Markus Engert zeigt die von ihm restaurierten Messingtüren noch einmal, ehe er sie wieder an ihrem angestammten Platz am Tabernakel in der Justinuskirche einsetzt.
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Markus Engert zeigt die von ihm restaurierten Messingtüren noch einmal, ehe er sie wieder an ihrem angestammten Platz am Tabernakel in der Justinuskirche einsetzt.

Überraschungsmoment

Frankfurt: Restaurator macht spannende Entdeckung in Kirche

  • Holger Vonhof
    VonHolger Vonhof
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Restaurator Markus Engert sollte nur das Tabernakel der Justinuskirche in Frankfurt-Höchst überarbeiten. Dabei machte er eine unerwartete Entdeckung.

Frankfurt – Es war ein besonderer Moment: Gestern Vormittag hat Restaurator Markus Engert die Messingtüren des Tabernakels in der Justinuskirche in Höchst wieder eingesetzt. Die in den 1930er-Jahren gefertigten Türen hatte er in den vergangenen Wochen in seiner Werkstatt in Würzburg überarbeitet. Dabei hat er eine frühere Bemalung freigelegt. Ein Tabernakel ist in katholischen Kirchen ein Aufbewahrungsort der "Reliqua sacramenti", der in der Eucharistiefeier konsekrierten Hostien, die nach katholischer Lehre Leib Christi sind und bleiben. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "Behausung" oder "Zelt". In der Regel ist der Tabernakel ein künstlerisch gestaltetes "Sakramentshaus", das den Inhalt mit massiven Wänden und einer abschließbaren Tür vor unbefugtem Zugriff schützt.

In der Justinuskirche in Frankfurt waren über die mehr als elf Jahrhunderte ihrer permanenten Nutzung als Gotteshaus mehrere Tabernakel in Gebrauch. Die Kirche ist bekanntlich zwischen 830 und 850 errichtet worden, zumindest in ihrer Grundstruktur. Deshalb ist sie seit der Eingemeindung Höchst im Jahr 1928 nun nicht nur eine der ältesten erhaltenen Kirchen Deutschlands, sondern auch das älteste erhaltene Gebäude der ganzen Stadt.

Frankfurt-Höchst: Restaurator macht unerwartete Entdeckung im ältesten Gebäude der Stadt

Zur Aufbewahrung des Allerheiligsten war mit der Fertigstellung des spätgotischen Chorbereichs um 1465 in der Nordwand ein Sakramentshäuschen vorhanden, schreibt Ernst-Josef Robiné, der Ehrenvorsitzende der Stiftergemeinschaft Justinuskirche, in seinem im vorigen Jahr erschienenen dritten Buch zur Justinuskirche, "Ein reiches Erbe - Die liturgische Ausstattung der Justinuskirche und der Josefskirche Frankfurt am Main-Höchst".

Robiné kennt sich nach fast 40 Jahren ehrenamtlichen Engagements für den Erhalt der Kirche aus: "Das Wappen über der vergitterten, mit Blattgold geschmückten Tür zeigt, dass das Sakramentshäuschen von dem Antoniterpräzeptor Gutgelt gebaut wurde. Wie wir seit der Freilegung des Inneren 1997 wissen, hat es ein kleines Kreuzgewölbe mit einem T(au) im Kreuzungspunkt, leuchtend blaue Wände, die ursprünglich mit Sternen aus Blattgold und - vermutlich - einem gemalten Kreuz auf der Rückseite geschmückt waren." Davon war nicht viel zu sehen: Irgendjemand hatte die Wandnische mit Holz und DC-Fix verkleidet, um sie verschwinden zu lassen.

