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Interview

Soziologe Harald Welzer: "Diese Regierung handelt fahrlässig"

Was ist bloß los im Land? Chemnitz, Maaßen, Seehofer, Nahles – verlieren jetzt alle den Verstand? Michael Kluger hat bei dem renommierten Soziologen Harald Welzer (60) nachgefragt.

Herr Welzer, steht der Weltgeist heute rechts?

HARALD WELZER: Das glauben anscheinend opportunistische Politiker, vor allem aus der unerträglichen CSU. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger steht, wie wir aus allen Umfragen wissen, auf der Seite der liberalen Demokratie.

Sehen Sie nach Chemnitz, nach Köthen und dem Fall Maaßen den Rechtsstaat und die liberale Demokratie in Gefahr?

WELZER: Die gegenwärtige Bundesregierung agiert fahrlässig. Maaßen hätte unmittelbar nach seinem „Bild“-Interview entlassen werden müssen. Aber damit nicht genug: Die perfide Beförderung ist ein Zeichen von völliger Losgelöstheit von der Bürgergesellschaft. Offenbar ist in dieser Regierung niemandem mehr so recht klar, dass sie in allererster Linie die Demokratie und den Rechtsstaat zu verteidigen haben. Ein Trauerspiel.

Woher rührt das Misstrauen in die staatlichen Institutionen, die etablierten Parteien, die alten Medien und Eliten?

WELZER: Ich glaube nicht, dass man den Institutionen und den alten Medien misstraut. Pegidisten und AfDler lesen ja keine Zeitungen. Die etablierten Parteien sind zukunftsvergessen, manche Eliten bilden staatsferne Parallelgesellschaften.

Welche Erklärung haben Sie für die emotionale Aufheizung des gesellschaftlichen Klimas, die Ausbrüche von Wut und Hass?

WELZER: Ein Medienphänomen. Die Mehrheit ist nicht dauererregt und nicht hetzbereit.

Ist die Migration tatsächlich die „Mutter aller Probleme“?

WELZER: Klar. Migration ist für den Klimawandel, den Dieselskandal, die unbezahlbaren Mieten, den Pflegenotstand, die soziale Ungleichheit und Horst Seehofer ursächlich.

Stimmt die Diagnose, dass die „bürgerliche Mitte“ zunehmend ins rechte Lager abdriftet?

WELZER: Nein. Aber die Neue Rechte geht durch alle gesellschaftlichen Gruppen hindurch, auch durch die Universitäten.

Warum scheinen die politischen Angebote der Linken überall in Europa offenbar eher unattraktiv?

WELZER: Weil sie leider 19. Jahrhundert sind. Und zum Beispiel zu ökologischen Fragen nichts zu sagen haben. Oder orientierungslos sind wie ein junges Reh nachts auf der Autobahn, wie unsere arme SPD.

Der Diskurs wird zunehmend von Elementen des Irrationalen bestimmt: Stimmungen, Emotionen, Instinkten, Mythen. Ist die Wahrheit heute zu komplex und zu mühsam?

WELZER: Ich fürchte, sie ist so einfach, dass sie niemand zur Kenntnis nehmen will. Wir kommen mit den Rezepten des letzten Jahrhunderts nicht durch das 21ste. Wenn man das zur Kenntnis nehmen würde, müsste man weniger konsumieren, umverteilen, an vielen Stellen modernisieren, auch da, wo es mächtigen Interessengruppen wehtut, zum Beispiel der Auto- oder der Luftfahrtindustrie. Aber die Zivilgesellschaft setzt die Politik viel zu wenig unter Druck, unsere Schuld.

Kann die Politik die offensichtliche Entfremdung von den Menschen wieder einholen? Anders gesagt: Was kann die AfD noch stoppen?

WELZER: Alle die, die sich persönlich angegriffen fühlen, wenn die Demokratie angegriffen wird. Eine politische Generation, wie sie gerade entsteht. Gehen Sie mal auf eine Seebrücke-Demo. Da sehen Sie überwiegend sehr junge Leute, die es nicht hinnehmen wollen, dass die EU nach wie vor von Werten redet, aber zigtausende Menschen kaltblütig ertrinken lässt. Und sie haben ja recht, wenn sie das nicht hinnehmen wollen.

Wie soll man mit der AfD und ihren Anhängern reden? Moralische Verurteilung und Ächtung scheinen eher das Gegenteil als die erhoffte Wirkung zu erzielen .

WELZER: Gar nicht. Wozu?

In Büchern wie „Selbst denken“ und „Die smarte Diktatur“ haben Sie an den aufgeklärten, selbstverantwortlichen Menschen appelliert, sein Schicksal nicht anderen zu überlassen, sondern in die eigene Hand zu nehmen. Warum sind es ausgerechnet die Rechten, die genau das zu tun scheinen, während die große Mehrheit den Angriffen auf die demokratische Gesellschaft eher träge und unbeeindruckt zuzusehen scheint?

WELZER: Das Problem ist, dass Dagegensein in den Medien viel besser ankommt als Dafürsein. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit bevorzugt den Klamauk, nicht die tägliche Arbeit, den Laden am Laufen zu halten. Anders gesagt: die Abweichung, nicht den Normalfall. Man muss sich nur mal ansehen, dass überall das völlig sinnlose Buch des unmaßgeblichen Herrn Sarrazin so intensiv kritisiert wurde, dass es natürlich die Bestsellerlisten stürmte. Warum kann man einen Autor, der nichts von den Dingen versteht, über die er schreibt, nicht ignorieren? Antwort: der hat einen hohe Klamaukfaktor. Darauf zu spekulieren, ist aber genau wie im Fall von Pegida und AfD, verantwortungslos gegenüber der Demokratie.

Ist die liberalen Demokratie zu reformieren, oder erfordert das 21. Jahrhundert womöglich eine andere, autoritäre staatliche Verfassung?

WELZER: Nein, das Grundgesetz ist hervorragend. Man muss nur ab und zu mal hineinlesen.

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