Mutig: Mitarbeiter Armand Shaphasa steht im neuen Feinkostladen und bietet italienische Spezialitäten an.
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Mutig: Mitarbeiter Armand Shaphasa steht im neuen Feinkostladen und bietet italienische Spezialitäten an.

Bockenheim: Nicht alles dicht

Spezialitäten und ein kleiner Plausch

  • vonSabine Schramek
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Auf der stillen Leipziger Straße wagen manche sogar den Neuanfang

Wenig Lichter, wenig Leute. Der Lockdown betrifft auch die Leipziger Straße. Statt Gewusel, Hektik und Gedränge zwischen Lokalen und Geschäften gibt es To-Go. Trotz der unsicheren Zeiten wagen manche einen Neustart.

"Neueröffnung" steht auf einigen Scheiben in der Bockenheim Passage am Anfang der Leipziger Straße. Die Lage ist gut, vor allem, wenn es regnet. Verteilt stehen einige Pärchen und Arbeiter im Trockenen, trinken Kaffee oder essen. Der neue Balkan Grill lockt mit Döner zum Mitnehmen. Schnell geht es in dem wenig beleuchteten Laden schräg gegenüber vom "Sosta & Gusta". Seit einer Woche leuchten helle Lichter in dem neuen Feinkostladen mit Bar. Armand Shaphasa (33) lacht. "Die Bar läuft erst mal nur zum Mitnehmen, aber der Kaffee schmeckt", sagt der gebürtige Albaner, der in Italien ausgebildet wurde und seit zehn Jahren in Deutschland ist. Er arbeitet hier als Verkäufer von selbst gemachter Pasta - gefüllt oder ungefüllt, von Parmaschinken, eingeschweißtem Risotto und Sugo so weit das Auge reicht. "Der Chef Francesco Salleto ist gerade unterwegs", sagt er und füllt Antipasti für eine Kundin ins Schälchen. "Es könnten mehr Leute kommen", findet die Frau und nimmt noch frisches Vitello Tonnato mit. Man plaudert. Natürlich über Corona und den Lockdown. Die Kundin arbeitet im Homeoffice. "Da braucht man Frisches zwischendurch, sonst ist es zu einsam ohne Kollegen."

Einkaufen nur per Anruf

Am Frauenbetrieb und dem "Laden" locken Schilder zum Einkaufen per Anruf. Abgeholt werden kann, was im Fenster ausliegt oder online zu sehen ist. Bunte Wintersachen liegen aus. Kunden sind rar. Eine ältere Dame guckt und schüttelt den Kopf. "Alles, was ich brauche, ist Gesellschaft. Andere Leute zu sehen, statt alleine zu Hause zu sitzen. Bunte Klamotten und Möbel sind schön, aber wer braucht das jetzt, wo eh nichts geht", fragt sie sich. Kioske, Obststände, Kuchen und belegte Brötchen laufen gut.

Fast würde man an Lokalen vorbeilaufen, obwohl sie Essen zum Mitnehmen anbieten. Die Beleuchtung beim Asiaten ist minimal, der Duft von Wokgerichten oder gegrilltem Fleisch in Burgerlokalen zieht über Tafeln durch geöffnete Türen. "Wer uns kennt, kommt", sagt eine Mitarbeiterin. "Beim Licht sparen wir. Dafür haben wir Tafeln." Es wirkt trostlos in der Gastronomie. Stühle stehen auf Tischen, Eiscafés sind noch in der Winterpause. Läden beleuchten nur notdürftig ihre Schaufenster - auch wenn sie Click & Buy anbieten. Am Marktstand schreien sich Verkäufer von frischem Obst und Gemüse die Kehle aus dem Hals. Statt hektischem Gedränge wird gebabbelt. "Vitamine, Vitamine, frisch und fruchtig", schallt es durch die leise Straße. Mit vollen Einkaufsbeuteln in der Hand wird erzählt von der Familie und Freunden, die "man kaum noch sieht". Statt inniger Umarmung gibt es Videotelefonie von zu Hause aus. "Ich vermisse das so. Hoffentlich ist dieses Corona bald vorbei", sagt ein Mann zum Verkäufer. Der nickt. Eine Frau fragt laut, "wie lange das noch gut geht" mit allem, was geschlossen ist. "Wenn das noch lange so weitergeht, ist Bockenheim leer."

Nicht den Humor verlieren

Bei Fisch Bader locken frische Meeresfrüchte, Sardinen und Salate. "Der Chef macht alles jeden Tag ganz frisch selbst", meint die Verkäuferin stolz. "Es ist so lecker und gesund. Trotzdem ist es schwierig. Seit diesem Lockdown kommen weniger Leute. Viele bleiben zu Hause", weiß sie. Belebt sind Kioske. Für Zigaretten, schnelle Getränke, Zeitungen, Lotto und Süßigkeiten. Vor manchen bilden sich kurze Schlangen. Kunden haben es meist eilig. Anders ist es bei Andreas Wika. Seit 20 Jahren ist der 63-Jährige mit seinen polnischen und schlesischen Spezialitäten auf der Leipziger Straße. Sein herzliches Lachen dröhnt einladend bis auf die Straße. "Piroggen laufen gut. Süßigkeiten, polnische Zeitungen, Wurst und Wodka", sagt er. Sein Laden ist klein, eng und freundlich. Nur ein Kunde darf rein. "Das macht nichts, die Leute kommen trotzdem. Aber so was wie Corona gab es noch nie. Die Laune wird schlechter da draußen. Die Leute sind genervt. Da muss man sie eben aufheitern. Und das mache ich. Jammern bringt ja nichts."

Wer im Laden ist, bleibt eine Weile. Zum Schimpfen über den Lockdown, zum Rezepte Austauschen, zum Einkaufen und zum Lachen. Wika ist sich sicher. "Auch wenn einem nicht zum Lachen zumute ist, es hilft. Mit Humor geht es auch in harten Zeiten leichter." Auch im Lockdown.

Sabine Schramek

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