Edith Haase vor der Gedenkplakette, die an den 1938 in die USA emigrierten Arzt Rudolf Freudenberger erinnert.
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Edith Haase vor der Gedenkplakette, die an den 1938 in die USA emigrierten Arzt Rudolf Freudenberger erinnert.

Auf den Spuren jüdischen Lebens in Bergen

  • Andreas Haupt
    VonAndreas Haupt
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Einst war das jüdische Leben in Bergen vielfältig. Zahlreiche jüdische Geschäfte rund um die Marktstraße ließen sie im Volksmund zur „Judenzeil“ werden. An diesen während der Nazi-Herrschaft 1933–1945 zerstörten Teil des Gemeinwesens erinnert eine neue Broschüre der Bergen-Enkheimerin Edith Haase.

Joachim Freudenberger hat es geschafft: Er hat überlebt. 1893 in Memmelsdorf in Unterfranken geboren, siedelte sich der Arzt 1921 in Bergen an. Doch Freudenberger war Jude, und die Nationalsozialisten riefen nach ihrer Machtergreifung 1933 einen Boykott jüdischer Ärzte aus. Als 1938 gar ein Berufsverbot drohte, wanderte er in die USA aus – und überlebte so den Zweiten Weltkrieg. Anderen Berger Juden erging es schlimmer: Sie wurden deportiert, in zwei Transporten vom Bahnhof Mainkur aus: Elf Menschen am 30. Mai 1942 und weitere 17 am 5. September 1942. An sie erinnern heute noch die „Stolpersteine“ der gleichnamigen, vom Künstler Gunter Demnig gegründeten Initiative. Doch es gibt noch mehr Hinweise zum früher blühenden jüdischen Leben im Stadtteil. Edith Haase, Vertreterin der Initiative in Bergen-Enkheim, hat sie in einer 16-seitigen Broschüre zu einem Rundgang vereint.

Ermordete Nachbarn

Vor den Wohnhäusern derer, die nicht überlebten, erinnern die messingfarbenen Stolpersteine an die ermordeten Berger Juden. Frieda und Jenny Hahn etwa, die bis 1939 in der Röhrborngasse 1 lebten, der damaligen Steingasse. Leopold und Henry Ehrmann in der Röhrborngasse 28; Im Sperber 20 lebten Sophie und Emil Levi. Der Rundgang führt aber auch zur 1854 gebauten neuen Synagoge in der heutigen Conrad-Weil-Gasse, der damaligen Erbsengasse. Am 9. November 1938, der „Reichsprogramnacht“, ging sie „unter starker öffentlicher Beteiligung“ in Flammen auf, wie Edith Haase schreibt. „Die Gasse soll nach Darstellungen von Zeitzeugen voll von Menschen gewesen sein.“

Doch auch das Schicksal jener, die der Vernichtung entgingen wie Rudolf Freudenberger, schildert Edith Haase in ihrer Broschüre. Sein Sohn, Joachim Freundenberger, war 14 Jahre jung, als die Familie Bergen verließ. Er „konnte sich noch im Seniorenalter sehr gut an die Erniedrigungen und Verletzungen seiner Kindheit und Jugend in Deutschland erinnern“, schreibt Haase. Seine Erinnerungen, erzählt sie, habe er in unzähligen Notizen aufgeschrieben. Ron Freudenberger habe ihr diese Unterlagen bei einem Besuch 2014 übergeben – mit dem Auftrag: „Machen sie etwas daraus“. Seitdem arbeite sie das Material auf, um es zu veröffentlichen. „Er hat auch erzählt, sein Vater habe nie unbefangen über die deutsche Geschichte und die Nazizeit reden können – selbst nicht mit seiner Familie. Sein Vater sei stets ein feinsinniger, aber verschlossener Mensch geblieben.“ Die Notizen seien erschütternd und zeigten, „dass man einen Menschen nicht töten muss, um ihn für ein ganzes Leben zu beschädigen.“

Rudolf Freudenberger sei ein beliebter Arzt in Bergen gewesen, erzählt Edith Haase. „Er war sehr humanistisch geprägt. So behandelte er viele Menschen, die sich einen Arztbesuch nicht leisten konnten, kostenlos.“ Selbst als er von der Nazis bereits verfolgt, als Leute, die zu ihm in die Praxis wollten, von Nazi-Schergen fotografiert und beobachtet wurden, praktizierte er weiter – und behandelte sogar NSDAP-Mitglieder. Um ihn und seinen Einsatz für die Bergen-Enkheimer zu würdigen, erinnert auf Haases Initiative hin an seinem früheren Haus in der Röhrborngasse 30, in dem später die lokale NSDAP-Zentrale untergebracht war, eine Plakette an Rudolf Freudenberger.

Das Erbe Ulshöfers

Ihre Broschüre sei entstanden, nachdem sie für ein Buch über die Stolperstein-Aktion in Frankfurt einen Beitrag über Bergen geschrieben habe, sagt Edith Haase. „Bei der Arbeit daran fiel mir auf, dass es eine Dimension jüdischen Lebens gibt, die nicht nur Frankfurt betrifft, sondern vor allem Bergen-Enkheim.“ Festgehalten habe dies vor allem der studierte Historiker und Anfang Mai 2015 gestorbene frühere Ortsvorsteher von Bergen-Enkheim, Helmut Ulshöfer. Zwei Bücher sind von ihm erschienen: 1988 „Jüdische Gemeinde Bergen-Enkheim 1933–1942“ und 1990 – zusammen mit Helga Krohn – „Die vergessenen Nachbarn – Juden in Bergen-Enkheim“. Auch die Ausstellung über Bergen-Enkheims jüdisches Leben, die im Obergeschoss der Verwaltungsstelle an der Marktstraße 30 zu sehen ist, stammt von ihm. „Ulshöfer wurde oft angefeindet, auch wegen seiner Anträge, Straßen nach ehemaligen jüdischen Mitbürgern zu benennen.“

Die Broschüre „Stolpersteine und Orte jüdischen Lebens in Bergen – ein Spaziergang“ gibt es kostenlos in der Verwaltungsstelle Bergen, Im Heimatmuseum, Rathausplatz 1, sowie den Bergen-Enkheimer Kirchen. Edith Haases Text über Rudolf Freudenberger aus der vorgestellten Broschüre kann übrigens auch lesen, wer den QR-Code neben der Gedenkplakette für den Verfolgten mit dem Smartphone einscannt.

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