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Landtagswahl

Stadtteil der Extreme: Hier ist Frankfurt noch "rot"

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Wenn die SPD in Frankfurt noch eine Bastion hat, ist es der Riederwald: Fast zehn Prozent mehr Stimmen als im Frankfurter Durchschnitt erhielt sie hier, Linke und SPD zusammen kamen auf 45 Prozent. Doch auch die AfD hat hier eine Hochburg.

Nur in zwei Frankfurter Stadtteilen wurde die SPD bei der Landtagswahl die stärkste Partei: Fechenheim und Riederwald. Dabei hängte der Riederwald, wo die SPD 27,9 Prozent erzielte, den Nachbarstadtteil (22,7 Prozent) klar ab. Fast gibt es hier eine absolute „rote“ Mehrheit: Linke und SPD zusammen kommen hier auf 45,6 Prozent, im Wahlbezirk 26201 im Westen des Stadtteils gar auf 47,7 Prozent. Auch die AfD ist so stark wie sonst kaum in der Stadt: Im westlichen Riederwald erhielt sie zwar nur 11 Prozent, im Ostteil hingegen 16,5 Prozent. Und an der Vatterstraße, die in Seckbach liegt, aber gefühlt ein Teil des Riederwalds ist, erzielte die AfD mit 18,8 Prozent ihr drittbestes Ergebnis unter Frankfurts 373 Wahlbezirken.

Bayerische Verhältnisse

Seit ihrer Gründung 1910 ist die Arbeitersiedlung, in der knapp 5000 Menschen leben, als „roter Riederwald“ bekannt. SPD und KPD waren immer stark, nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte die SPD. „Wir hatten bayerische Verhältnisse mit teilweise über 70 Prozent für die SPD“, erinnert sich der frühere Vorsitzende der SPD und heutige Stadtbezirksvorsteher, Wolfgang Rößer. „Noch bis vor wenigen Jahren waren auch alle Vereinsvorsitzenden SPDler. Nur die SG Riederwald leitete zeitweise der CDU-Stadtrat Edwin Schwarz.“ Die sozialistische Jugendorganisation „Die Falken“ wurden hier gegründet, ebenso der längst stadtweit agierende Abenteuerspielplatz Riederwald, Kids Frankfurt eröffnete hier 1992 seine erste Kindereinrichtung. Wann sich das änderte, weiß Rößer nicht genau, „irgendwann in den 1980er Jahren“. Endgültig abwärts ging es, als die SPD von 1998 bis 2005 mit Gerhard Schröder den Bundeskanzler stellte, sagt der SPD-Vorsitzende, Raven Kirchner. „Dessen Hartz IV-Gesetzgebung hängt uns immer noch nach.“ Damals wanderten im Riederwald viele Mitglieder und Wähler zur neu gegründeten Linken ab.

„Ihr kriegt das nicht hin“

Jetzt im Landtagswahlkampf, an den Ständen und bei Hausbesuchen, habe sich eine grundsätzliche Abkehr von den Parteien gezeigt, sagt SPD-Vorstandsmitglied Stefan Helmig. „Oft bekamen wir zu hören: Die da oben hören uns nicht zu, die sind nicht für uns da, die machen was sie wollen.“ Protestwähler, die sich auch von CDU, FDP und Grünen nicht mehr vertreten fühlten. „Manche sagten: Ich stehe eigentlich der SPD nahe, aber ihr da in Berlin, ihr kriegt das ja nicht hin“, ergänzt Kirchner. Manche sagten offen, dass sie AfD wählen wollen. „Nur so könnten sie protestieren, obwohl sie viele rechte Einstellung der AfD nicht teilten.“

Auf „die Politik“ sind auch jene, die an diesem Tag am Wasserhäuschen in der Motzstraße stehen, nicht gut zu sprechen. Sie erzählen von der schlechten Infrastruktur, dass „die Jugendlichen nicht wissen, wohin“, sprechen von fehlenden Geschäften im Viertel und das nun auch die Sparkasse geschlossen sei. „Hier wurde einfach alles tot gemacht“, sagt ein Mann.

Eine Frau schimpft, dass die Stadt für vier Millionen Euro die Schäfflestraße saniere; völlig überflüssig sei das. „Aber für uns haben sie kein Geld.“ Während „die Migranten“ vieles bezahlt bekämen, wüssten alteingesessene Riederwälder nicht, wie sie steigende Mieten zahlen sollen, ergänzt ein Mann. Und der Bau des Riederwaldtunnels komme nicht voran, der „produziert nur Dreck“. Schlimmer sei es nur in der Vatterstraße. „Die haben ja gar nichts mehr.“

In der Vatterstraße steht zwar die Grundschule des Riederwald, Geschäfte gibt es aber dort keine mehr. Am Wendehammer am östlichen Ende der Straße gab es einst zwei Läden, doch einer ist längst geschlossen, im anderen nur noch ein heruntergekommenes Bistro, das die Anwohner eher meiden. Viele Bürger hier fühlen sie sich vom Rest des Riederwalds abgeschnitten durch die U-Bahn-Trasse und die vielbefahrene Straße Am Erlenbruch. Als die Nassauische Heimstätte (NH) zwischen Miethäuserreihen neue Wohnungen baute, protestierten viele: Wo sollen die Kinder spielen, wo sich die Nachbarn im Sommer treffen? Die großen, alten Bäume fehlten.

Die Enttäuschung in der Vatterstraße sitzt so tief, dass nur 201 von 520 Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben: eine Wahlbeteiligung von 38,65 Prozent. Ähnlich ist es in anderen AfD-Hochburgen Frankfurts: Im Wahlbezirk 61201 in Zeilsheim, wo die AfD mit 20,1 Prozent ihr bestes Ergebnis erzielte, betrug die Wahlbeteiligung 34,3 Prozent, in der Ackermannstraße (Bezirk 15402), wo die AfD 19,7 Prozent erhielt, stimmten 35,9 Prozent der Wahlberechtigten ab. In absoluten Zahlen relativiert sich das: Für ihre 18,8 Prozent reichten der AfD in der Vatterstraße 36 Stimmen.

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