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Wenn hinter der Zellentür einer in aller Ruhe zündelt, bekommt das Gefängnispersonal das erst mit, wenn’s brennt.

Gefängins in Preungesheim

So sollen zukünftig Brandstiftungen in der JVA verhindert werden

Immer wieder brennt es in Gefängniszellen. In der JVA Preungesheim allein fünfmal seit 2016. Meist zünden die Häftlinge Matratzen an. Die in hessischen Gefängnissen gelten zwar als schwer entflammbar, aber brennen können sie trotzdem.

Feueralarm am 7. November in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Preungesheim. Um 22.10 Uhr schlägt der Brandmelder bei der Feuerwehr an. 64 Einsatzkräfte rasen los: Berufsfeuerwehr, die Freiwillige Feuerwehr aus Berkersheim und der Rettungsdienst. Bis sie vor Ort sind, schlägt acht Gefängnismitarbeiten schwarzer Rauch aus einer kameraüberwachten Einzelzelle entgegen. Sie retten unter Einsatz ihres Lebens den Zelleninsassen, einen 35-Jährigen. Auch Gefangene in anderen Zellen sind vom Rauch bedroht. Die Mitarbeiter bringen 18 von ihnen in den sicheren Hof. Um 22.40 Uhr ist der Brand gelöscht. Der 35-Jährige hat eine leichte Rauchvergiftung erlitten. Die Ermittlungen ergeben, dass er das Feuer gelegt hat.

Nicht zum ersten Mal brannte es in der JVA Preungesheim, fünf weitere Fälle gab es in den vergangenen vier Jahren. Bundesweit wurden seit Februar 22 Brände in Gefängniszellen öffentlich bekannt. 90 Verletzte gab es und einen Toten. In diesem Fall, er trug sich im September in Kleve zu, wird noch wegen der möglichen Beteiligung Dritter, also Gefängnispersonals, ermittelt.

„Lichterloh“

Unzählige Rettungskräfte, Gefahr für Mitgefangene und Mitarbeiter in den Gefängnissen, hohe Sachschäden, enorme Einsatzkosten, Strafanzeigen und Gerichtsprozesse sind immer die Folgen. In fast allen Fällen zünden die Häftlinge ihre Matratzen an. Auch in der JVA Preungesheim war das zumeist so. „Die Matratzen dort sind schwer entflammbar“, sagt Matthias Grund, Sprecher vom hessischen Justizministerium, und verweist auf die brandtechnische Prüfnorm „FMVSS302“.

Dass aber auch solche Matratzen Feuer fangen können, hängt mit der Motivation eines Brandstifters zusammen. Hält er ein Feuerzeug nur lange genug an eine Matratze, löst sich ihre Schutzimprägnierung. „Und dann brennt diese Matratze lichterloh“, sagt Ingrid Goronzi von der Sicherheitsfirma Technolog aus Elz, die entsprechende Tests durchgeführt hat.

In einer Gefängniszelle kann man sehr lange unbeobachtet ein Feuerzeug an eine Matratze halten. Und doch dürfen Häftlinge, wenn sie nicht als suizidgefährdet eingestuft sind, Feuerzeuge und Streichhölzer bei sich haben. Wie oft Inhaftierte in Hessen versuchen, Brände zu legen, kann nicht gesagt werden. „Es gibt keine Statistik“, sagt Ministeriumssprecher Grund.

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„Viele Gefängnisbrände werden nicht bekannt“, sagt auch Ingrid Goronzi. Sie erklärt auch, dass es keine einheitlichen Normen für Anstaltsmatratzen gebe. Jedes Bundesland verfährt, wie es will. Mancherorts bestellen Gefängnisse selbst, in anderen Ländern tun das die Beschaffungsämter, in wieder anderen das Justizministerium. Dabei könnte eine klare Materialpflicht nützlich sein. Denn: „Es gibt Matratzen, deren Material nicht brennt, bei denen auch keine toxischen Gase entstehen“, sagt Goronzi. „Das Material wird weiß und zerkrümelt. Es brennen nur die Zünder wie Toilettenpapier oder Zeitungen. In Sachsen-Anhalt werden sie flächendeckend genutzt. Sie sind etwas teurer und etwas härter als schwer entflammbare Matratzen. “

