+
Die Villa unter den Linden, besser bekannt als Villa Meister, ist eine Gründerzeitvilla mit einem großen Park.

Stadtteilserie (Teil 39)

Sindlingen: Tief im Westen

Der Name des Dorfes Sindlingen geht vermutlich auf eine alemannische Siedlung zurück, die zwischen 300 und 500 nach Christi Geburt gegründet wurde.

Der Name des Dorfes Sindlingen geht vermutlich auf eine alemannische Siedlung zurück, die zwischen 300 und 500 nach Christi Geburt gegründet wurde. Die Namensendung „ingen“ ist typisch für alemannische Siedlungen, Ortsnamen die mit „ingen“ enden, wurden immer mit einer Person oder Sippe in Zusammenhang gebracht. Der Ortsname würde soviel bedeuten wie „Sundo oder Sundilo und seine Leute“.

Erste Siedlungsspuren lassen sich allerdings auf einen deutlich früheren Zeitpunkt datieren: In der Jungsteinzeit (5600 bis 5500 v. Chr.) war das Areal auf Sindlinger Gemarkung die Heimat von Stämmen der Linearbandkeramischen Kultur. Urkundlich erstmals erwähnt wurde das Dorf als „Sundilingen“. Dass man ausgerechnet im Jahr 1991 die 1200-Jahr-Feier – und damit drei Jahre vor der Frankfurter – beging, geht aus einer zwischen 780 und 802 ausgestellten Urkunde für das Kloster Fulda hervor. In Ermangelung eines genauen Datums wurde der mittlere Termin 791 gewählt.

Der weit im Frankfurter Westen gelegene Stadtteil kann mit einigen Besonderheiten aufwarten. Dazu gehört beispielsweise die Eingemeindung, die gleich zweimal stattfand: 1917 fiel das Dorf an Höchst. Und als Höchst wiederum am 1. April 1928 mit allen angeschlossenen Ortschaften durch den Eingemeindungsvertrag in der Stadt Frankfurt aufging, wurde auch Sindlingen ein Teil davon.

Doch nicht nur wegen der gemeinsamen Eingemeindung ist das Schicksal Sindlingens eng mit dem von Höchst verknüpft. Mit Inbetriebnahme der Taunusbahn (1840) und der Gründung der „Rotfabrik“, wandelte sich der Ort vom Fischer- und Bauerndorf zu einer Siedlung der Industriearbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Einwohnerzahl auf über 12 000 ( heute rund 9000). Rund drei Viertel der Beschäftigten waren Angestellte der Hoechst AG.

Auch heute ist die chemische Industrie des Industrieparks Höchst das wirtschaftliche Zentrum. Daneben verfügt der Stadtteil über kleinere Einzelhandelsunternehmen, aber auch mittelständische Handwerksbetriebe prägen das Bild. Unser Reporter Michael Faust hat sich in dem Stadtteil umgesehen.

Der Diplom-Psychologe Dieter David Seuthe (67) betreut in der Villa unter den Linden, besser bekannt als „Villa Meister“, ein Rehabilitationszentrum des Deutschen Ordens für Drogenkranke. Hausherr des prächtigen Gründerzeitbaus war einst der Vorstandsvorsitzende der Hoechst AG Herbert von Meister, der die Immobilie Anfang des 20. Jahrhunderts errichten ließ. Dessen jüngste Tochter Elisabeth wollte es jedoch karitativ nutzen und so befindet sich heute dort das Rehabilitationszentrum. Derzeit leben dort über 30 Menschen, viele hatten Drogenprobleme. Seuthe versucht mit ihnen eine neue Lebensführung einzuschlagen, einen normalen Arbeitsalltag wiederherzustellen. Trotz der Therapieerfolge in den letzten knapp 40 Jahren ist die Zukunft der Einrichtung ungewiss: Das Grundstück samt dem Park weckt große Begehrlichkeiten.

