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Setzen sich für eine Kultur des Miteinanders ein: Maria Schmedt und Rudolf Fleckenstein vor ihrem Stadtteilbüro in der Frankenallee. 

Viertel hat sich neu erfunden 

Gallus: Ein Stadtteil nimmt wieder Fahrt auf

Es ist ein Quartier mit bewegter Vergangenheit. Entstanden als Arbeiterviertel für die Adlerwerke sowie Telefonbau und Normalzeit, musste das Gallus seit den Achtzigern das Ende seiner industriellen Tradition verkraften. Doch es findet zu neuer Identität - wie auch das Stadtteilfest am Wochenende bewies.

Die sozialen Umwälzungen durch den Wegfall der Arbeitsplätze zogen den Ruf des Viertels in Mitleidenschaft. "Etwa 20 000 Jobs fielen weg. Das war der größte Abbau gewerblicher Arbeitsplätze in Frankfurt", sagt Frank Junker, Geschäftsführer des städtischen Wohnungsunternehmens ABG Frankfurt Holding. Der Konzern ist mit der Geschichte des Quartiers ähnlich eng verwoben wie dessen industrielle Vergangenheit. Er richtete mit den Partnern Vereinsring Gallus, Sportkreis und Quartiersmanagement auch das Nachbarschaftsfest aus.

Vorbild für andere

Die Wiederbelebung begann 2004. Bis 2019 wuchs die Bevölkerung des Stadtteils von 25 000 auf 40 000 Einwohner - darunter auch viele junge Familien, weiß Maria Schmedt. Sie arbeitet für die Caritas als Quartiersmanagerin im Gallus im Frankfurter Programm Aktive Nachbarschaft. Doch diese Entwicklung in dem Areal zwischen Hauptbahnhof, Griesheim und Rebstockpark musste erst einmal auf den Weg gebracht werden. "Wir haben uns zusammengesetzt mit den Kirchen, Mandatsträgern und Vereinen und gemeinsam überlegt, was man für das Viertel tun kann", erinnert sich ABG-Geschäftsführer Junker. "So sind Kooperationsstrukturen entstanden, die bis heute funktionieren und Pate stehen, wenn wir in anderen Stadtteilen mit Veränderungen umgehen müssen. So gesehen, ist das Gallus ein Modellstadtteil", fügt er hinzu.

Schmedt beschreibt das Viertel hingegen als "Stadt und Dorf zugleich", in dem die Leute gerne wohnten. Das Quartiersmanagement bietet mit seinen Partnern aus den umliegenden evangelischen und katholischen Kirchengemeinden Rat und Tat bei unterschiedlichsten Anliegen an. In dem Projekt sind 15 ehrenamtliche Berater aktiv. Wer etwa Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen benötigt, sich in einer schwierigen Lebenssituation befindet oder neu im Stadtteil ist und Orientierung sucht, ist in dem Stadtteilbüro richtig. Aus den Gesprächen mit ihren Klienten wissen Schmedt und ihre Kollegen sowie die ehrenamtlichen Helfer, wo der Schuh drückt. "Wir hören häufiger, dass Leute Angst vor Mieterhöhungen haben", berichtet sie. "Ein Problem, das vor allem Leute in Privatwohnungen betrifft", fügt ihr Kollege Rudolf Fleckenstein hinzu. Gemeint sind Mieter, die nicht bei dem kommunalen Wohnungsunternehmen untergekommen sind. Die wiederum dürfen die Mieten in fünf Jahren lediglich um maximal ein Prozent pro Jahr erhöhen.

Stadt und Dorf zugleich 

Nulf Schade-James, Pfarrer in der evangelischen Gemeinde Friede und Versöhnung, hat davon gehört, dass "Firmen Wohnungen und Häuser von Erbengemeinschaften kaufen, um dann zu sanieren und herauszuholen, was geht." Helga Roos vom Gallusprojektbüro des Sportkreises, spricht von "Unternehmen, denen es nur darum geht, ihren Schnitt zu machen."

