impfzentrum Frankfurt: Zusammenbruch der Impftermin-Leitungen „abzusehen“

Was die 84-Jährige ärgert, ist die ständige Kritik an allem, die permanente Negativ-Sicht. „Es war doch abzusehen, dass die Internetseite abstürzen wird und dass die Telefonanlagen überlastet sein werden, wenn sich alle auf einen Impftermin stürzen“, sagt sie und ärgert sich auch über die vielen Negativ-Kommentare in Zeitungen zum Impfstart in Hessen. Man müsse auch mal das Positive sehen. Zum Beispiel, dass innerhalb eines Jahres überhaupt ein Impfstoff entwickelt worden sei, normalerweise dauere das viel länger. „Natürlich hat sich unser Leben verändert, aber daran war das Virus schuld. Ich bin der Meinung, unsere Regierung und die Forschung leisten eine hervorragende Arbeit bei der Krisenbewältigung.“

Die Pandemie sei für alle neu gewesen und man habe nicht vorhersehen können, welche Auswirkungen sie haben würde. Also könne man immer nur Schritt für Schritt reagieren. „Leider hat bei vielen Menschen das eigene Ich einen höheren Stellenwert als die Bereitschaft, mit Einschränkungen die Krise zu bewältigen.“

Christine K.: Zweiter Lockdown nicht überraschend

Deshalb sei sie auch nicht überrascht gewesen, dass der zweite Lockdown kam: „Das Verhalten der Menschen im Sommer ließ ihn eigentlich vorhersehen.“ Sei es das Verhalten bei den Zusammenkünften im öffentlichen Raum, die Versammlungen einiger Religionsgemeinschaften, Reisen in Länder mit hohem Infektionsrisiko. „Diese Rücksichtslosigkeit macht mich zornig.“

Christine K. ist in der Wartezone vor den Impfkabinen angekommen. Und auch wenn etwa 30 Menschen vor den insgesamt fünf Impfstraßen, in der längst nicht alle Kabinen belegt sind, warten, herrscht eine gespannte Stille. Ob sie nervös ist? „Nein“, sagt Christine K., „nicht mehr.“ Bevor klar gewesen sei, dass sie von einer Freundin begleitet wird, habe sie der Impftermin schon bedrückt. „Ich wusste ja nicht, wie das alles abläuft, ob ich mich zurechtfinde, ob ich das alleine schaffe. Das hat mir Sorgen bereitet.“ Doch diese seien weggewischt gewesen, als klar war, dass sie nicht allein sein wird. „Seitdem betrachte ich den Impftermin als Happening, als großes Abenteuer“, sagt Christine K. lachend und ihre Augen blitzen.

Impfzentrum Frankfurt: Erster Schritt Richtung Corona-Immunität

Keine zehn Minuten später wird sie in die Kabine gebeten – und fegt dort erstmal eine Schale mit Pflastern runter. Erschrocken entschuldigt sie sich vielmals, muss lachen und steckt damit Ärztin und Pfleger an. „Geht es Ihnen gut?“, fragt die Ärztin. „Danke, noch besser geht’s mir, wenn ich es hinter mir habe“, antwortet Christine K. Und wieder lacht sie. Der linke Arm ist frei, sie hat extra eine kurzärmelige Bluse angezogen.

Den Pieks bekommt sie gar nicht mit. Es ist 16.30 Uhr. Der erste Schritt in Richtung Corona-Immunität ist gemacht. „Das war’s schon?“ – „Ja, das war’s schon.“ Allerdings muss ein neuer Impfpass her, der alte ist voll. Als auch das erledigt ist, kann die nächste Station angesteuert werden. Eine Viertelstunde soll sich die 84-Jährige ausruhen. Schließlich weiß man ja nicht, ob es nicht doch noch zu einer allergischen Reaktion kommt. Passiert natürlich nicht. Danach beginnt das Auschecken, zuletzt muss Christine K. den roten Laufzettel abgeben. Und dann steht sie auch schon wieder vor dem Auto. Es ist 16.55 Uhr.

Impfzentrum Frankfurt: Positiver Eindruck nach einer Stunde

Eine gute Stunde hat sie im Impfzentrum verbracht. Ob alles so war, wie sie es erwartet hat? „Nein“, sagt sie. „Ich habe nicht erwartet, dass das alles so glatt geht und dass alle so freundlich und hilfsbereit sind“, sagt Christine K. Überrascht habe sie auch, dass eine große Ruhe über dem Impfzentrum liegt. „Das läuft alles so entspannt ab, ohne jegliche Hektik.“ Dem zweiten Termin im Februar sieht sie gelassen entgegen. Auch da wird ihre Freundin sie begleiten.

17.07 Uhr. Die 84-Jährige ist zurück in ihrer Straße. „Heute Abend trinke ich ein Glas Wein“, sagt sie. Die Freundin nickt, sie macht mit. Später werden sich die beiden per WhatsApp zuprosten.

Christine K. freut sich auf Beruhigung und Erleichterung

Ob sie schon einen Plan hat für die Zeit nach der Pandemie? „Ganz sicher werde ich meine Freunde heftig umarmen und mit ihnen ausgiebig essen gehen. Und ich freue mich auf viele verschobene Besuche.“ Und sie freut sich auf ein Gefühl der Beruhigung und Erleichterung, ein Gefühl, dass das Korsett der Beschränkungen, das bewusst oder unbewusst immer da war, abgelegt werden kann. „Und dann werde ich sicher in Gedanken einen Freudensprung machen“, sagt Christine K. Ihre Stimme jubelt. Ihre Augen blitzen. Und sie lacht. (Simone Wagenhaus)

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