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Hans Zimmermann erforscht die Geschichte der Freßgass?. Auf seinem Computer hat er einige historische Bilder gespeichert.

Stadtteilhistoriker beluchtet

Die Freßgass’ im Wandel der Zeit

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Der Stadtteilhistoriker Hans Zimmermann beleuchtet Geschichte und Gegenwart in der Freßgass’ – und stellt fest, dass außer seinem Elternhaus sonst kaum ein Gebäude die Jahrhunderte in der Geschäfts- und Ausfallstraße überlebt hat.

Eigentlich ist das Haus in der Großen Bockenheimer Straße 31 für die Freßgass’ typisch und untypisch zugleich. Typisch, weil es mit der Metzgerei Ebert noch eines der wenigen Lebensmittelgeschäfte mit Tradition in der kulinarischen Geschäftsmeile fortführt. Untypisch aber auch deshalb, weil besagtes Haus, in dem Hans Zimmermanns Eltern 1958 die damalige Metzgerei Ebert übernahmen, mit rund 360 Jahren als einziges kleines Rokokohaus in einer Reihe größerer und meist deutlich jüngerer Häuser überlebt hat.

Dabei reichen die historischen Anfänge der Großen Bockenheimer Straße und Kalbächer Gasse, die heute als gerade verlaufende Fußgängerzone mit Geschäften verschiedener Art eine Einheit zwischen Opernplatz und Hauptwache bilden, bis ins Mittelalter zurück. Diese Ursprünge und die weitere Entwicklung mit ständiger Neubebauung rund um sein Elternhaus untersucht Zimmermann, ehemaliger Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, nun in seinem Buch „Das kleine Häuschen in der Fressgass“.

Fan der Neuen Altstadt

„Denn das einzig Stetige ist hier der Wandel“, stellt Zimmermann fest. Und während er durchaus ein bekennender Fan der Rekonstruktionen in der Neuen Altstadt ist, könnte er sich solche Maßnahmen für die Freßgass’ nur schwer vorstellen: „Denn hier identifizieren sich die Frankfurter nicht mit historischen Bauten und Familien, sonder vor allem mit Einkaufen und gutem Essen.“ Dass er selbst in einer Metzgerfamilie in einem Haus mit Geschichte aufgewachsen ist, hat Zimmermanns Lebensweg gleich doppelt geprägt: „Zunächst einmal war für mich klar, dass ich die Metzgerei 1972 übernehmen würde, die meine Eltern dort gepachtet hatten“, sagt er. Später konnte er das Haus auch erwerben und 1984 bei größeren Sanierungsmaßnahmen auch alte Wände und Balken freilegen. „Da ich aber keine Kinder habe, verpachtete ich die Metzgerei 2003 und ging auf Weltreise.“

Doch seit seinen Entdeckungen historischer Bausubstanz war auch Zimmermanns Interesse für die Geschichte des Hauses und der Straße vermehrt geweckt. Und so bewarb er sich erfolgreich für die Staffel 2014/15 des Projekts Stadtteilhistoriker der Polytechnischen Gesellschaft und zeichnete die Geschichte der Freßgass’ mit Hilfe zahlreicher Pläne und historischer Fotos vom Institut für Stadtgeschichte und dem Historischen Museum nach. 

Am Anfang war nur Mist

„Am Anfang fand man dort, wo die Straße jetzt verläuft, den Mist vom Schweinemarkt“, stellt Zimmermann mit Verweis auf die heutige mit Inge Hagners Fressgassbrunnen geprägte Gabelung zwischen der Großen Bockenheimer Straße und der Kalbächer Gasse fest, die man im 19. und frühen 20. Jahrhundert „Säuplätzi“ nannte.

Kaiser Ludwig der Bayer hatte 1333 die Stadterweiterung außerhalb der Stadtmauern gewährt, 1350 findet sich in dem Verzeichnis von Baldemar von Petterweil eine Große Bockenheimer Gasse.

Zu Goethes Lebzeiten fällt 1804 die Stadtmauer, zu der auch das mittelalterliche Bockenheimer Tor am Ausgang der Gasse gehörte. Als Zimmermanns Elternhaus um 1760 erbaut wird, ist die Gasse noch in durchnummerierte Wohnquartiere unterteilt, ein Adressverzeichnis mit Straßen und Hausnummern gibt es für die heutige Freßgass’ erst ab 1852. In diesem und den folgenden Jahrzehnten weichen immer mehr ältere Häuser klassizistischen und gründerzeitlichen Neubauten, in die Wirtschaften, Kolonialwaren- und Delikatessgeschäfte ziehen.

„Bald sind zwei Drittel der Geschäfte Lebensmittelgeschäfte, so dass die Freßgass’ ihren volkstümlichen Namen 1910 in der Presse bekommt“, sagt Zimmermann. Der großflächigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg folgt 1955 der Abriss der letzten verbliebenen Altbauten auf der Nordseite, darunter dem beliebten Gasthaus „Drei Hasen“, um die Freßgass’ für die autogerechte Stadt zu verbreitern. Aus der Gründerzeit der 1890er Jahre sind nur noch die Häuser Nummer 17 und 25 verblieben.

Mit dem Wirtschaftswunder ziehen neue bekannte Größen wie das Café Schwille, die Bäckerei Lochner oder die Feinkostläden Leugner und Plöger in die Freßgass’. Doch im Kampf um höhere Renditen und Mieten müssen viele der inhabergeführten Geschäfte Filialbetrieben und feinen Boutiquen weichen – weshalb man zeitweise schon von der „Dressgass“ spricht.

Einmal hat Zimmermann sein kleines Häuschen, das er selbst mit seinem Rollstuhl nicht mehr bewohnen kann, aus Protest gegen den U-Bahnbau der 1970er Jahre in knalligem Blau-Gelb gestrichen. Später kam die Fußgängerzone mit dem Weinfest der Aktionsgemeinschaft Freßgass’ – bis heute ein Erfolgsmodell.

Hier gibt es das Buch

„Das kleine Häuschen in der Fressgass“ ist über Amazon und hz.mail@t-online.de für 19,90 Euro erhältlich.

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