Rechenzentrum im Baudenkmal: Die ehemalige Neckermann-Zentrale (rechts) an der Hanauer Landstraße und das umgebende Gelände baut das Unternehmen Interxion zum Digitalpark Fechenheim um. Grafik: Interxion Deutschland
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Rechenzentrum im Baudenkmal: Die ehemalige Neckermann-Zentrale (rechts) an der Hanauer Landstraße und das umgebende Gelände baut das Unternehmen Interxion zum Digitalpark Fechenheim um. Grafik: Interxion Deutschland

Bauboom

Frankfurt will Boom der Rechenzentren regulieren

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    VonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Rechenzentren sollen in Frankfurt auf besondere Gewerbegebiete beschränkt werden. Bald müssen die Zentren außerdem strengen Öko-Auflagen folgen. Doch der Sturm auf den Standort Frankfurt reißt nicht ab.

Frankfurt - Die Ansiedlung von Rechenzentren in Frankfurt soll nach dem Willen der neuen Römer-Koalition künftig gesteuert werden. Neue Data-Center sollen weitgehend nur noch in Gewerbegebieten entstehen dürfen, in denen es schon Rechenzentren gibt. Auch sieht die Regelung aus dem Planungsdezernat von Stadtrat Mike Josef (SPD) strenge Umweltvorgaben vor. Die Stadtverordneten sollen das Konzept demnächst beschließen.

Josef hatte das Konzept schon länger angekündigt. Nun ist es fertig. Zunächst muss der Magistrat zustimmen, dann das Parlament. Beides gilt als Formsache, da der Dezernent das Konzept bereits mit den Politikern der Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt abgestimmt hat - weshalb der Vorschlag auch etwas später komme als geplant, erklärt Josef.

Rechenzentren drängen unaufhörlich nach Frankfurt

Eine Reaktion der Stadt auf den Boom bei den bisher schon mehr als 60 Rechenzentren drängt. Frankfurt gilt neben London als wichtigster Data-Center-Standort in Europa und als der mit den aktuell zweitgrößten Wachstumsaussichten in der Weltregion Europa/Naher Osten/Afrika.

Das Unternehmen Interxion sowie Weltmarktführer Equinix hatten zuletzt Investitionen im Umfang von jeweils einer Milliarde Euro für Frankfurt angekündigt. Getrieben wird das Wachstum durch den Boom bei Daten-Direktverbindungen zwischen Firmen - was durch die stark steigende Nachfrage der Menschen nach digitalen Angeboten befeuert wird, beispielsweise bei Streaming, Online-Spielen und Videokonferenzen.

"Wir können nicht die Augen verschließen vor der Digitalisierung", mahnt Mike Josef. Frankfurt sei bereits einer der global wichtigsten Standorte für den digitalen Datenaustausch und habe den weltgrößten Internetknoten. Das Wachstum der vergangenen Jahre zeige, dass pro Jahr im Schnitt sieben Hektar Fläche für neue Data-Center nötig seien.

Kerngewerbe schützen: Frankfurter Rechenzentren sollen nur in ausgewiesenen Bereichen ansiedeln

Dabei sei es nötig, "die Diversität in den Gewerbegebieten zu erhalten", sagt der Dezernent. Aufgrund der Finanzstärke der Rechenzentren könnten andere Betriebe ins Hintertreffen geraten, wenn es um den Kauf von Flächen gehe. Dabei gehe es allerdings um Vorbeugung, da derartige Verdrängung bisher lediglich in einem einzigen Fall bekannt sei.

Damit Nutzungen in den Gewerbegebieten "nicht gegeneinander ausgespielt werden", müsse die Stadt nun planerisch eingreifen. "Da ist eine Frage der Koordination", so Josef. So gibt das Konzept vor, die Bebauungspläne für acht Gewerbegebiete in den nächsten Jahren so zu ändern, dass dort mehr Rechenzentren explizit möglich sind - und nur dort. In allen anderen Gebieten hingegen werde "das Kerngewerbe geschützt".

