+
Dass viele Menschen nur an Weihnachten in die Kirche gehen, stört Achim Knecht nicht. „Es zeigt ja, dass Menschen an diesem Tag ansprechbar sind für die Botschaft, die das Evangelium von Jesus Christus in die Welt gebracht hat.“

Festtage

Stadtdekan Achim Knecht plädiert für die  kulinarische Abrüstung

Heute soll es sein, als hätte der Mond die Erde still geküsst: Am Heiligen Abend feiern wir in der Christmette die Geburt Jesu. Mit dem Frankfurter Stadtdekan sprach FNP-Redakteur Thomas Remlein über Weihnachten und was alles dazu gehört.

Können Sie unseren Lesern in drei Sätzen sagen, was Weihnachten im christlichen Sinne bedeutet?

KNECHT: An Weihnachten feiern wir, dass Gott in diese Welt gekommen ist, durch die Geburt Jesu. Weihnachten bedeutet, dass wir Menschen frei werden können von dem, was uns belastet und bedrückt. Und dass wir neue Lebensmöglichkeiten für uns finden können.

Wie viel Prozent der Frankfurter wissen Ihrer Meinung nach um diesen Sinn von Weihnachten?

KNECHT: Das ist schwer zu schätzen, weil wir bei dieser Frage nicht von den Kirchenmitgliedern ausgehen können. Es gibt viele Menschen über die Kirchenmitglieder hinaus, die von der Botschaft von Weihnachten durch den christlichen Glauben geprägt sind. Die Menschen, die Weihnachten im engeren Sinn religiös verstehen, machen vielleicht weniger als die Hälfte der Stadtbevölkerung aus.

Was ist Weihnachten Ihrer Ansicht nach für die meisten Menschen heute?

KNECHT: Für viele Menschen ist das Fest eine Gelegenheit, mit denen, die ihnen lieb und wert sind, zusammenzukommen. Deshalb ist es für die schwierig, die alleine sind. Weihnachten bedeutet für viele Menschen, dass man Liebe und Zuneigung ausdrücken möchte durch Geschenke. Es ist auch das Fest, wo für Menschen eine Idee oder Sehnsucht deutlich wird, dass das Leben gut ist und dass es einen guten Sinn hat. Dass man aufgehoben und geborgen ist und eine Heimat hat in dieser Welt.

An Weihnachten gilt ja der Spruch: Alle Atheisten feiern mit den Liebsten.

KNECHT: Ja, und die anderen auch.

Zu Weihnachten sind die Kirchen voll, den Rest des Jahres, sogar an Ostern, meist leer. Ärgert Sie das?

KNECHT: Nein, ich freue mich, dass an Weihnachten die Kirchen voll sind. Das zeigt ja, dass Menschen an diesem Tag ansprechbar sind für die Botschaft, die das Evangelium von Jesus Christus in die Welt gebracht hat. Darüber freue ich mich. Dass an vielen anderen Tagen die Kirchen relativ leer sind, hat etwas mit einer fundamentalen geistesgeschichtlichen Veränderung zu tun, die vor etwa 200 Jahren begonnen hat, seit dem viele Menschen Religion und Kirche für ihr persönliches Leben nicht mehr brauchen. Diejenigen, die einen Zugang zu Religion haben, gehen durchaus in die Kirche.

Weihnachten ist ja auch ein Hochfest des Kitsches und der Sentimentalität, an denen sich die Menschen erfreuen. Was hat die Kirche an Weihnachten zu bieten?

KNECHT: Die Kirche bietet in den Gottesdiensten gute Musik, wir haben viele hervorragende Kirchenmusiker und -musikerinnen. Eine Musik und Lieder, die zu Herzen gehen und die einem Zugänge zum Geheimnis des Lebens und zur Botschaft des Glaubens eröffnet. Kirche bietet den Menschen auch Nachdenken über das, worauf es im Leben wirklich ankommt und was durch Weihnachten geschieht. Viele Predigten von Pfarrerinnen und Pfarrern bieten eine guten Anlass, über sich und das Leben und die Welt nachzudenken. Da sind wir jenseits seichter Botschaften. Man findet in aller Regel das Gegenteil von Weihnachtskitsch in den Kirchen.

In keiner Zeit des Jahres sind die Menschen so aggressiv und hektisch wie in der Vorweihnachtszeit. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

KNECHT: Na ja, das mag daran liegen, dass man in dem Bemühen, ein schönes Fest vorzubereiten, für sich und die Lieben, um den eigenen und den Ansprüchen anderer gerecht zu werden, über das Ziel hinausschießt und das Maß verliert. Es kommt ja bei einem Geschenk nicht darauf an, dass man das Tollste und Beste gefunden hat, sondern dass man Liebe und Zuneigung ausdrückt. Gegen die Hektik tut mal gut, am Tag eine Kerze anzuzünden, und innezuhalten, und vielleicht einen besinnlichen Text zu lesen.

Der Konsumzwang nimmt jedes Jahr zumindest gefühlt weiter zu. Die Geschenke werden immer größer, exotische Leckereien kommen auf den Tisch. Warum werden ihrer Meinung nach die Feste, auch Ostern, immer mehr kommerzialisiert? Da reichen schon lange nicht mehr ein Schoko-Hase und Schoko-Eier.

