Elvira Dilba an ihrem Arbeitsplatz: Auf der Yogamatte mit Laptop, Kamera und Internet-Zugang.
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Elvira Dilba an ihrem Arbeitsplatz: Auf der Yogamatte mit Laptop, Kamera und Internet-Zugang.

Sachsenhausen

Sonnengruß und Krieger: Yoga auf der Baustelle

  • VonStefanie Wehr
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Trotz Baggerlärms in der Fritz-Kissel-Siedlung gibt die Yogalehrerin Elvira Dilba von zu Hause aus Online-Unterricht.

Der Computer steht auf dem kleinen Schreibtisch, die Yogamatte liegt auf dem Boden vor der weißen Wand mit großem "Om"-Zeichen. Das ist Elvira Dilbas Arbeitsplatz, hier ist sie für ihre Yogaschüler da. Online, per Zoom, gibt die hauptberufliche Yogalehrerin mehrmals wöchentlich Unterricht, seit dem Beginn des Winter-Lockdowns im November.

Die Schülerinnen - meist zwischen acht und zehn an der Zahl - sitzen ihrerseits zu Hause vor den Laptop-Bildschirmen auf ihren Yogamatten. Die Stunde fängt an mit Atemübungen. "Ich zeige die Übung, und dann macht ihr mit", sagt Dilba und streckt die Arme nach vorne und führt sie über die Seite im Kreis zurück. "Der Atem gibt den Rhythmus vor. Atemübungen sind zurzeit die beste Gesundheitsprophylaxe", wirbt die Yogalehrerin. "Außerdem beruhigt geführtes Atmen die Gedanken, viele meiner Schüler kommen genau deshalb", sagt sie. Um Stress abzubauen, gesund zu bleiben.

Viele Übungen im Stehen, das Dreieck oder der Krieger, werden stets für beide Körperhälften, die rechte und linke Seite nacheinander gemacht. "Das Gehirn liebt die Symmetrie, das beruhigt sich dadurch", sagt Elvira Dilba. Die folgenden eineinhalb Stunden führt sie die Gruppe durch einzelne, zum Teil ziemlich fordernde Haltungen, bis hin zum Sonnengruß, "das Herz des Yoga", erklärt Dilba. Fließende Bewegungen sollen Herz und Kreislauf in Schwung bringen.

Top-Manager lernen das richtige Atmen

Die Wissenschaft des Yoga zu vermitteln und Menschen zu helfen, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen, hat sich Elvira Dilba zur Lebensaufgabe gemacht. Die Politikwissenschaftlerin und frühere Journalistin wollte auf einen gesünderen, bewussteren Lebensstil umsteigen. Seit 1997 ist sie Yogalehrerin. Seitdem gibt sie Kurse weltweit, vor allem aber in Frankfurt. 10 Kurse die Woche gibt sie bei Santulan im Nordend, bei Turnvereinen und in Sachsenhausen in einem Physiotherapie-Zentrum im Ludwig-Zamenhof-Weg 5. Einzelstunden gibt sie direkt am Südbahnhof in einem ehemaligen Tanzstudio. Dort dreht sie auch mehrmals wöchentlich Videos für Facebook und Instagram mit Yogatipps und -anleitungen. "Zu mir kommen verschiedenste Menschen vom Top-Manager bis hin zur Hausfrau. Alle wollen beweglicher werden und vor allem den Geist unter Kontrolle bringen, sich insgesamt besser fühlen. Und dafür ist Yoga das beste Mittel." Immer wieder lehrt sie ihre Schüler die Kunst des richtigen Atmens. "Das erhöht den Sauerstoffgehalt im Blut, bringt Vitalität und damit eine höhere Lebensqualität."

Ihre älteste Schülerin ist 86. "Sie kam zu mir, weil sie das Atmen lernen wollte. Inzwischen kann sie auch die Körperübungen gut, ist beweglicher und sagt, sie ist geistig fitter und fokussierter", berichtet die Sachsenhäuserin. Während des Lockdowns hat sich der Yogaunterricht verändert. Online-Stunden mit bis zu 30 Teilnehmern waren keine Seltenheit. Alle im Blick zu behalten und stets selbst die Übungen mitzumachen war eine Umstellung. Am meisten erschwert wurde ihr die Arbeit aber von den monatelangen Bauarbeiten in der Fritz-Kissel-Siedlung. Dort wurden seit September 14 Gebäude aufgestockt, darunter auch das Haus in der Breslauer Straße, in dem Dilba in ihrem kleinen Apartment wohnt.

Genau vor ihrem Balkon war auf dem früheren Grünstreifen, jetzt Feuerwehrzufahrt, das Materiallager untergebracht. "Bagger und Bobcats fahren immer noch von früh bis spät vor meinem Fenster herum." Der Dauerlärm sei "der Hammer" gewesen, teilweise kaum zu ertragen - doch wegen Corona waren die Bewohner der Siedlung regelrecht an ihr Zuhause gefesselt. "Es war ein echtes Überlebenstraining. Jetzt kann nichts Schlimmeres mehr kommen", beschreibt Elvira Dilba. "Ohne Yoga hätte ich das gar nicht ausgehalten." Der Krach störte auch die Online-Sessions. "Wir haben uns irgendwie arrangiert, aber lustig war das nicht." Einmal stand mitten in der Yoga-Stunde ein Bauarbeiter mit Farbpinsel auf ihrem Balkon. "Er sprach kein Deutsch. Mit Händen und Füßen habe ich ihm zu verstehen gegeben, dass er jetzt nicht hier arbeiten kann", erzählt die Yogalehrerin.

Zum Glück gehen bald die Kurse wieder vor Ort los. Die letzte Online-Stunde wird am Montag über die Bühne gehen. Wer mitmachen will, kann sich bei Elvira Dilba unter 63 19 96 88 melden. Auf Facebook ist sie unter www.facebook.com/startnowyoga, auf Instagram unter dem Stichwort startnowyoga zu finden.

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