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Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz zur Kirche in der Coronakrise: „‚Das Verbot von Gottesdiensten ist unverhältnismäßig.“ (Symbolbild)

Montagsinterview

Stadtdekan zu Eltz zur Coronakrise: „Verbot von Gottesdiensten ist unverhältnismäßig“

Das Coronavirus wirkt sich auch auf die Kirche aus. In Frankfurt äußert sich Stadtdekan Johannes zu Eltz über die Religionsfreiheit während der Krise. Das Interview.

Ostern steht vor der Tür und die Kirchen dürfen keine Gottesdienste abhalten: Wie die Menschen trotzdem geistlichen Beistand erfahren können, wie man sich den Gottesdienst ins heimische Wohnzimmer holen kann und warum der Föderalismus gerade in Krisenzeiten hilfreich ist, darüber sprach Redakteur Thomas Remlein mit Stadtdekan Johannes zu Eltz.

Herr Stadtdekan, wie geht es Ihnen zurzeit?

Gottlob gut, gesundheitlich. Und beruflich gefordert. Die Frage: "Machen wir hier sinnvolle Arbeit?", stellt sich momentan nicht.

Wie versuchen Sie derzeit als Kirche und als Stadtdekan geistlichen Beistand zu leisten?

Wir merken, dass die Ebene auf der gehandelt wird und Ideen entstehen, die Ebene der Gemeinden ist. Es ist eine interessante Renaissance der Gemeinden in diesen schwierigen Zeiten.

Stadtdekan von Frankfurt über Coronakrise: „Ostern findet trotzdem statt!“

Haben sie für die Karwoche schon spezielle Pläne? So wie es aussieht, werden keine Gottesdienste stattfinden können.

Wir gehen davon aus, dass öffentliche Gottesdienste in den Kirchen verboten bleiben. Aber Ostern findet trotzdem statt! Deshalb wollen wir alles tun, damit die Gläubigen und die anderen Menschen guten Willens Ostern so gut mitvollziehen können, wie es nur irgend möglich ist. Das tun wir auf drei Ebenen.

In Zeiten des Coronavirus' muss der Stadtdekan das Wort Gottes auch schon mal per Video in die Welt verbreiten.

Welche sind das?

Wir erstellen Vorlagen für Hausgottesdienste, die wir den Menschen online oder auf Papier zur Verfügung stellen. Damit sie das Feiern zu Hause in die eigenen Hände nehmen können. So dass an vielen verschiedenen Orten viele verschiedene Menschen zur gleichen Zeit dieselben Gebete sprechen und sich auf diese Weise zu einer Gemeinde verbinden. Die nächste Ebene ist: Wir nehmen geistliche Botschaften als Video und Audio auf, um Gottes Wort in den Raum zu stellen. Die stellen wir online, sei es auf täglicher Basis oder auf sonntäglicher.

Und weiter?

Was den Menschen an österlichen Symbolen lieb und wert ist, das werden wir so anbieten, dass es mit den Vorschriften übereinstimmt. Wir segnen zum Beispiel am Palmsonntag (5. April) Palmzweige und halten sie in den Kirchen vor, damit Menschen, wenn sie einzeln die Kirchen besuchen, sie mitnehmen können. Wir stellen am Karfreitag das enthüllte Kreuz auf, damit Menschen in gebotenem Abstand, aber doch in einer physischen Annäherung, das Kreuz verehren können. Wir weihen Taufwasser und segnen Kerzen und stellen sie in der Osternacht zur Verfügung, damit die Menschen das Licht Christi zu Hause entzünden können. Wir glauben, dass all' diese Zeichen in dieser besonderen Zeit an Ausdruckskraft erheblich gewinnen werden. So wird dann doch Ostern werden!

Stadtdekan von Frankfurt über Corona: Schrecksekunde vorbei

Angesichts der strengen Auflagen des Staates: Sie haben vor einer Sehnsucht nach Durchgreifen gewarnt. Was meinten Sie damit?

Damit meine ich nicht, dass die Exekutive in einem Ausnahmezustand die Zügel der Staatsmacht in die Hand nimmt und die Bürger dirigiert, das geht wohl nicht anders. Sondern ich meine auf unserer Seite das Müdewerden an der Freiheit, den Überdruss an der Eigenverantwortung. Einfach, dass im Moment offenbar viele Menschen es gerne haben, wenn man ihnen sagt, wo es langgeht und was zu tun ist.

Ist Ihrer Meinung nach diese Sehnsucht, dass andere den Menschen sagen, was zu tun ist, größer geworden?

