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Diesel-Fahrer Christoph Brum ärgert sich über diesen Brief: Das Kraftfahrt-Bundesamt preist darin die Rabatte von BMW, Daimler und VW an.

Dieselverbote

Neukauf statt Fahrverbot: Diesel-Besitzer bekommen Post vom Kraftfahrt-Bundesamt

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Frankfurter Autofahrer, denen das Diesel-Verbot droht, bekommen derzeit Post aus Flensburg. Das Kraftfahrt-Bundesamt empfiehlt in dem Schreiben Umtauschaktionen der Fahrzeughersteller. Für Rückfragen wird an die Telefon-Hotlines von BMW, Daimler und VW verwiesen.

Christoph Brum ist stinksauer: „Ich soll schuld daran sein, dass diese Mikrogramm überschritten sind, und deshalb soll ich jetzt mein Auto verschrotten. So eine Unverschämtheit.“ Der 60-Jährige aus Höchst regt sich über einen Brief aus Flensburg auf, den er am Dienstag in seinem Briefkasten fand. Absender ist das Kraftfahrt-Bundesamt.

„Sehr geehrter Herr Brum, ausweislich des Zentralen Fahrzeugregisters sind Sie als Halter eines Dieselfahrzeugs eingetragen, das der Abgasnorm Euro 5 oder Euro 4 entspricht und in einer Region zugelassen ist, in der ein Stickstoffdioxid-Jahresmittelwert von mehr als 50 Mikrogramm/Kubikmeter Luft überschritten wird“, beginnt das förmliche Schreiben. Dann preist die Behörde Umtauschaktionen der Fahrzeughersteller an: Betroffene Bürger könnten Prämien, Leasingangebote oder Rabatte in Anspruch nehmen, um einen Beitrag zur „Verbesserung der Luftqualität in unseren Städten“ zu leisten.

Vor sechs Jahren gekauft

Brum will aber kein neues Auto. Er hat seinen VW-Caddy vor sechs Jahren gekauft. „Ich habe darauf geachtet, dass er die grüne Plakette hat. Mit Euro 4 ist alles in Ordnung, hieß es damals“, sagt er. Jetzt soll plötzlich nichts mehr in Ordnung sein.

Grund dafür ist ein Urteil des Verwaltungsgerichts Wiesbaden. Es fordert ein großflächiges Fahrverbot für Frankfurt – weil zu viel Stickstoffdioxid in der Luft sei.

Betroffen wären ab Februar Dieselfahrzeuge bis zur Abgasnorm Euro 4, ab September auch Euro 5. Ältere Benziner bis zu Euro 2 müssten auch draußen bleiben. Das Urteil ist zwar noch nicht rechtskräftig. Die Berufungsinstanz, der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel, könnte es noch verzögern und abmildern. Denkbar ist etwa, dass die Fahrverbote auf einzelne Straßen im Stadtzentrum beschränkt werden. Doch dass Frankfurt ganz um Verbote herumkommt, gilt eher als unwahrscheinlich.

Dieselfahrer Brum weiß nicht, was er tun soll. „Mein Caddy hat erst 80 000 Kilometer und ich habe ihn für meine Frau rollstuhlgerecht umbauen lassen. Das hat 7500 Euro gekostet“, sagt er. Ein neues Auto könne er sich derzeit nicht leisten.

Da nützen ihm auch die vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) angepriesenen Rabattaktionen nichts. „Aber wir brauchen das Auto, wir müssen damit auch in die Innenstadt fahren, etwa zum Arzt“, sagt er.

Christoph Brum ist einer von vielen. Nach Berechnungen des Landes würden die drohenden Fahrverbote fast jeden dritten Frankfurter Autofahrer treffen: 84 914 Personen.

Rechnet man die Pendler hinzu, die zum Arbeiten mit dem Auto nach Frankfurt kommen, wären es insgesamt sogar 163 167 Personen.

Diese Zahlen hat die Frankfurter Verkehrswissenschaftlerin Petra K. Schäfer im Auftrag des Landes Hessen ermittelt.

Ob all diese Autofahrer auch Post vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bekommen, war gestern nicht in Erfahrung zu bringen. Weder die Flensburger Behörde noch das übergeordnete Bundesverkehrsministerium gaben unserer Zeitung bisher dazu Auskunft.

„Reines Werbeschreiben“

Auch den Fragen betroffener Diesel-Fahrer will die Behörde offenbar ausweichen. Denn in dem Schreiben an Christoph Brum wird direkt unter dem Briefkopf des KBA keine Telefonnummer des Amtes genannt, sondern drei Nummern der Autohersteller BMW, Daimler und VW. „Für weitergehende Fragen wenden Sie sich bitte ausschließlich an diese Hotlines“, steht darüber.

„Das ist ein reines Werbeschreiben für die Automobilindustrie“, ärgert sich Brum. Er wundert sich auch darüber, dass in dem Brief mit keinem einzigen Wort die mögliche Nachrüstung von Dieselfahrzeugen erwähnt wird. Dabei will die Bundesregierung angeblich den nachträglichen Einbau einer besseren Abgasreinigung unterstützen.

Das KBA schließt seine amtliche Neukaufempfehlung mit dem freundlich klingenden Satz: „Durch Ihr Mitwirken bei der Flottenerneuerung kann die Luft in unseren Städten weiter verbessert werden, ohne dass Sie eine Einschränkung für Ihr Mobilitätsverhalten befürchten müssen.“

Der Satz kann allerdings auch als Drohung verstanden werden: Wer sich kein neues Auto kauft, muss Einschränkungen befürchten.

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