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Stadtteilgeschichte neu erzählt

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Von: Gernot Gottwals

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Das obere Ende der Sophienstraße im Jahr 1904: Ein regelrechter Steinbruch musste angelegt werden, bevor die Straße gepflastert werden konnte.
Das obere Ende der Sophienstraße im Jahr 1904: Ein regelrechter Steinbruch musste angelegt werden, bevor die Straße gepflastert werden konnte. © Buch

Chronik 200 Jahre nach Erscheinen frisch aufgelegt und ergänzt

Umfangreiche Bockenheimer Geschichtsbücher sind dünn gesät, eine ausführliche historische Gesamtdarstellung von der Frühzeit bis in die Gegenwart fehlt bis heute. Dafür haben die "Freunde Bockenheims -Verein für Ortsgeschichte" anlässlich der Verleihung der vollständigen Stadtrechte 1822 Heinrich Ludwigs "Geschichte des Dorfes und der Stadt Bockenheim" neu aufgelegt - eine Rarität, die lange Zeit kaum noch erhältlich war. "Man konnte dieses Buch nur noch im Antiquariat für rund 100 Euro erstehen", stellt Vereinsmitglied Norbert Saßmannshausen fest, der das Buch im "Verein für Selbstorganisation" neu verlegt hat. Und die Neuauflage ist gegenüber dem Original sogar eine Bereicherung, da sie zahlreiche Korrekturen und Ergänzungen enthält. Heinrich Ludwig (1865-1952) hatte seine Bockenheimer Geschichte 1940 im Waldemar Kramer Verlag veröffentlicht, doch zu einer verbesserten und erweiterten Auflage war es kriegs- und altersbedingt nicht mehr gekommen.

Nach seiner Pensionierung 1930 verfasste der Grundschullehrer sein rund 460-seitiges Buch mit zahlreichen Bildtafeln, beginnend in der erd- und frühgeschichtlichen Zeit, über das Dorf Bockenheim im Mittelalter, unter den Grafen von Hanau (bis 1736) und den Landgrafen von Hessen-Kassel bis zur Stadt Bockenheim in kurhessischer Zeit (seit 1819) und der Eingemeindung zu Frankfurt 1895. "Eine umfangreiche Darstellung im Spannungsfeld Bockenheims vor den Toren Frankfurts", wie die Vorsitzende der "Freunde Frankfurts" Dore Struckmeier-Schubert betont. Ein Schwerpunkt liegt in der Ausarbeitung der finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der jungen Stadt Bockenheim zwischen Vormärz und Paulskirchenparlament.

"Heinrich Ludwig sammelte und archivierte über 30 Jahre jegliche Information auf Zetteln und Oktavheften und versah diese mit unzähligen Ergänzungen, Durchstreichungen und Überschreibungen", schreiben sein Großneffe Hermann Ludwig und Saßmannshausen in der Vorbemerkung der Herausgeber. Heinrich Ludwigs Haus in der Grempstraße war ausgebombt worden, doch er konnte nach dem Krieg ein Buch mit Randbemerkungen samt einigen Notizzetteln und Schreibmaschinenseiten ans Institut für Stadtgeschichte übergeben.

Hermann Ludwig, der mit Saßmannshausen bereits an einer Neuauflage von Heinrich Ludwigs "Häuserchronik von Alt-Bockenheim" zusammengearbeitet hatte, war auch hier entscheidend bei der Entzifferung der Handschrift seines Großonkels tätig. Das Originalbuch von 1940 wurde eingescannt, um sämtliche Änderungen und Ergänzungen in einer Textdatei einzupflegen. Das Projekt kostete rund 5000 Euro und wurde von der Stadt, dem Finanzministerium, der Stiftung der Nassauischen Sparkasse und dem Ortsbeirat 2 gefördert.

Da ein Computerprogramm etwa eine "Gasse" mit zwei "s" in Frakturschrift leicht als "Gaffe" missinterpretiert, oblag Vereinsmitglied Wilhelm Breder die umfangreiche Korrektur des Werkes. "Zusammen mit zahlreichen Zusatzseiten zu lokalen Sagen und Erzählungen erforderte diese Arbeit sehr viel Konzentration und Ausdauer", unterstreicht Breder.

Auch einige Abbildungen wurden neu eingefügt. Sichtbar wird das für den Leser anhand eines eingelegten Bildes zum kriegszerstörten Schloss der Prinzessin Henriette Amalie von Anhalt-Dessau, die wegen der Geburt eines unehelichen Sohnes vom Hof verbannt worden war und 1753 nach Bockenheim zog, wo sie den Landsitz und landwirtschaftliche Betriebe erwarb und ausbaute.

Sensibel ist ein Kapitel über die Juden, die erst nach 1600 in Bockenheim auftauchten und bald eigene Gotteshäuser errichteten. "1874 wurde die neue Synagoge eingeweiht, 1938 dann geschlossen", schreibt Ludwig. Die Herausgeber merkten an, dass sie in der Pogromnacht demoliert, in Brand gesetzt und dann abgetragen wurden. "Heinrich Ludwig war sicher kein Antisemit, über seine Haltung zum Nationalsozialismus gibt es bislang keine überprüfbaren Dokumente", stellt Saßmannshausen fest.

Weitere Kapitel beschäftigen sich mit dem mittelalterlichen Bockenheim als Spielball zwischen Frankfurt und der Grafschaft Hanau sowie den Konflikten zwischen Lutheranern und Refomierten. Ein besonderes Augenmerk gilt der Nidda: "Sie mündete früher im Delta in den Main und war von riesengroßen Auenwäldern umgeben", sagt Saßmannshausen. Übrig geblieben seien der heutige Biegwald sowie der Niedwald.

Gernot Gottwals

Das Buch

"Geschichte des Dorfes und der Stadt Frankfurt" ist für 35 Euro im Buchhandel erhältlich.

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