Aus MMK-Bestand: Martin Kippenbergers ?The Modern House of Believing or Not? aus dem Jahr 1985. Fotos (2): Axel Schneider
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Aus MMK-Bestand: Martin Kippenbergers ?The Modern House of Believing or Not? aus dem Jahr 1985. Fotos (2): Axel Schneider

Kunst

Spiegel, Pilze und Sozialkritik - Ausstellung im Museum für Moderne Kunst

  • Dierk Wolters
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Seit 15 Jahren sammelt das Institut im Frankfurter Trianon-Gebäude junge Kunst – mit ebenso zufälligen wie auffälligen Überschneidungen zum Bestand des Museums. Einen Dialog ist das wert, zumal dabei vier Schenkungen ans öffentliche Haus gehen.

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, sagt man ja so. Aber wie ist das eigentlich mit den Banken, deren mächtige Türme überall in Frankfurt markante Zeichen setzen? Was schallt eigentlich aus denen heraus?

Im Grunde genommen nichts. Meist komplett mit Spiegelfassaden überzogen, tun sie kommunikativ, möchten in Wahrheit aber kein Geheimnis preisgeben. Spiegel als Fake-Kommunikation: Darum geht es auch in Is Genzkens „Neues Design für Weltempfänger, Soziale Fassade“, einem Empfänger, der nichts empfängt und dennoch kommuniziert, nämlich Spiegelbilder. Das MMK zeigt sie in einem Raum gemeinsam mit Arbeiten von Wolfgang Tillmans, einem langjährigen Künstlerfreund von Genzken. Auch die handeln von Kommunikation, sind aber ein bisschen autistisch: monochrome Fotografien, also einfarbige Blätter, einmal gefaltet, unter Plexiglas. Genzkens „soziale Fassaden“ haben der Ausstellung den Titel gegeben.

Keine Deko, bitte

Der Bundes-Dritte in diesem Raum ist der Österreicher Heimo Zobernig, der mit den Elementen des russischen Suprematismus ein hintersinniges Spiel treibt. Auch hier geht es um maximale Reduktion und die Frage, welche Aussage dann eigentlich übrigbleibt. Vielleicht, sagt Sammlungsleiter Mario Kramer, ist Malewitschs berühmtes schwarzes Quadrat gar nicht abstrakt, sondern das konkreteste Gemälde, das je existierte: Denn es zeigt und ist ja genau das – ein schwarzes Quadrat.

Die Kombination aus MMK-eigenen Werken mit solchen der Deka-Bank zieht sich durch alle Räume im zweiten Obergeschoss (unten ist zur Zeit die Ray-Ausstellung zu sehen). Seit 2002 sammelt die Bank moderne Kunst, um Mitarbeiter zu inspirieren und zum Nachdenken zu bringen. „Sperrig“ soll sie sein, „irritierend“ und keinesfalls „Dekoration“ – das ist die Vorgabe.

Die Ausstellung geht weitgehend puristisch vor. Sie zeigt mit einer Ausnahme tatsächlich nur jene Künstler, von denen beide Institute Werke besitzen, und in den einzelnen Räumen wiederum solche, die miteinander in Beziehung stehen: Liam Gillick etwa, der eine Deckenkonstruktion fürs 44. Stockwerk der Bank entworfen hat, die nun erstmals außerhalb zu sehen ist. Gemeinsam mit dem 80-Minuten-Kunstfilm von Sarah Morris über die Olympiade in Peking, 2008 von ihr mit unlimitierter Dreherlaubnis und immensem Aufwand vor und während der dortigen Olympiade gedreht. Von Liam Gillick, seinerzeit noch mit Sarah Morris verheiratet, stammt der düstere Soundtrack zu den Bildern eines Landes in spannungsvoller Erwartung des megakapitalistischen Events.

Das dänische Künstlerduo Elmgren & Dragset ist das einzige, das bisher nicht in den MMK-Beständen auftauchte, was ab sofort aber anders ist. Denn zum 100-Jährigen der Bank schenkt sie deren Rauminstallation „Meldeamt“ von 2002 dem MMK. Ein karg, aber komplett inszenierter Warteraum mit Bank, vertrockneter Grünpflanze, Meldeamt-Doppeltür, Nummernzähler und einer Anzeige, die permanent Null blinkt. Wie und was kommunizieren wir mit einem solchen Raum? Das ist auch in diesem Kunstwerk eine „soziale Frage“.

Die anderen Schenkungen sind raumgroße Installationen von Michael Beutler und Tue Greenfort sowie eine Skulptur von Martin Kippenberger. Letzterer hat eine Trommel aus Blech, ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf“, eine Wärmflasche und ein paar Utensilien mehr zu einer spielerisch-kritischen Installation zusammengefügt. „No Nati“, ein Wortspiel aus Nation und Nazi, heißt diese seltsame Vergangenheitsbewältigungsmaschine, deren Spitze ein kleiner Kothaufen ziert. Für seine pointiert ironische Betrachtung der Auseinandersetzung mit dem Nazi-Reich war der 1997 gestorbene Künstler berühmt und berüchtigt. Vor dem nazibelasteten deutschen Biennale-Pavillon in Venedig ließ er sich ebenfalls fotografieren und nannte das Venedig-Biennale 1996. Nur gab es in diesem Jahr gar keine . . .

Glauben oder nicht?

Kombiniert werden diese Kippenberger-Exponate mit einem Werk aus MMK-Bestand: dem „Modern House of Believing or Not“ – herrlicher Titel für die überkandidelte Guggenheim-Persiflage, die den Glauben an den Zirkus Kunst sehr generell in Frage stellt.

So geht es weiter mit manch bekanntem und etlichen eher unbekannten Werken – übrigens mit einem starken Frankfurt-Schwerpunkt: Susanne Pfeffer, seit Beginn dieses Jahres Direktorin im MMK, hatte bei ihrem Start angekündigt, die Zusammenarbeit mit Künstlern auszubauen. Dass hier Werke von Martin Sixay, Jonas Weichsel und Michael Pfrommer zu sehen sind, ist vielleicht ein Fingerzeig, in welche Richtung die Ausstellungs- und Sammlungspolitik des Hauses sich bewegt. Auch Michael Beutler ist zu sehen, der zwar längst in Berlin lebt, aber um die Jahrtausendwende bei Thomas Bayrle an der Städelschule studierte.

Immer mal wieder wird, dem Titel gemäß, sozial gekrittelt: Es geht um Umwelt, Ressourcenvergeudung oder soziale Vorurteile. Das alles wird angestupst, nie aber so, dass es ernsthaft wehtäte. Eine Etage Guckspaß für alle.

MMK Frankfurt

Domstraße 10. Bis 9. September, Di–So 10 bis 18, Mi bis 20 Uhr. Eintritt 12 Euro. Telefon (069) 21 23 04 47. Internet

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