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Dort, wo Dr. Wolfgang Metternich hinzeigt, ganz oben auf dem Hochaltar, steht die Statue der Heiligen Margarethe. Sie ist der einzige Hinweis in der Ausstattung, dass die älteste Kirche Frankfurts, die Höchster Justinuskirche, eigentlich eine Margarethenkirche ist. Denn die Gebeine des Patrons Justinus sind längst verschwunden.

Wolfgang Metternichs neues Buch

Die spannendste Kirche Frankfurts

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Die Justinuskirche ist zuletzt immer stärker ins Interesse der Bau-Historiker gerutscht – weil bewiesen werden konnte, dass sie eines der ältesten Gotteshäuser in Deutschland und das älteste Frankfurts ist. Jetzt erscheint Dr. Wolfgang Metternichs neues Buch über die Kirche – für Laien ebenso spannend zu lesen wie für Wissenschaftler.

Es ist viel geschrieben worden in den vergangenen 180 Jahren über die Justinuskirche. Braucht es da noch ein Buch? Ja, ein solches schon. Dr. Wolfgang Metternich, Kunsthistoriker und Höchster Geschichtskoryphäe, kennt die Kirche seit mehr als 60 Jahren und hat selbst schon über sie geschrieben, das erste Mal eine Seminararbeit im Jahr 1975, 1987 sogar ein ganzes Buch. „Man möchte meinen, über diese Kirche sei nun alles Wissenswerte gesagt“, grinst er. Doch Papier ist geduldig: Wie in der Wissenschaft nicht unüblich, hat in der Vergangenheit der eine vom anderen abgeschrieben. So hat sich mancher Fehler übertragen. Und: Die neueren Forschungen zur Justinuskirche sind, was die Belege für ihr Alter angeht, bahnbrechend.

Metternichs Buch „Die Justinuskirche in Frankfurt am Main-Höchst“ erscheint in der renommierten Reihe „Die Blauen Bücher“ in Königstein und wird zum Altstadtfest verkauft. Den Stiftern – Metternich gehört dazu – ist es anzurechnen, dass die Kirche in jüngster Zeit wieder verstärkt in den Fokus der Forscher geraten ist.

Jahrzehnte wurde darüber gestritten, ob sie wirklich zwischen 830 und 850 erbaut wurde, also karolingisch ist (und damit eine der ältesten erhaltenen Kirchen Deutschlands), oder ob sie nicht doch erst deutlich später errichtet wurde. „Die Erbauung der Justinuskirche im zweiten Viertel des neunten Jahrhunderts ist durch die Dendrochronologie (Jahresring-Bestimmung des Holzes, die Red.) von 1985 und eine ergänzende C 14-Datierung von 2015 zweifelsfrei bestätigt“, schreibt Metternich.

Das Verfahren, auch Radiokarbonmethode genannt, beruht darauf, dass in abgestorbenen Organismen – auch Bauholz – die Menge an gebundenen radioaktiven 14 C-Atomen gemäß dem Zerfallsgesetz abnimmt. Lebende Organismen sind von diesem Effekt nicht betroffen, da sie ständig neuen Kohlenstoff aus der Umwelt aufnehmen, der wieder den normalen Anteil an 14 C-Atomen einbringt. Damit können Altersspannen zwischen 300 und etwa 60 000 Jahren bestimmt werden.

Doch genug der Wissenschaft: Wer nun noch behauptet, die Justinuskirche sei nicht so alt und ehrwürdig, wie es viele Höchster schon immer gesagt haben, der ignoriert moderne Forschungsergebnisse. Was Metternich hingegen zugibt: Eigentlich ist es keine Justinuskirche. Die von ihrem Stifter, dem Mainzer Erzbischof Otgar, herbeigeschafften Gebeine des Heiligen Justinus sind längst verschollen. Gegen Ende des Hochmittelalters wurden sie von Höchst nach Mainz geschafft, dann nach Halle weitergereicht. „Wahrscheinlich wurden sie von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg geraubt, versanken jedoch auf dem Weg nach Schweden in der Ostsee, wo sie ihre ewige Ruhe fanden“, vermutet Wolfgang Metternich.

Also musste im 12. Jahrhundert eine neue Patronin für die Höchster Kirche her, und man entschied sich für die Heilige Margarethe. Wie jede kluge Frau kehrt sie nicht hervor, dass sie den Ton angibt: Der einzige Bezug ist eine Figur der Kirchenpatronin ganz oben auf dem barocken Hochaltar von 1726. Mit der Bildung der „Pfarrei Neuen Typs“ aus den Gemeinden St. Josef (Höchst), St. Dionysius (Sindlingen), St. Bartholomäus (Zeilsheim), St. Johannes-Apostel (Unterliederbach) und St. Michael (Sossenheim) zum 1. Januar 2018 rückt die Kirchenpatronin aber mehr in den Mittelpunkt, denn die Pfarrei wird gemäß ihrer Titularkirche den Namen St. Margareta tragen.

Dass die Justinuskirche eine Margarethenkirche ist, weiß zwar kaum jemand, was aber niemanden daran hindert, den Kirchweihtag im Juli zu feiern, eben zum Höchster Schlossfest: Zur Kirchweihe gibt es am Sonntag, 2. Juli, zu Beginn des zweiten Tags des Höchster Altstadtfests, um 11 Uhr einen Gottesdienst vor der Justinuskirche. Am Stand der Stifter nebenan wird Metternichs neues Buch an beiden Altstadtfest-Tagen verkauft.

Die Justinuskirche ist nicht nur eine der ältesten Kirchen Deutschlands, sondern auch eine mit einer hochklassigen Ausstattung an Kunstwerken – Statuen und Gemälden, Altargeräten und Paramenten. Mit seinen 245 Fotos zeigt das Buch sicher jedem auch unbekannte Ansichten: Wer hat schon einmal die Dämonenfratzen am Glockenhenkel der Antoniusglocke von 1642 gesehen? Oder wer kennt das Lotterielos von 1924 zugunsten der Renovierung der Kirche? Mit dem Erlös des Buches helfen Metternich und die Stiftergemeinschaft, das Gotteshaus zu bewahren.

Und Wolfgang Metternich, der vor 60 Jahren als Messdiener seine ersten Schritte in der Justinuskirche tat, ist sichtlich zufrieden, dass durch die jüngsten Beweise die Theorie, die Kirche sei erst nach 1090 erbaut worden, nicht mehr haltbar ist: „Die Messe ist nun gesungen.“

Wolfgang Metternich, Die Justinuskirche in Frankfurt am Main-Höchst, „Die Blauen Bücher“, Robert Langewiesche Nachfolger / Hans Köster Verlagsbuchhandlung KG, Königstein 2017, 113 S., 14,80 Euro (Paperback) oder 22,80 Euro (Leineneinband)

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