Das Projektbüro des Sportkreises im Gallus ist auch eine Institution, die typisch für das Viertel ist. Man schrieb 2006 und ganz Deutschland war im Fußballfieber. Das Team organisierte im Kiez den kleinen Ableger zum großen Fußballevent, die "Kids-WM der 32 Gallusphantasieländer" und gewann damit den Integrationspreis der Stadt und des DFB 2007. "Wir fanden, unsere Jugendliche haben alle etwas drauf. Doch sie bekamen keine Stellen", erinnert sich Roos. Das war der Startschuss für "Gallus - 1:1 für Ausbildung". Die Mitarbeiter des Büros helfen Jugendlichen bei Bewerbungen und vermitteln in Praktika, aus denen Lehrstellen werden. Sport als Brücke: ein Motto, das die Einrichtung auch auf anderen Feldern praktiziert. So gibt es etwa die Frankfurter Bolzplatzliga. Denn nicht jeder, der Spaß am Fußball hat, findet den Weg in einen Verein. Mit den Ligaspielen kommt man in der Stadt rum, lernt andere Plätze, Probleme, Ideen und Gleichaltrige kennen.

Professionelle Hilfe

Wenn es untereinander mal nicht so läuft, finden die Jugendlichen im Ligarat gemeinsam mit professioneller Hilfe Lösungen. Das stärkt die Fähigkeit zur Selbstorganisation der Kinder und Jugendlichen und versetzt sie in die Lage, Verantwortung im direkten Umfeld zu übernehmen. Dafür bekam das Projekt in diesem Jahr den Fair-Play-Preis des Hessischen Fußball-Verbandes verliehen. Der Weg dahin forderte allerdings Einsatz, wie sich Ahmet Söylemez vom Sportkreis erinnert: "Wir hatten null Spiel- und Bewegungsplätze."

Die Meinung "Beton macht kriminell" setzte sich durch. Doch dank der Kooperationsstrukturen im Gallus und zusammen mit der Stadt klappte es, mithilfe des Bund-Länder-Programmes "Soziale Stadt" im Galluspark zwei Bolzplätze zu schaffen und Raum. Das Beispiel zeigt zweierlei: "Die Gemeinschaft als Rückgrat des Viertels funktioniert", wie Roos sagt.

Allerdings benötigt das Quartier Infrastruktur, um das Wachstum zu bewältigen. Roos fordert mehr Grün- und Bewegungsflächen für Kinder und Jugendliche. Nach längerem Anlauf entsteht aktuell die Verlängerung der U-Bahnlinie 5. Vorgesehen ist der Bildungscampus Gallus. Nach erfolgreich verlaufener Bürgerbeteiligung hofft man im Bildungsdezernat, mit dem Haushalt 2020-2021 in die Planungen einsteigen zu können.

Kneipenszene

Vor dem "Talbub" an der Ecke Kriegkstraße/Frankenallee sitzen die Menschen in der Spätsommersonne beim Mittagessen und reden angeregt miteinander. Das Interieur: helle Wände an der Seite, ansonsten die Farben türkis und grau, blauer Tresen, Holzfußboden, unprätentiös moderne Bestuhlung.

Schade-James, Roos und Schmedt berichten, dass die unprätentiöse Kneipenszene ihren Beitrag zu der inneren Offenheit des Viertels leiste. Die Bewohner hätten so Räume, sich untereinander auszutauschen. Doch noch wichtiger sei die Toleranz, die gelebt werde. Auch, wenn das manchmal ein Stück Arbeit sein kann. "Als 2001 die Flugzeuge in die Wolkenkratzer flogen, haben wir gesagt, wir müssen reden", erinnert sich der Pfarrer. Der interreligiöse Arbeitskreis unterschiedlicher islamischer und christlicher Konfessionen entstand. "Wir wollten erst einmal wissen, wie läuft das bei euch. Und die auch", berichtet Schade-James von den ersten Begegnungen mit muslimischen Gemeinden. Heute funktioniert der Arbeitskreis als dauerhaftes Gremium.

Auch das ist typisch fürs Gallus: Aus dem Problem entsteht eine Lösung.

Mehr aus Frankfurt: 

Es sieht kritisch aus für die Dieselfahrer in Frankfurt. Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) hält ein Fahrverbot für wahrscheinlich, wenn Frankfurt nicht endlich sogenannte Pförtnerampeln an den Stadteingängen aufstellt. In puncto Elektromobilität hinkt Frankfurt hinterher. Die Mainova AG hat inzwischen neun Ladesäulen erneuert.

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