Nein, ich glaube, dass nach der großen Schrecksekunde der vorvergangenen Woche die normalen Reflexe in einer demokratischen und pluralen Gesellschaft wieder lebendiger werden. Die Leute überlegen wieder, was sie selber für nötig und sinnvoll halten und versuchen, dem auch Gehör zu verschaffen. Das geht derzeit über die Medien. Das ist unverzichtbar, gerade in einer solchen Gefahrenlage muss der Diskurs öffentlich und unzensiert bleiben.

Jetzt hat jedes Bundesland, aber auch jedes Land in Europa eigene Regeln. Das wurde heftig kritisiert.

Was ich in Deutschland an Ausbalancieren von zentralen und föderalen Elementen wahrnehme, finde ich sehr überzeugend. Unser System zeigt sich einer großen Krise gewachsen. Es gibt mal kleine Irritationen, wie neulich das Vorpreschen Bayerns, aber das ist ja wieder eingefangen worden. Wir kommen zu umfassenden Regelungen, ohne dass die Grundordnung unseres Gemeinwesens zerstört wird. In Hessen unter Ministerpräsident Volker Bouffier gelingt das besonders gut.

Stadtdekan von Frankfurt über Corona: „Wettlauf beim Schließen der Grenzen“

Ich habe diese Kritik an unterschiedlichen Regeln auch nicht verstanden. Es muss doch das Recht jeder Region sein, nach ihrer Art ihre Probleme zu behandeln.

Welche Kritik haben sie nicht verstanden?

Es hieß ja dann immer: Deutschland ist ein Flickenteppich. Europa ist ein Flickenteppich. Es wurde nach einheitlichen Regeln von Portugal bis zum Ural gerufen.

Um Himmelswillen, nur nicht. Wir wollen die Krise doch als ein freiheitliches und diverses Europa überleben. Wenn wir da alles, wofür es sich zu leben lohnt, und wofür uns die Welt beneidet, in Gefahr bringen, dann ist der Preis zu hoch. Die Medizin darf nicht schlimmer sein als die Krankheit. Es muss eine Verhältnismäßigkeit im Einsatz der Machtmittel geben. Und dazu gehört auch das Recht von einzelnen Staaten und Ländern, das zu tun, was sie rechtsstaatlich für richtig halten. Natürlich immer in Abwägung mit dem, was für Europa insgesamt nötig ist. Der panische Wettlauf beim Schließen der Grenzen beispielsweise war in meinen Augen ein schlimmer Rückfall, ein nationalistischer Ego-Trip.

Möglicherweise kommen die Menschen durch die erzwungene Entschleunigung zur Besinnung. Schätzen wir in normalen Zeiten unseren Wohlstand zu wenig?

Es heißt ja: Not lehrt Beten. Amen, kann ich da nur sagen. Aber Not lehrt vielleicht auch: genauer hinschauen, besser wahrnehmen, was wir in den Gütern, die uns normalerweise massenhaft und selbstverständlich zur Verfügung stehen, für Schätze haben. Ich meine auch immaterielle Güter: Freizügigkeit, Kultur, Religion. Ich hoffe, dass davon etwas übrig bleibt, wenn sich das öffentliche Leben wieder normalisiert hat.

Stadtdekan von Frankfurt über Corona: Verbot von Gottesdiensten undifferenziert

Ist es nicht sehr bedauerlich, dass gerade in einer Situation, wo sich vielleicht die Menschen verstärkt Gott zuwenden, keine Gottesdienste stattfinden können?

Ich halte nach wie vor das undifferenzierte Verbot von öffentlichen Gottesdiensten für unverhältnismäßig. Die Religionsfreiheit so abzuräumen, das ist nicht recht. Aber wenn es dafür in den eigenen vier Wänden, im persönlichen Leben, eine vermehrte Zuwendung zu Gott geben sollte und eine Intensivierung des Glaubens, dann ist das natürlich auch gut.

Was können die Menschen aus der Krise in die hoffentlich bald stattfindende Normalität mitnehmen?

Die Freude darüber, vielleicht auch der bescheidene Stolz, dass die sozialen Zusammenhänge unter dem Druck der Krise nicht auseinanderreißen und sich jeder selbst der Nächste ist, sondern dass eine Explosion von Hilfsbereitschaft und sozialer Kreativität eingesetzt hat. Das ist wirklich erstaunlich.

Der panische Wettlauf beim Schließen der Grenzen beispielsweise war in meinen Augen ein schlimmer Rückfall, ein nationalistischer Ego-Trip.

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