Auch innerhalb der für Rechenzentren offenen Gewerbegebiete will die Stadt reglementieren. Beispielsweise sollten "im Riegel parallel zur Hanauer Landstraße" im Ostend und Fechenheim weitere Neubauten neben schon existierenden und geplanten erlaubt werden. Ein Wachstum näher an den Osthafen heran aber will die Stadt verbieten. Auf diese Flächen "soll Industrie hin, die zum Hafen passt", unterstreicht Josef.

Gute Lage abschirmen: Rechenzentren sollen nicht überall in Frankfurt erlaubt sein

Auch sollen Rechenzentren nicht in Eins-a-Lagen entstehen. Als Kardinalfehler gilt hier der Neubau des US-Anbieters Iron Mountain an der Ecke Borsigallee/Gwinnerstraße direkt an der U-Bahn-Station. "Das wäre ein guter Standort gewesen für eine Berufsschule oder so", sagt Josef. Für ein Data-Center ohne Publikumsverkehr und mit nur wenigen Mitarbeitern aber sei der allerbestens erschlossene Standort "suboptimal".

Weitere Datenburgen sollen nun nur noch im Umfeld der historisch gewachsenen Rechenzentrumsstandorte im Ostend, Seckbach, Gallus, Griesheim, Sossenheim und Rödelheim erlaubt werden. Vereinzelt wolle die Stadt Rechenzentren auch in den Industrieparks Höchst, Griesheim und Fechenheim zulassen. Alle anderen Gewerbegebiete aber sollen tabu sein. Im Gutleutviertel vis-à-vis der Wurzelsiedlung sei bereits ein Neubau abgelehnt worden, sagt Mike Josef. In diesem Quartier setzt die Stadt auf eine Mischung aus Wohnhäusern und Kleingewerbe.

Zugleich sieht das Konzept strenge Vorgaben für die Neubauten selbst vor. Es gehe darum, das Wachstum "städtebaulich zu ordnen", betont der Dezernent. Das Begrünen von Fassaden und Dächern soll Standard, die Bauten zur Straßenseite hin "architektonisch ansprechend" gestaltet werden. Vorschreiben will die Stadt, dass neue Rechenzentren rein mit Ökostrom betrieben werden und die Abwärme genutzt wird. Für Letzteres ist ein erstes Projekt schon in Bau: Die Bewohner im "Westville" auf dem Ex-Avaya-Gelände im Gallus sollen ihre 1300 Wohnungen mit der Abwärme aus dem Rechenzentrum von Telehouse direkt von gegenüber heizen.

Weiter enormes Wachstum der Frankfurter Rechenzentren erwartet

In Frankfurt laufen so viele öffentliche Daten zusammen wie nirgends sonst: In mehreren Rechenzentren betreiben Provider den weltgrößten Internetknoten De-Cix. Noch mehr Daten sind in den Direktverbindungen zwischen den Rechnern diverser Unternehmen in den Datenburgen unterwegs. Bis 2024 soll diese Datenmenge diejenige des Internets um das 15-Fache übertreffen. Das prognostiziert der Global Interconnection Index (GXI), die jüngst erschienene, jährliche Marktstudie des weltweiten Marktführers Equinix.

Frankfurt gehört zu den wichtigsten Datenaustausch-Standorten weltweit und ist der zweitwichtigste in Europa nach London. Dabei wächst die Datenmenge in Frankfurt um 44 Prozent pro Jahr auf 878 Terabit pro Sekunde im Jahr 2024. Für den Datenaustausch von Fertigungsindustrie und Netzwerkbetreibern ist Frankfurt laut GXI der größte Wachstumsmarkt in Europa, für den Finanzsektor der zweitgrößte.

Im Römer weiß man die Rechenzentren zu schätzen: Die Betreiber zahlen gute Gewerbesteuer, Bau und Betrieb der Rechenzentren sorgen für hohe Nachfrage und Arbeitsplätze etwa bei Baufirmen, in der IT und Elektrotechnik. Auch zieht das Wachstum immer mehr Firmen an. Längst strahlt der Boom in die Region mit Neubauprojekten im Main-Taunus-Kreis oder Hanau. (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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