KNECHT: Wir leben in einer sehr reichen Gesellschaft, wo es viele Möglichkeiten gibt, sich etwas zu leisten. Menschen haben oft auch den Bezug verloren, was wirklich wichtig ist im Leben. Man kann sich das Wichtige nur schenken lassen, also die Zuneigung anderer Menschen und die Liebe. Die Botschaft von Weihnachten sagt klar: Das Entscheidende wird uns von Gott geschenkt. Wir gehen heute davon aus, dass wir Menschen alles machen können: Gesundheit, in dem wir Krankheiten reparieren. Glück, indem wir uns etwas leisten. Wir meinen, wir könnten alles herstellen, aber das können wir eben nicht. Dagegen wäre es hilfreich, sich klar zu machen, wie viel schlechter es andern Menschen geht und für diese einen erklecklichen Betrag zu spenden, beispielsweise für die evangelische Spendenaktion „Brot für die Welt“ oder für andere Hilfsaktionen. Nicht umsonst werben die besonders vor Weihnachten, weil Menschen dann häufig auch ein offenes Herz haben. Gerade wenn man beklagt, wie viel Geld für Konsum ausgegeben wird, sollte man auch für Menschen in Not etwas geben.

Also ich habe in dieser Woche in einem Zeitungsprospekt einen Trüffelhobel entdeckt. Das ist etwas, was die Welt nicht unbedingt braucht. Schon der Trüffel ist ja Luxus.Das man dafür einen eigenen Hobel benötigt. . .

KNECHT: Bleibt ja die Frage, ob man damit auch umgehen kann. Auch dahinter verbirgt sich vielleicht die Sehnsucht nach dem wahren Leben, was sich an der geschmacklich wunderbaren italienischen Küche festmacht.

Weihnachten wird ja ein gesellschaftlicher Gruppenzwang ausgeübt. Wer eingestehen muss, dass er Weihnachten alleine ist, der gilt ja gewissermaßen als Aussätziger. Warum ist das so?

KNECHT: Ich weiß nicht, ob solche Menschen als Aussätzige gelten oder ob sie sich selber so fühlen. Ich habe das Beispiel eines älteren Menschen vor Augen, das mich sehr beschäftigt hat. Er hatte richtig Angst vor Weihnachten. Er hatte schon die Möglichkeit, zu seiner Familie zu gehen. Er hatte aber Angst davor, nach der Feier wieder zurück zu müssen in die leere Wohnung. Es ist weniger, dass sie denken, die anderen lehnen sie ab. Es ist eher das eigene Gefühl, damit klar kommen zu müssen, wie das eigene Leben verlaufen ist, dass man alleine ist, weil ein lieber Mensch verstorben ist. Immerhin besinnen sich viele an Weihnachten darauf, die alleinstehenden Familienangehörigen einzuladen und in die Gemeinschaft mit hineinzunehmen.

Weihnachten ist für den überwiegenden Teil der Bevölkerung schon lange kein „christliches“ Fest im engeren Sinne mehr. Es ist in beliebiger Kombination ein traditionelles, kommerzielles oder einfach familiäres Ritual. Stört Sie das?

KNECHT: Nein, ich finde das wunderbar. Es kann der Botschaft der Bibel, die mit Weihnachten verbunden ist, doch nichts Besseres passieren, als dass es sich so weit in das Leben weiter Bevölkerungskreise integriert hat, und dass Menschen diese auf ihre Weise umsetzen. Wenn man es als Fest der Familie oder als Fest der Geschenke feiert, dann zeigt sich daran etwas, was der Botschaft von Weihnachten entspricht. Denn wir Menschen leben von Zuwendung, von der Zuwendung Gottes, die wir aber auch an unsere Lieben weitergeben. Wir Menschen sind grundlegend beschenkt und das drücken wir aus, indem wir einander Geschenke machen.

Die Bilder in der Werbung vermitteln den Eindruck, dass an Weihnachten alles perfekt sein muss. Man sieht gedeckte Tische, die perfekt frisierte Hausfrau, die lieben Kinder mit glänzenden Augen. Im Hintergrund leuchtet der Weihnachtsbaum, die Pakete sind aufgestellt. Wird da nicht ein ungeheurer Druck aufgebaut?

KNECHT: Ja, klar. Man kann sich dem Druck auch verweigern. Er kommt daher, weil Weihnachten etwas Besonderes sein soll. Man muss aufpassen, dass man sich davon nicht unterdrücken lässt. Manchmal definieren Menschen ihren Wert darüber, dass sie perfekt funktionieren. . .

. . .und das übertragen sie auf die Gestaltung des Weihnachtsfestes.

KNECHT: Dabei sagt die Botschaft von Weihnachten etwas ganz anderes: Du musst nicht perfekt sein, damit du beschenkt wirst von Gott. Du musst dir die Zuneigung Gottes und deiner Mitmenschen nicht verdienen. Sie wird dir geschenkt. Und das heißt: Ein Fleck auf der Tischdecke macht gar nichts, sondern bringt eher einen Hauch von Menschlichkeit an diesem Tag. . .

Kann aber bei der gestressten Frau des Hauses zu einem Nervenzusammenbruch führen. . .

KNECHT: Deshalb sollte man schon in Vorfeld sich darauf verständigen, dass es nicht so perfekt sein muss und dass Würstchen mit Kartoffelsalat ein wunderbares Essen an Heiligabend sind. Also ich plädiere sehr für eine kulinarische Abrüstung.

An welches Weihnachtsgeschenk erinnern Sie sich besonders gerne?

KNECHT: Vor zwei oder drei Jahren habe ich von meinen Kindern einen Museumsbesuch in Stuttgart geschenkt bekommen. Da gab’s eine wunderbare Ausstellung über Malerei und Jazz, meinem Hobby. Unsere drei Kinder, unsere Schwiegertochter und ich haben uns in Stuttgart dann getroffen. Das fand ich sehr nett und überraschend. Die besten Geschenke sind die, die überraschend sind und viel mit einem zu tun haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare