1. Startseite
  2. Frankfurt

Stadtparlament: Morgen wird Sarah Sorge abgewählt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Julia Lorenz

Kommentare

Morgen wird Sarah Sorge als Dezernentin abgewählt ? bis zum Ende ihrer offiziellen Amtszeit im März 2018 erhält sie 72 Prozent ihrer Bezüge weiter.
Morgen wird Sarah Sorge als Dezernentin abgewählt ? bis zum Ende ihrer offiziellen Amtszeit im März 2018 erhält sie 72 Prozent ihrer Bezüge weiter. © (FNP)

Der Politikbetrieb ist nicht bekannt dafür, dass er fair und dankbar mit Menschen umgeht“, schrieb Noch-Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Grüne) kürzlich ins soziale Netzwerk Facebook, kurz nachdem

Der Politikbetrieb ist nicht bekannt dafür, dass er fair und dankbar mit Menschen umgeht“, schrieb Noch-Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Grüne) kürzlich ins soziale Netzwerk Facebook, kurz nachdem sie über ihre bevorstehende Abwahl am morgigen Mittwoch unterrichtet wurde. Dieser Satz gelte „leider“ insbesondere für ihre eigene Partei. „Mein Vater hat mich davor von Anfang an gewarnt“, schreibt Sorge weiter. „23 Jahre später, der Hälfte meines Lebens voller Engagement und zahlreichen Erfolgen für die Partei, hat er leider Recht behalten. Traurig, ist aber so.“ Aus diesen Worten sprechen große Enttäuschung und Verletztheit.

Frankfurter Eigengewächs

Sarah Sorge ist ein Eigengewächs der Frankfurter Grünen. Sie hat die klassische Karriere vieler Jungpolitiker hinter sich: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal, mit ihren 46 Jahren hat sie noch keinen Beruf außerhalb der Politik ausgeübt. Gleich nach ihrem Parteieintritt im Jahr 1993 wurde die studierte Politikwissenschaftlerin Sprecherin des Grünen Jugendstammtischs Frankfurt. 1997 wurde sie Vorstandssprecherin des Frankfurter Kreisverbandes. Vier Jahre später rückte sie in den Landtag nach und stieg dort bis zur Vizepräsidentin auf. So hätte es für sie weitergehen können.

Doch im Frühjahr 2012 wechselte die gebürtige Frankfurterin dann lieber in den hiesigen Magistrat, übernahm von ihrer Parteifreundin Jutta Ebeling die Ressorts Bildung und Frauen – ohne irgendwelche Verwaltungserfahrung. Angesichts der Tatsache, dass das Stadtschulamt eine der größten Behörden der Stadt ist, keine leichte Aufgabe.

Sorge trat mit einer klaren Idee davon an, wie ein gutes Bildungssystem aussehen sollte: Ihr Ziel war es, den Ausbau weiter voranzutreiben - sowohl qualitativ als auch quantitativ. Zumindest was die Betreuung der kleinen Kinder angeht, hat Sorge in ihrer Amtszeit viel erreicht. In beinahe jedem einst leerstehenden Laden logieren inzwischen Krabbelkinder. Zudem kann sie für sich den zwar um Jahre verspäteten, aber erfolgreichen Start der Internetplattform zur einfacheren Vermittlung von Betreuungsplätzen verbuchen. Nur die Hortplätze, die sind weiterhin Mangelware. Das ist aber gewollt, statt neuer Horte wurden die „Erweiterte schulische Betreuung“ und der „Pakt für den Nachmittag“ erfunden, die Kinder werden den ganzen Tag in der Schule betreut. Auf Verständnis bei den Eltern stößt das nicht unbedingt.

Während Sarah Sorge im Frauenressort einen ordentlichen, wenn auch weitaus weniger beachteten Job machte, geriet sie im Bildungsbereich schnell an die Grenzen. Man erinnere sich nur an die Schüler, Lehrer und Eltern, die ob der maroden Schulgebäude auf die Straße gingen und „Die Sorge macht krank“ skandierten. Doch Sorge hielt jegliche Kritiken, die über sie einprasselten, mit nach außen stoischer Ruhe aus. Einsichtigkeit? Fehlanzeige.

Scheinbar unbeeindruckt

Selbst als Gerüchte aufkamen, Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) wolle ihr die Zuständigkeit für die Schulen entziehen, reagierte sie scheinbar unbeeindruckt. Als er ihr dann im Herbst 2013 tatsächlich vor aller Öffentlichkeit in die Parade fuhr und die Zuständigkeit für den Bau von Kindertagesstätten entzog und ihr eine einjährige „Bewährungsfrist“ verordnete, reagierte sie mit empörtem Unverständnis. „Ich bin extrem vor den Kopf gestoßen, persönlich, aber auch politisch“, sagte sie. Feldmann warf sie „parteipolitisches Kalkül“ vor.

Doch Sorge schien die Signale zu verstehen, rief den „Aktionsplan Schulbau“ ins Leben. Für ihn wurden 150 Millionen Euro extra zur Verfügung gestellt, um die Schulgebäude instand zu setzen. Mehrmals gab es Situationen, in denen Sorge trotz aller gegenteiligen Beteuerungen den Eindruck nicht abwenden konnte, dass ihr Dezernat immer nur reagierte – wenn der Druck anders nicht mehr abzuwenden war. So ging es auch bei der Fortschreibung des Schulentwicklungsplans, die jahrelang versäumt wurde. Die Opposition rieb das der Stadträtin immer wieder unter die Nase, bis die endlich loslegte. Dann brachte es ihr tatsächlich einige Lorbeeren ein, da sie einen Beteiligungsprozess daraus machte, Eltern und Lehrer durften an der Schulplanung mitwirken.

Gut gelitten war Sarah Sorge bei den Eltern dennoch nicht. Auf sie wirkte die Stadträtin distanziert. Sie fühlten sich nicht ernst genommen, nicht verstanden. Und auch der oftmals barsche Tonfall, wenn sich Sorge in ihrem Tun unverstanden fühlte, kam nicht gut an. Da war etwa eine Ortsbeiratssitzung, wo sie Bockenheimer Eltern, denen die zugesagten Hortplätze nicht genug waren, entgegenbrachte, sie könne es nicht immer denen Recht machen, die „am lautesten schreien“. Das verblüffte sogar die Grünen aus dem Stadtteilparlament. Einer von ihnen sagte: „Ich bin sehr schockiert darüber, wie du mit den Eltern redest, das ist arrogant.“

Doch der Anfang vom Ende war dann wohl die Aufregung um die Gymnasialplätze, die im vergangenen Frühjahr plötzlich fehlten, und die 500 Kinder, die nicht auf ihre Wunsch-Schule gehen konnten. Diese Entwicklung hatten Vertreter der Schulen, des Stadtelternbeirats und auch des Staatlichen Schulamts schon lange prophezeit, gehört wurde auf sie aber wie so oft zu spät. Ein Fehler, wie sich zeigte. Die Eltern zogen vor die Gerichte.

Sorge, die nun keine Rede mehr hielt, die nicht die Herausforderungen der wachsenden Stadt und der steigenden Kinderzahlen beschrieb, wollte jetzt im Eiltempo neue Gymnasien, Gesamt- und Grundschulen eröffnen, doch ihr Kurs blieb Gestolpere. Und teilweise so planlos, dass die Eltern sogar schon Listen fürs Dezernat erstellten, wo in der Stadt mögliche Schulstandorte sein könnten. Nichts mochte der Politikerin doch ohne Patzer gelingen oder konnte die Kritik an ihrer Arbeit zum Verstummen bringen. Das Gymnasium Nied nicht, das eines Tages dann zum Gymnasium Westend wurde. Die KGS in Niederrad, die nun gar nicht kommt, erst recht nicht. Die neuen Gymnasien Nord und die IGS Süd, die im Sommer starten, auch nicht mehr. Sarah Sorge muss gehen.

Dabei hätte sie trotz aller Kritik und Proteste so gern weitergearbeitet. Sie bleibt auch jetzt noch vom eigenen Kurs überzeugt, Selbstkritik machte sie jedenfalls nicht öffentlich. Ihre Nachricht bei Facebook endet mit den Worten: „Wir haben, entgegen der Darstellung mancher, viel bewegt und erreicht.“

Auch interessant

Kommentare