Puppenspiel

Simons Puppen kehren zurück

Liesel Simon begeisterte in den 1920er Jahren Frankfurter Kinder mit ihrem Puppenspiel. Dann nahm sie Kasper, Seppl und Co. auf der Flucht vor den Nazis mit nach Ecuador. Ihre Enkelin hat die Puppen nun wieder über den Ozean gebracht und dem Historischen Museum übergeben.

Von Ben Kilb

Es kommt selten vor, dass jemand nach über 70 Jahren Auslandsaufenthalt wieder in seine Heimat zurückkehrt. Doch Kasper, Seppl, dem Wachtmeister und dem Krokodil blieb keine andere Wahl. „Außerdem können die Menschen in Südamerika doch mit den Puppen gar nicht viel anfangen“, findet Marcia Simon-Alvarez (66). In Frankfurt werden Kasper, Seppl und Co. jetzt hingegen wie ein verloren geglaubter Schatz behandelt.

Marcia Simon-Alvarez ist die Enkelin der einstigen Puppenspielerin Liesel Simon, die in den 1920er Jahren unzählige Frankfurter Kinder zum Lachen brachte. Gemeinsam mit ihren Puppen flüchtete die Jüdin einst vor den Nazis nach Ecuador. Nach Jahrzehnten hat ihre Enkelin Marcia Simon-Alvarez Kasperl, Seppl und elf andere Handpuppen nun zurück nach Frankfurt gebracht und gestern dem Historischen Museum übergeben.

Alle selbst gefertigt

Von besonderem Wert für das Museum sind die Handpuppen vor allem, weil Liesel Simon die hierzulande fast jedermann bekannten Charaktere selbst anfertigte. Die Kleider der Puppen hat sie selbst genäht, ihre Körper liebevoll aus Pappmaché gefertigt. Den Teufel hat sie anstatt mit Händen sogar mit echten Krähenfüßen ausgestattet. Alle Puppen sind in einem sehr guten Zustand – dank Jacqueline, der Cousine von Marcia Simon-Alvarez. „Sie hat die Puppen über Jahrzehnte aufbewahrt, gehegt und gepflegt“, erzählt die Enkelin von Liesel Simon.

Doch mit der Zukunft, die Jacqueline für die Puppen plante, zeigte sich Marcia Simon-Alvarez nicht zufrieden. „Meine Cousine wollte die Puppen an eine Schule in Ecuador übergeben. Ich riet ihr jedoch davon ab, weil sich dort niemand um deutsche Geschichte schert – und auch nicht um die Puppen“, erzählt Marcia Simon-Alvarez.

Zum Glück stand sie da bereits in Kontakt zu Hannah Eckhardt. Die Historikerin beschäftigt sich mit Biografien für das Frankfurter Personenlexikon, in dem auch Liesel Simon eine Rolle spielt. Über Hannah Eckhardt lernte Marcia Simon-Alvarez dann Corinna Engel kennen, die Sprecherin des Historischen Museums.

Wie dort mit Liesel Simons Puppen umgegangen wird, bestätigt Marcia Simon-Alvarez in ihrer Entscheidung, die Puppen zurück in deren Heimat zu bringen. Die Puppen werden nur mit Handschuhen angefasst, Getränke und Speisen haben in Kasper und Seppls Nähe nichts zu suchen. Schließlich sollen die 13 Puppen bald einen Ehrenplatz in der historischen Spielzeugsammlung des Museums erhalten. Dort sollen sie jedoch von weit mehr erzählen, als von Kasper und Seppls Abenteuern, handelt Liesel Simons Geschichte doch nicht nur von einer passionierten Puppenspielerin.

Inspiration aus München

Liesel Simon wurde im Jahr 1887 in Neumarkt in der Oberpfalz geboren, als Tochter des Herd- und Fahrradfabrikanten Joseph Goldschmidt und dessen Ehefrau Julie. Liesel Simon spielte dort noch im privaten Kreis Puppentheater, entwarf die Figuren selbst und die Dekorationen. „Weil Neumarkt ihrem kreativen Geist irgendwann nicht mehr genügte, zog sie nach Frankfurt und eröffnete im Oeder Weg 155 das ,Erste Münchner Kasperltheater‘, inspiriert von der Münchner Kasperlspiel-Tradition des Franz Graf von Pocci“, berichtet Historikerin Eckhardt.

Mit einer mobilen Puppenspielbühne tourte sie in den Jahren darauf durch das Rhein-Main-Gebiet und andere deutsche Regionen, ja sogar durchs Ausland. Als eine der ersten Mitarbeiterinnen des Südwestdeutschen Rundfunks in Frankfurt leitete Liesel Simon den Kinderfunk mit der 1926 eingerichteten Kinderstunde, und der „Rundfunkkasperl“ hatte ab 1927 einen festen Sendeplatz an jedem ersten Sonntag im Monat. Unter den Nationalsozialisten durfte Simon schließlich nur noch im Rahmen des Jüdischen Kulturbunds auftreten, für den sie mehrfach im Rhein-Main-Gebiet und in Berlin spielte. 1941 wanderte Simon nach Ecuador aus. Ihr Mann, der zuvor nach Frankreich geflüchtet war, wurde von dort im Jahr 1942 nach Auschwitz deportiert. Liesel Simon sah ihn nie wieder. Sie selbst verstarb im Jahr 1958 in Ecuadors Hauptstadt Quito.

Marcia Simon-Alvarez wünscht sich, dass sich die Besucher des Historischen Museums auch mit der Geschichte ihrer Großmutter und der anderen „Pioniere“ beschäftigen, die vor den Nazis geflüchtet sind. Letztlich sollen Kasper und Seppl jedoch ein Lächeln auf die Gesichter der Museumsbesucher zaubern. „So wie meine Großmutter es damals bei den vielen Kindern geschafft hat. Vielleicht ist eines von ihnen ja noch am Leben und erinnert sich an die Puppen“, hofft Marcia Simon-Alvarez.

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