Kirchenrestaurierung: Wertvolle Gegenstände landen oft in der Mülltonne

Dass auch in Kirchen mitunter erhaltenswerte Gegenstände großzügig entsorgt werden, musste Robiné schon als Messdiener in seiner Heimatgemeinde im Saarland erkennen. Dort ging er eines Abends an der Mülltonne der Kirche vorbei und entdeckte darin das ausrangierte Rauchfass. "Die Gemeinde hatte ein neues bekommen, also wurde das alte einfach fortgeworfen", erinnert er sich. Ihn, den Messdiener, rührte das alte Rauchfass, er fischte es aus dem Müll und polierte es auf. "Danach stand es jahrzehntelang auf meinem Wohnzimmerschrank." Das war ihm Mahnung und Inspiration zugleich, die Vergangenheit zu bewahren. Lange Jahre war er deshalb Vorsitzender der Stiftergemeinschaft Justinuskirche, die sich für den Erhalt des Baudenkmals und seiner liturgischen Ausstattung einsetzt.

Nach dem Bau des barocken Hochaltars sei vermutlich 1826 ein Drehtabernakel auf den Altar gekommen. Das ist eine Sonderform, bei dem ein drehbarer Zylinder eingesetzt ist, der in einer oder mehreren Nischen Stellplätze für Kelche oder Monstranzen bietet - ganz ähnlich, der profane Vergleich sei gestattet, wie in einer drehbaren Haus-Bar: Beim Drehen des Zylinders werden diese Nischen sichtbar. An dem Drehtabernakel der Justinuskirche befand sich das Lamm Gottes mit der Osterfahne auf einem Buch mit sieben Siegeln. "Das Lamm befindet sich heute auf dem Speicher", weiß Robiné.

Justinuskirche Frankfurt-Höchst: Die Stiftergemeinschaft

Die Stiftergemeinschaft Justinuskirche finanziert ihre Arbeit über Spenden: IBAN DE06 5019 0000 0000 6537 05 (Frankfurter Volksbank) oder DE91 5005 0201 0000 0038 00 (Frankfurter Sparkasse). Der Verein ist gemeinnützig und darf Spendenbescheinigungen ausstellen.

Frankfurt-Höchst: Religiöse Kunst irgendwann nicht mehr gewollt

Im Jahr 1932 entwarf dann der preußische Regierungsbaurat Dobisch neben anderen Ausstattungsgegenständen einen neuen Tabernakel für die Justinuskirche. Der in einem Holzmantel sitzende, umrandete Tabernakelkorpus aus Messing, innen blattvergoldet, trägt in aufgesetzten Buchstaben die Inschrift "TABERNACULUM DEI CUM HOMINIBUS" (Zelt Gottes unter den Menschen). Er hat einen krönenden Aufsatz auf vier Säulen, die am Fuß und am Ende je eine Scheibe tragen. Auf den Säulen sitzt ein doppelter Rahmen, der vorne die Buchstaben A PX O hält. Er ist an allen vier Ecken durch Kreuze bekrönt. A (Alpha) und O (Omega) bedeuten "Anfang und Ende". Diese Bedeutung hat das Buchstabenpaar, weil A (Alpha) der erste und O (Omega) der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet sind. XP, auch Chi Rho genannt, ist das Christus-Monogramm.

Dieser irgendwann nicht mehr gewollte und demontierte Aufsatz, so berichtet Robiné in seinem Buch, sei in den 1990er Jahren wiedergefunden und erneut auf dem Tabernakel montiert worden. 2009 hat Markus Engert diesen Tabernakel restauriert. Der gerettete Aufbau habe, so berichtet Robiné, bei seiner Entdeckung beim Metallschrott gestanden . . .

Bei der Restaurierung der Messingtüren hat Markus Engert nun eine Schrift aus einem uralten katholischen Hymnus wiederentdeckt. Die Worte sind seinerzeit bei der feierlichen Aussetzung der Hostie oder bei Prozessionen gesungen worden. Sie lauten: "Pange lingua gloriosi corporis misterium" - Singe, Zunge, das Geheimnis dieses Leibs in Herrlichkeit. (Holger Vonhof)

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