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Klimaschäden im Wald.

Klimawandel

Im Stadtwald Frankfurt sterben die Bäume

Die extreme Trockenheit hat den Bäumen im Stadtwald zugesetzt. Zehntausende müssen gefällt werden.

Es dauert keine 20 Sekunden nach dem Fällschnitt, da liegt die Kiefer im Stadtwald am Boden. 25 Meter kranker Baum. Befallen von einem Pilz, angefressen von Borkenkäfern. Er hatte keine Chance mehr, war durch die Trockenheit im vergangenen Sommer geschwächt, konnte sich den Schädlingen nicht mehr widersetzen. Und rund um ihn herum sieht es im Stadtwald nicht anders aus. 13 Bäume stehen allein um diese Kiefer herum, die mit roten Strichen markiert sind: Auch sie sind dem Tode geweiht, müssen gefällt werden. Die extreme Trockenheit im vergangenen Sommer hat dem Stadtwald sehr zugesetzt. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) spricht am Dienstag bei einem Rundgang von einer „dramatischen Situation“. Denn Zehntausende Bäume müssen weichen. Gibt es in einem normalen Jahr im Stadtwald einen Verlust von bis zu 1500 Festmeter – das Raummaß für ein Kubikmeter feste Holzmasse –, sind es im ersten Halbjahr 2019 bereits 14 700 Festmeter. „Wir müssen die Klimakrise ernstnehmen“, sagt Heilig.

Denn die Schäden sind im Stadtwald an allen Baumarten unübersehbar. An Buchen, an Kiefern, an Lärchen, an Eichen – „man muss nur mit dem Kopf nach oben unterwegs sein“, sagt Heilig. Denn auch wenn es auf Augenhöhe noch grün aussieht, in den Kronen wird es licht. Keine Blätter, keine Nadeln. Zwar gibt es dann oft im unteren Baumbereich noch Laubaustrieb – aber die Blätter hängen jetzt schon wieder vertrocknet an den Ästen. „Im Boden herrscht extreme Dürre“, erklärt Peter Rodenfels, stellvertretender Leiter der Forstabteilung beim Grünflächenamt. Die Grundwasserreservoirs sind auch im Winter nicht aufgefüllt worden. Und ein paar Tage Regen würden daran nichts ändern, sagt Rodenfels. Der sandige Boden im Stadtwald kann das Wasser nicht speichern. „Die Bäume leben von der Hand in den Mund.“

Das überleben viele nicht, sie sterben an Krankheiten und Schädlingen. Laut Waldzustandsbericht 2018 – vor der Dürre – sind 94,2 Prozent der erfassten Bäume geschädigt. Rodenfels befürchtet, dass es dieses Jahr noch schlimmer wird. Der Zustand des Stadtwaldes ist aber auch ein wirtschaftlicher Faktor. Das Holz der kranken gefällten Bäume kann nur noch als „Spanplatten oder in der Verpackungsindustrie verwendet werden“, sagt Rodenfels. Wenn man es überhaupt los wird. Schließlich sterben in ganz Deutschland die Bäume. „Alle holzverarbeitenden Betriebe sind voll mit Holz.“ Deshalb liegen die gefällten Bäume noch im Wald herum. Das Geld wird fehlen. „Wir konnten Defizite immer mit Holzhandel ausgleichen“, sagt Heilig.

Die Stadt will sich aber auf die Zukunft vorbereiten. „Um einen klimaresistenten, gesunden Mischwald zu haben“, sagt Rodenfels. So wurden schon Eicheln von „Bäumen, die den Sommer überstanden haben“ aufgesammelt und werden in der Forstschule im Stadtwald aufgezogen. Aber auch das reicht nicht. „In 50 Jahren wird das Klima in Frankfurt wie heute in Teilen Frankreichs sein“, sagt Rodenfels. Deswegen teste die Goethe-Universität seit ein paar Jahren mediterrane Eichenarten im Stadtwald aus. „Um zu sehen, ob sie eine Alternative für die Zukunft sind.“

Das Projekt nennt sich „South Hesse Oak Project“ und es gibt es seit 2011. Baumarten sollen gefunden werden, die „für den Waldumbau im Zuge des Klimawandels infrage kommen“, sagt Vera Holland, Mitarbeiterin am Institut für Ökologie, Evolution und Diversität. Da das Klima nach Nordosten wandere, bewegten sich nach Modellberechnungen auch die im Süden verbreiteten Bäume in unsere Richtung. „Doch die Arealverschiebung geht nicht so schnell wie der Klimawandel“, sagt Holland. „Wir müssen jetzt pflanzen, wenn wir in 100 Jahren noch einen Wald haben wollen.“

Die Bäume müssen Trockenheit und Hitze wegstecken können, aber auch den Winter überstehen. „Wir wollen sehen, welche Bäume die ökologische Lücke der heimischen Stieleiche füllen könnten“, sagt Holland. Es gibt eine Versuchsfläche im Stadtwald, auf der untersucht wird, wie sich die Bäume verhalten, wie das Ökosystem sie annimmt. Arten wie Flaumeiche, ungarische Eiche und Steineiche sind jeweils in Truppen à 21 Bäumen gepflanzt. „Sie machen sich gut“, sagt Holland. Gerade in der Flaumeiche habe man einen soliden Baum gefunden, der sich gut ins Ökosystem einfüge. „Ähnliche Schmetterlingsarten legen ihre Eier auf dem Baum ab, die Diversität wird aufrecht erhalten.“

Nicht so gut macht sich nach Holland die nordamerikanische Roteiche. „Sie tut zwar, was sie soll: Sie stirbt nicht und wächst“, sagt die Wissenschaftlerin. „Aber sie tut nichts fürs Ökosystem.“ Ihr Laub können die heimischen Bodenorganismen nicht umsetzen, Raupen und Schmetterlinge gehen nicht an sie heran. Die mediterranenen Arten seien daher „die bessere Wahl“, sagt Holland. In Übergangsgebieten stünden die Bäume ja bereits nebeneinander und teilten sich Begleitflora- und fauna.

Zunächst reißen nun die weiteren Fällarbeiten aber erst einmal Lücken in den Wald. Wurde sich früher nur im April und Oktober mit Baumkontrollen, mit Fällungen zur Vermeidung einer Ausbreitung von Schädlingen und mit Sicherungsmaßnahmen im Wald beschäftigt, „so machen wir jetzt nichts anderes mehr“, sagt Rodenfels. Die Mülleimer könnten so jedoch nicht mehr jeden Tag geleert werden, die Wege würden auch nicht immer perfekt aussehen. „Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger da um Verständnis bitten – der Wald hat Vorrang.“

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