Unter dem Turm, hinter Holzlamellen liegt die sogenannte Glockenstube. Neben dem Schutz vor Witterung dient die Stube auch der Resonanz.
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Unter dem Turm, hinter Holzlamellen liegt die sogenannte Glockenstube. Neben dem Schutz vor Witterung dient die Stube auch der Resonanz.

Konzert

Stadtgeläut: Zu Besuch bei der Bürgerglocke

Alle Jahre wieder: Heute erklingt das Große Stadtgeläut in Frankfurt, zum dritten Mal im Jahr. Die Tradition reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. 50 Glocken in zehn Kirchen sind genau aufeinander abgestimmt und laden um 16.30 Uhr zum Konzert in die Innenstadt ein. Zum Auftakt erklingt ein Solo der Bürgerglocke in der Paulskirche. Ein Besuchsprotokoll.

Es hängt alles von einer eher unscheinbaren Funkuhr ab: Pünktlich heute Nachmittag beginnt die größte Glocke der Paulskirche zu läuten, die Bürgerglocke. Kaum einer kennt sie, denn Touristen bleibt der Weg in den Turm verwehrt – auch wegen der Handysignalanlage auf dem Turm.

Hat man doch das Privileg, braucht der Besucher einen langen Atem: 180 Stufen sind zu erklimmen. Vor allem gegen Ende wird es abenteuerlich, weil man nur über knarzende Holzstiegen den Glockenstuhl erreicht. Zu allem Überfluss sieht der Eindringling kaum etwas: Die sechs Glocken der Paulskirche sind dank Holzlamellen an den Turmfenstern vor der Witterung geschützt, davor hängende Netze verhindern potenzielles Nisten.

Im Dunkeln über Frankfurt

Haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, zeichnen sich im Dämmerlicht mächtige Umrisse ab: 8,5 Tonnen schwer und mit einem Durchmesser von 2,26 Metern erreicht die sogenannte Bürgerglocke den zweiten Platz, in Frankfurt ist nur die Gloriosa im Dom größer.

Eine Inschrift auf der schwarz-grün angelaufenen Bronzeoberfläche erinnert an die Proklamation der Bürger- und Menschenrechte während der Nationalversammlung: Bügerglocke heisse ich / Der Bürger Rechte künde ich / Die Karlsruher Glockengiesserei goss mich 1987. Im Dämmerlicht kaum zu erkennen: Am unteren Rand verzieren Bilder das sogenannte Schlagband der Glocke. Hier soll an die Ereignisse der deutschen Geschichte zwischen 1848 und 1949 erinnert werden, verrät das Frankfurter Glockenbuch. Eine ihrer Vorgängerinnen erklang 1848 zum Einzug der Abgeordneten am ersten Tag der Nationalversammlung. Eine weitere Version aus 1949 passte klanglich nicht ins Konzept des Stadtgeläuts, daher gossen 1987 Karlsruher Experten ein neues Schwergewicht.

Täglich läuten nun diese und fünf weitere Glocken der Paulskirche um 8, 12 und 16 Uhr. Ist der Besucher nicht schnell genug hinabgestiegen, bemerkt er ein Vibrieren unter den Füßen: Die Glocken fangen an, sich aufzuschwingen. Erklingt der Ton, rieselt der Staub und der Zuhörer erschaudert, wenn der Schalldruck den Körper durchdringt.

Damit sie gut zu hören sind, sitzen die Glocken etwa 140 Meter über dem Paulsplatz in einem Gerüst aus Holz, dem Glockenstuhl. Je größer die Glocke, umso lauter der Ton: Das Holz der Lamellen und des Stuhles federt die Frequenzen ab, die sogenannte Stube bietet der Bürgerglocke und ihren Schwestern einen entsprechenden Resonanzraum. Hautnah können nur die Mitarbeiter der Wartungsfirma die Töne erleben: Mit Gehörschutz bringen sie im November jede Glocke individuell zum Klingen und stellen die Läutezeiten für das nächste Jahr ein.

Zu sechst in der Stube

Die Bürgerglocke teilt sich den Turm der Paulskirche mit fünf Schwestern: Über ihr sieht der Betrachter die Dankes- und die Jubiläumsglocke, sie sind deutlich kleiner. Letztere ist die jüngste Glocke in der Paulskirche. Die Jubiläumsglocke ersetzte die Christusglocke, welche sich während des Stadtgeläuts am Pfingstsamstag 1997 löste. Nun erinnert sie seit 1998 an das 150-jährige Jubiläum der Frankfurter Nationalversammlung. Neben der Bürgerglocke hängt die zweitgrößte Glocke der Paulskirche, die Stadtglocke. Über ihr sind widerum die Lutherglocke und die älteste Bewohnerin des Glockenstuhls angebracht: Die Barfüßerglocke stammt aus dem Jahr 1685 und hat damit schon deutlich länger Erfahrung im Läuten als die Dankesglocke, die 1830 in Frankfurt gegossen wurde.

Gemeinsam erklingt das Geläute der Paulskirche mit 45 weiteren Glocken heute um 16.30 Uhr (siehe Kasten). Viele Zuhörer finden sich dann auf dem Eisernen Steg ein, Kenner empfehlen jedoch einen Stadtrundgang. Ausgangspunkt kann hier der Paulsplatz sein, da die Bürgerglocke mit einem fünfminütigen Solo das Glockenkonzert eröffnet.

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