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Ein schwarz-weißer Zylinder ist das Markenzeichen von Sonny, der auf dem Bild mit Freunden auf dem Weg zum Pokalendspiel in Berlin war.

Historisch

Eintracht-Kult-Fan Sonny ist Jude und war im Konzentrationslager inhaftiert

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Fast sein ganzes Leben fiebert Sonny für die Eintracht. In der neuen Veranstaltungsreihe des Eintracht Museums und des Fritz Bauer Instituts erinnert er an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Es ist ein innerer Kampf. Soll er vor Leuten reden oder nicht? Jahrzehntelang hat er kaum jemandem von seiner jüdischen Kindheit in der Frankfurter Altstadt erzählt, einer Kindheit, die im Sammellager von Theresienstadt endete. Als Sonny, den besonderen Eintracht-Fan, kennen ihn alle. Seit mehr als 70 Jahren fiebert er mit seiner Eintracht mit, er war 1959 schon beim Meisterschaftsendspiel gegen Kickers Offenbach dabei; mit seinem Käfer war er nach Berlin gefahren, er trug seinen schwarz-weißen Anzug, seinen schwarz-weißen Zylinder, seine Markenzeichen. Es gibt ein Bild von damals, in Zeitungen war es abgedruckt und auf dem Titel des „Frankfurt Journal“.

Im Eintracht-Museum hat er schon oft von seinen Fan-Erlebnissen erzählt, es gibt sogar Autogrammkarten von ihm, mit Museumsleiter Matthias Thoma verbindet ihn eine vertrauensvolle Freundschaft. Und nun soll er über seine Kindheit reden – im Eintracht-Museum, heute um 19.30 Uhr. Eigentlich hat er schon zugesagt. „Aber manchmal wühlt mich das Erinnern so auf“, sagt Sonny.

Heute eröffnen das Eintracht-Museum und das Fritz-Bauer-Institut eine außergewöhnliche Veranstaltungsreihe. „Theresienstadt. Eine Spurensuche“ ist ihr Titel. Die Eintracht erinnert an die Schicksale ihrer jüdischen Mitglieder, sie geht zu den ihnen zu Ehren verlegten Stolpersteinen, Historiker erläutern, Zeitzeugen erzählen, für Herbst ist eine Reise nach Theresienstadt geplant, mit Sonny, mit jungen Fans. Das Programm steht auf der Internetseite. Und überall taucht darin Sonnys vollständiger Name auf. „Ich will den aber dieses Mal nicht in der Zeitung stehen sehen“, sagt er. Versprochen!

Seine Schwester, Lilo Günzler heißt sie, hat ihre Erlebnisse in einem Buch verewigt, „Endlich reden“, heißt es. Sie hat darin auch von Sonny erzählt, sie hat oft in Schulen erzählt, sie wollte, dass nicht in Vergessenheit gerät, was den jüdischen Kindern in Frankfurt widerfahren ist. „Der Lilo tut die Öffentlichkeit gut“, sagt Sonny, „mit tut das Verdrängen gut.“ Er hatte früher auch Angst, besonders in der Nachkriegszeit, „da waren doch überall noch Nazis“.

Er war nach der Befreiung von Theresienstadt zurückgekehrt in seine Heimatstadt, spielte Fußball bei der Eintracht – in der Jugend, für die Amateure. Er arbeitete sein Leben lang hart, einmal als Fahrer für die Stadtbücherei, am Ende am Flughafen, ständig wechselte er den Job, auch, weil er seinen Mund nicht halten kann, wenn ihm was nicht passt. Er ist einer, der klar auf sich selbst blickt: „Ich bin jähzornig.“ Er sagt: „Was ich als Kind erlebt habe, das hinterlässt Wunden.“

Ahnungsloser Altstadtbub

Sonny, der Altstadtbub, hat bis zu seinem achten Lebensjahr nicht gewusst, dass er Jude ist. Seine Mutter war Jüdin, von seinem richtigen Vater weiß er wenig. Sein Stiefvater war Katholik, katholisch ist Sonny, Jahrgang 1931, auch erzogen worden, er war Ministrant im Dom. Dann plötzlich sagten sie ihm, dem Achtjährigen, dass er Jude ist, dass er den gelben Stern tragen muss, dass er nicht mehr in die Schule darf. Im Fischerviertel wuchs er auf, gegenüber von seinem Haus war das Haus der Hitlerjugend. Sie sangen laut von Messern und spritzendem Judenblut. „Die sangen auch von mir“, sagt Sonny.

Eine Lüge

Er wird wohl heute erzählen im Eintracht-Museum, er wird wohl mitgehen zu den Stolpersteinen, er wird wohl mitfahren nach Theresienstadt. „Das Ganze ist wichtig und gut.“ So sagt er es in einem Moment. Im nächsten seufzt er: „Ich weiß nicht…“ Aber da ist eine Sache, die will er unbedingt mal öffentlich loswerden, sie hat nicht direkt mit seinem Schicksal zu tun, sondern mit einer Lüge: Dass niemand gewusst hat, was mit den Juden passiert ist. „Was haben die geglaubt, wohin Menschen, die wie Vieh aus ihren Häusern getrieben wurden, gebracht worden sind?“

Sonny und seine Mutter kamen nach Theresienstadt. Im Februar 1945 war das. Wie alle Deportierten mussten sie zum Ostbahnhof. Um die 250 waren sie, 250 der letzten noch in Frankfurt lebenden Juden, zusammengepfercht in einem Waggon. Tage dauerte die Reise, kaum zu trinken hatten sie. „In Theresienstadt ging es uns dann verhältnismäßig gut“, sagt Sonny, „Theresienstadt war im Vergleich zu den Konzentrationslagern das reinste Paradies.“ Im Frühjahr, kurz bevor sie in ein Todeslager gebracht werden sollten, wurde Theresienstadt befreit. „So ein Glück.“

Er habe sich in den Monaten von Theresienstadt nie nach etwas anderem gesehnt, als wieder zurück nach Frankfurt kehren zu können, sagt er am Ende eines wechselhaften Gesprächs, in dem es eben noch um seine Kindheit, dann wieder um die Eintracht gegangen war. Seine Eintracht. „Was heute ist, zählt“, sagt Sonny, „ich danke jedem Tag meinem Herrgott, dass ich gesund bin und so alt werden durfte.“

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