Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt bei der Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung einen Brief von Jakob Blasel, dem Mitorganisator von "Fridays for Future", entgegen. foto: DPA
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Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt bei der Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung einen Brief von Jakob Blasel, dem Mitorganisator von "Fridays for Future", entgegen.

Projekt Junge Zeitung

So steht es um die Jugend und die Politik

Desinteresse oder Kritik am System? - Engagement funktioniert auch parteilos

Frankfurt -Seit dem vergangenen Jahr werden die Stimmen der jungen Generation immer lauter. Sie gehen auf die Straßen und demonstrieren zu Tausenden, setzen sich für Themen wie Nachhaltigkeit oder Gerechtigkeit ein und fordern eine schnellere Umsetzung durch die Politiker. Interessiert sich die oft als "politikverdrossen" bezeichnete Generation auf einmal mehr für Politik als noch vor einigen Jahren, oder können diese Aktionen als Kritik am politischen System unseres Landes gesehen werden?

Politikverdrossenheit ist ein Mythos

Nicht selten müssen sich junge Menschen anhören, sie würden sich doch gar nicht für die Politik und das Weltgeschehen interessieren und "früher sei alles anders gewesen". Doch ein Blick in diverse Jugendstudien zeigt, dass diese Aussage so nicht stimmt. Laut einer Statistik von Statista aus dem Jahr 2020 ist seit 2002 das politische Interesse beinahe stetig gestiegen und erreichte 2015 einen Höchstwert. Damals gaben 43 Prozent der befragten Jugendlichen an, politisch interessiert zu sein. 2019, im Jahr der vielen Proteste und Demonstrationen, waren es 41 Prozent.

Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, der zahlreiche Jugendstudien mitverfasste, erklärt sich diesen Trend mit einem aufkommenden Verantwortungsgefühl bei der jungen Generation - sie fühlen sich für die Gemeinschaft und das Gemeinwesen verantwortlich. Vor mehr als zehn Jahren hätten sich Jugendliche unter dem Strich deutlich weniger dafür interessiert.

Der Anteil der politisch aktiven Jugendlichen ist laut Hurrelmann allerdings deutlich geringer als der Anteil derer, die Interesse zeigen. Die junge Generation möchte mitgestalten, sich jedoch nur sehr selten zu einer Parteimitgliedschaft verpflichten.

Trotzdem gibt es auch immer wieder junge Menschen, die sich für den Eintritt in einen Regionalverband einer Partei entscheiden. Die Motivation, Dinge selbst verändern zu können, vor allem auch im eigenen Umfeld, treibt sie an. Sie schätzen den politischen Austausch mit anderen und sind überzeugt, dass ihre Stimme als Mitglied einer Partei eher gehört werde als allein.

Nicht alle Parteien profitieren vom gestiegenen Politikinteresse der Jugend. Mehrere große Jugendstudien wie die bekannten Shell-Studien zeigen, dass Jugendliche den etablierten Parteien, wie beispielsweise der SPD oder der Union, häufig nur wenig Vertrauen entgegenbringen. Viele nehmen lieber an Aktionen außerhalb einer Partei teil, beispielsweise an Online-Protesten oder Unterschriftensammlungen.

Ein prominentes Beispiel hierfür sind die "Fridays for Future"-Demonstrationen, bei denen vor zwei Jahren jeden Freitag Tausende junge Menschen in ganz Deutschland für das Klima auf die Straßen gingen. Doch es gibt auch Kritik an dieser Form des politischen Aktivismus der jungen Generation. Denn immer wieder wollen einige Gruppen ihre Ziele ohne Rücksicht auf andere durchsetzen. In einer funktionierenden Demokratie braucht es jedoch auch die Akzeptanz von verschiedenen Interessen und eine Bereitschaft, Andersdenkenden zuzuhören und sich auf einen Kompromiss einzulassen.

Die Kunst des

Kompromisses lernen

An dieser Stelle wird also deutlich, dass auch junge Menschen, die eine kritische Einstellung zur traditionellen Politik pflegen, an entscheidenden Punkten nicht ganz ohne die Unterstützung von Berufspolitikern auskommen. Um etwa eine Forderung einer Demonstration zu einem Gesetz werden zu lassen, braucht es schließlich den Bundestag.

Manche jungen Aktivisten nehmen die Sache auch einfach selbst in die Hand. So engagiert sich etwa Luisa Neubauer, eine der Hauptorganisatorinnen der "Fridays For Future"-Bewegung, bei den Grünen, ihr Mitstreiter Jakob Blasel kandidiert sogar für den Bundestag.

Das Deutsche Jugendinstitut warnt jedoch: Weniger privilegierten jungen Menschen mit geringerer sozialer Stabilität fehlt häufig ausreichend politische Bildung. Bei ihnen besteht ein Risiko, dass sie aufgrund ihres geringeren politischen Wissens weniger Möglichkeiten haben, sich politisch zu engagieren und ihre Interessen zu äußern. Das macht deutlich, dass bei allen jungen Menschen möglichst früh politisches Interesse geweckt werden sollte. Sowohl in den Familien als auch in den Schulen müssen Kinder rechtzeitig lernen, was es bedeutet, sein Mitspracherecht zu nutzen und sich aktiv am Leben in der Gesellschaft zu beteiligen.

Das Interesse junger Menschen an Politik hat in den vergangenen Jahren also durchaus zugenommen, wie Statistiken zeigen. Verstärkt wird solch ein zunehmendes Interesse durch besondere Ereignisse wie beispielsweise dem Beginn der "Fridays For-Future"-Demonstrationen. Durch derartige Aktionen übt die junge Generation Kritik, vor allem an der offiziellen und etablierten Politik und nimmt ihre Zukunft selbst in die Hand. Ob dieses Politikinteresse nachhaltig anhält und auch die kommenden Generationen beschäftigt und zum Handeln motiviert, bleibt abzuwarten. Da kommt es auf die Entwicklung der politischen Landschaft in Deutschland und auf künftige Ereignisse an.

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