In Hessen setzt das Justizministerium weniger auf nachweislich unbrennbares Material, mehr auf Menschenkenntnis, Interaktion und entsprechend geschultes Personal. Fällt ein Häftling auf oder erweckt den Verdacht, sich etwas antun zu können, sollen auch sozialpsychiatrische Dienste jederzeit helfen. Dabei zeigt die Erfahrung, dass die meisten Zellenbrände gar nicht in suizidaler Absicht gelegt werden. Aufmerksamkeit erzielen, Gefängnisroutinen stören, Vollzugsbeamte ablenken – oder die Zelle öffnen: Oft genug sind das Motive. In manchen Fällen geht es den Brandstiftern auch darum, andere zu gefährden.

Glimpflicher Ausgang

Der Fall in Preungesheim ging für alle Beteiligten glimpflich aus. „Es wurden alle Bediensteten und Gefangenen ärztlich untersucht“, heißt es aus dem Justizministerium. „Kein Bediensteter war verletzt. Mit ihnen wurden von der Anstaltsleitung unmittelbar danach und am Folgetag Gespräche geführt. Auch Krisenintervention über eine professionelle externe Stelle wurde angeboten. Für die Gefangenen stehen Angebote des Anstaltspsychologischen Dienstes, der Seelsorge und des Sozialdienstes zur Verfügung.“

Manfred Füllhardt, Sprecher der Polizei, die ebenfalls vor Ort war, sagt: „Die Justizangestellten konnten schnell eingreifen und Schlimmeres verhindern. Der Sachschaden liegt bei 10 000 Euro.“ Die JVA Preungesheim hat Strafanzeige erstattet. „Warum der Beschuldigte die Zelle angezündet hat, ist noch unklar und wird ermittelt. Der Mann befindet sich zur Verbüßung einer Ersatzfreiheitsstrafe wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte in Haft“, so Nadja Niesen, Sprecherin der Staatsanwaltschaft.“

Von manchen Bränden erfährt die Öffentlichkeit nur durch Gerichtsverfahren. 2018 wurden in Frankfurt insgesamt 6,5 Jahre Haft für zwei Brandstifter aus der JVA Preungesheim verhängt. 2017 hatten sie in ihren Zellen gezündelt. Sie sitzen ihre Strafe auf schwer entflammbaren Matratzen ab. Ob mit oder ohne Feuerzeug in der Tasche, ist nicht bekannt.

Sabine Schramek

Info: Der Gefahr vorbeugen: Wachsamkeit und Überwachung

Für Zellenbrände gibt es meistens zwei Ursachen: Entweder ein Häftling will Suizid begehen oder er will mit einem Feuer eine zwangsweise Öffnung der Zelle erreichen – mit welcher Absicht dann auch immer.

Gefahrenprävention in Gefängnissen steht meistens auf zwei Säulen. Überwachung und wachsamem Kontakt. In welchem Verhältnis, ist die Frage.

Nach Dutzenden Zellenbränden in den vergangenen Jahren in Nordrhein-Westfalen setzt der dortige Justizminister Peter Biesenbach (CDU) auf Videokameras in den Zellen. Die sollen mit Computern verbunden werden, die bei Gefahren Alarm schlagen. Das Ministerium nennt dies in einem Papier „ereignisgesteuerte Videoüberwachung als Instrument der Suizidverhinderung“. Die Technik soll in einem Pilot getestet werden.

Das hessische Justizministerium setzt aktuell auf wachsame Kontaktpflege, nötigenfalls Krisenintervention und darauf, dass Gefängnispersonal entsprechend zu schulen. Sozialpsychiatrische Dienste sollen jederzeit beratend und helfend eingeschaltet werden können. Für den intensiven Kontakt zu ausländischen Häftlingen empfehlen Psychologen regelmäßige Gespräche mit Dolmetschern.

Eine gute Maßnahme wäre natürlich auch: keine Feuerzeuge oder Streichhölzer in Zellen.

(red)

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