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Foto: Michael Stieg (PHK) von der neuen Kontrolleinheit (KART) kontrolliert eine Auspuffanlage bei einem Porsche der zu laut um war.

Laute Fahrzeuge

Sondereinheit der Polizei: Jäger des verbotenen Auspuffs

Wegen zunehmender Anwohnerbeschwerden über laute Fahrzeuge hat die Frankfurter Polizei eine Sondereinheit gegründet. Deren Beamte machen seit März Jagd auf Auto-Poser, Tuner und Raser. Dass eine illegale Rennfahrer-Szene wie in Berlin entsteht, wollen sie verhindern.

Bedröppelt zuckt Niklas (17) aus Speyer mit den Schultern, als er von seiner Yamaha absteigt. „Das ist heute schon das dritte Mal, dass wir angehalten werden“, sagt er mit Blick auf seine bunt beklebte Maschine. „Willkommen in Frankfurt“, kontert Polizeihauptkommissar Michael Stieg (36) kühl. Der Leiter der zivilen Polizei-Sondereinheit KART trägt seine schusssichere Weste unter dem leicht ausgewaschenen weißen T-Shirt. Stieg und sein Kollege, Polizeioberkommissar Markus Hotze (28), der seine Weste über dem T-Shirt trägt, umrunden bedacht die Gruppe aus drei Motorrädern, die eben noch dröhnend durch die Stadt gefahren ist. Mit Kelle und Blaulicht haben die Beamten sie angehalten.

Der Name ihrer Einheit KART steht für „Kontrolleinheit Auto-Poser, Raser und Tuner“. Sie wurde im März gegründet – als Reaktion auf zunehmende Anwohnerbeschwerden über Motorlärm in der Stadt. Denn Frankfurt ist zur beliebten Strecke für Protzfahrten mit teuren Autos geworden. Eine illegale Rennszene wie in Berlin gibt es laut Polizei derzeit noch nicht. Die KART-Beamten wollen durch ihre Kontrollen verhindern, dass es so weit kommt.

Die drei jungen Motorradfahrer aus der Pfalz müssen sich erst einmal anhören, was an ihren Maschinen alles illegal ist: abgesägte scharfkantige Bremshebel, Bremshebel aus China ohne Zulassung, kein zweiter Spiegel, fehlende Reflektoren. Eine Strafe wegen der Lautstärke hatten sie bereits einkassiert. Einsatzleiter Stieg füllt Zettel aus und schickt die drei zum TÜV. „Wenn die in einer Woche nicht abgestempelt wieder bei uns sind, übergeben wir den Fall der Zulassungsbehörde. Dann wird’s richtig teuer.“ Niklas nickt kleinlaut.

Neben den Tunern, die ihre Fahrzeuge nicht immer regelkonform aufrüsten, haben Stieg und seine Kollegen vor allem die Poser im Visier. Sie sind in teuren, oft nur geliehenen Protzautos unterwegs, lassen Motoren aufheulen, um aufzufallen. „Im Grunde suchen sie alle Aufmerksamkeit, auch wenn sie sich voneinander unterscheiden“, so Stieg.

Er horcht auf. Von weitem ist Dröhnen zu hören. Stiegs braune Augen blicken fest und konzentriert. Sofort hat er den Porsche zwischen vielen Autos entdeckt, holt das Blaulicht raus. Hotze gibt Gas, stoppt den Wagen. Der 26-jährige Fahrer steigt aus. Die Polizisten legen sich auf den Asphalt, leuchten den Unterboden aus und finden Schweißnähte. Stieg führt eine Endoskop-Kamera in den Auspuff. „Wie bei einer Operation. Wir können im Auspuff erkennen, ob manipuliert wurde.“ Der Porsche ist sauber, aber laut.

94,7 Dezibel Fahrgeräusch zeigt das Messgerät an. Der zulässige Grenzwert liegt bei 72 bis 75 Dezibel. „Es sei denn, im Fahrzeugschein ist ein höherer Wert eingetragen“, erklärt der Polizist. Eingetragen sind 94 Dezibel. Die Beamten können nichts machen. „100 Dezibel sind so laut wie eine Kreissäge. Alles über der zulässigen Grenze ist gesundheitsschädlich. Wir haben sogar schon mal 110 Dezibel gemessen“, so Stieg kopfschüttelnd.

Nicht nur Einträge in den Fahrzeugschein machen Krach legal. Auch ein eingetragener Klappenauspuff mit entsprechender Elektronik der Hersteller. „Da machen die Jungs auf Knopfdruck das Auto laut oder leise.“

Später rast ein VW Scirocco mit Affenzahn durch die Innenstadt, nah vorbei an Fußgängern und parkenden Autos, bremst in Kurven kaum ab. Die Beamten hinterher. Bei mehr als 100 Kilometern pro Stunde entfernt sich der Wagen immer noch. Hotze hält die Kelle raus, Blaulicht blinkt, der Wagen hält schließlich an. „Ich bin nicht zu schnell gefahren“, sagt der 20-jährige Fahrer bockig. Das hilft ihm nicht. Seinen Führerschein ist er erst einmal los.

Zwölf Stunden lang ist das Team im Einsatz. Mit einem Gehör wie Luchse und mit Adleraugen. Sie achten auf folierte Fenster, falsche Scheinwerfer, getunte Autos und Motorräder, Anbauten und alles, was aufmotzt.

Insgesamt 17 Mal winkt an diesem Tag die rote Kelle. Vom roten BMW A 4, einem Wochenendleihwagen, der wie ein röhrender Hirsch mit lautem Knallen durch die Straßen rollt, bis hin zum BMW S1000 RR-Rennmotorrad, das Kratzspuren im Auspuff ausweist und bis zu Tempo 300 fahren kann. Alle müssen anhalten.

Die Fahrer sind alle männlich, jeder hat Ausreden parat. Sie sind stolz auf ihre Gefährte, die zeigen sollen, wie stark sie sind. Stieg und Hotze imponiert das gar nicht. Sie widmen den Fahrern zwar Aufmerksamkeit, allerdings oft mit unangenehmen Folgen. Bis hin zur roten Karte, wenn ein Fahrzeug eingezogen wird. Sie stoppen die Fahrer – mit ihrem 120 Dezibel lauten Martinshorn.

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