Seit Jahrzehnten ist der Sindlinger Kreisel ein Ärgernis für viele Anwohner, aber auch Pendler. Mehrfach umgebaut und aufgehübscht teilt der – vor allem für Ortsunkundige – unübersichtliche Kreisel zusammen mit der Bahntrasse nach wie vor den Stadtteil. Die komplizierte Straßenführung und das hohe Verkehrsaufkommen stellen gerade auch für Kinder noch immer ein Risiko dar.

Trutzig-schön: Bereits im Jahr 1609 wurde die katholische Pfarrkirche St. Dionysius errichtet. Sie wurde 1823 für den Bau des neuen Gotteshauses abgerissen – lediglich der nachgotische Glockenturm des Vorgängerbaus blieb erhalten und flankiert die nach den Plänen des Architekten Carl Florian Goetz errichtete klassizistische Kirche. Sie wurde 1827 fertiggestellt und zählt längst zu den Kulturdenkmälern nach dem hessischen Denkmalschutzgesetz.

Die Friedenseiche

war über 100 Jahre Wahrzeichen des Stadtteils. Sie wurde 1910 vom Militärverein „Deutschland“ zum „Sedansfest“ als Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870 / 71 gepflanzt. 2016 wurde der Baum an der Farbenstraße wegen Pilzbefalls gefällt – und bleibt liegen.

Sindlingen ist diagonal in Nord und Süd geteilt: Das liegt neben dem Kreisverkehr auch an der Bahntrasse. Schon vor der Verkehrsfreigabe der Eisenbahnunterführung in der Bahnstraße waren die einschneidenden Verkehrswege ein Hindernis. Der Bahnübergang an der Straße zur Internationalen Schule verdeutlicht dies.

Im Norden begann in den 1920er Jahren der Bau der Ferdinand-Hofmann-Siedlung. Nach einem fast 30-jährigen Baustopp begannen die Arbeiten für die restliche Siedlung. Dieser und der dritte Bauabschnitt aus den 1960er Jahren unterscheiden sich erheblich von der ursprünglichen Bebauung, die größtenteils zweistöckig ist und sich mit einem neo-klassizistischen Baustil auch deutlich von anderen, vergleichbaren Siedlungen zu jener Zeit abhebt.

2006 übernahm Isabell Müller-Germann im südlichen, von Acker- und Weideflächen geprägten Stadtteil ein Areal, auf dem sie für ihre drei Pferde eine artgerechte Bleibe aufbauen wollte. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Flächen dazu. Die „Glückswiese“ ist mittlerweile ein beliebter Anlaufpunkt für Tierliebhaber. 24 Pferde, 10 Gänse, 16 Hühner, 5 Enten, 4 Ziegen, 15 Schafe, 5 Schweinchen, 4 Hunde und 2 Kälbchen haben eine neue Heimat gefunden. Fast alle von ihnen sind Tierschutzfälle, respektive gerettete Schlachtpferde.

Mit der Werksbrücke West betraten die Bauingenieure Ulrich Finsterwalder und Herbert Schambeck samt Architekt Gerd Lohmer Neuland: Sie wurde 1970 bis 1972 für die damaligen Farbwerke Hoechst mit einem Spannbeton-Überbau errichtet. Bis dahin gab es keine solche Schrägseilbrücke für Eisenbahn- und Straßenverkehr, bei der die Seile dicht nebeneinander angeordnet waren. Über die zum Werk hin gelegene Fahrbahn wird der größte Teil des werksinternen Lkw-Verkehrs zwischen Nord- und Südwerk des Industrieparks Höchst geführt. Auch Fußgänger und Radfahrer können die Brücke nutzen.

Wie eine Festung aus Stahl und Beton erhebt sich das im Stil des Brutalismus errichtete Haus Sindlingen über die nicht minder zubetonierte Sindlinger Bahnstraße. Diesen Umstand machte sich die Justiz in den 1970er-Jahren zunutze, als dort gegen die RAF verhandelt wurde. Danach war es Dienstgebäude des 18. Polizeireviers. Seit 2006 steht die Immobilie den Bürgern wieder als Haus Sindlingen offen. Die davor gelegene Eisenbahnunterführung entstand 1980 als Ersatz für den überlasteten Bahnübergang.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare