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. . . .und ?Vega Pal? aus Vasarelys berühmtester Serie (1968/69).

Ausstellung

Das Städel zeigt den ganzen Vasarely und erklärt die optischen Verwirrspiele

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„Im Labyrinth der Moderne“ entwickelt der Hauptvertreter der Op-Art immer neue Perspektiven. Dem rastlosen Geist gilt eine Frankfurter Retrospektive, die 60 Schaffensjahre umspannt.

Mit Kinofilmen und Computer-Games sozialisiert, sind wir es gewöhnt, uns von den Tiefen der Räume, die sich vor uns öffnen, verschlingen zu lassen. Doch was geschieht da eigentlich? Manchmal ist es gut, einen Schritt zurückzutreten. Wenn wir innehalten, erkennen wir, dass das, was wir als „ungeheuer realistisch“ loben, in Wirklichkeit eine Fiktion ist: Wir projizieren ein dreidimensionales Erlebnis auf eine zweidimensionale Fläche. So sehr ist unser Sehsinn auf Perspektive geeicht, dass wir alles nach deren Regeln wahrnehmen.

Wenige haben über das Sehen so intensiv nachgedacht wie Victor Vasarely (1906–1997). In einem langen Leben, das beinahe ein Jahrhundert umfasste, wurde er damit zum Star: In den Swinging Sixties und in den Flower-Power-Jahren danach hingen seine Motive als Poster in jedem zweiten Jugendzimmer. Was der gebürtige Ungar machte, der in jungen Jahren als Werbegrafiker arbeitete und nach Paris auswanderte, war schick, es irritierte und, ja: Auch berauschen konnte und kann man sich an seinem Werk.

Nicht umsonst markieren Bodenleisten im Frankfurter Städel, wie sehr man sich seinen Bildern nähern darf. Denn am liebsten würde man immer noch näher herangehen, bis man schließlich mit der Nase an die Leinwand stieße. Vasarelys Kunst saugt dich ein, stülpt dich wieder aus, schifft dich über Klippen und zieht dich in die Tiefe. Wer sich im Frankfurter Städel so dicht, wie es erlaubt ist, vor seine späten Bilder stellt, dem ist mitunter zumute, als zöge es ihm den Boden unter den Füßen weg. Das spielt mit den Grenzen unseres Sehsinns, ist berauschend. Genau so war es vor 50 Jahren auch gedacht.

Ganz ohne höhere Botschaft und Bedeutungshuberei kommen diese Bilder aus und sprechen gerade deswegen auch jene an, die sonst, wenn sie das Wort Kunst hören, lieber noch ein Bierchen trinken gehen. Geometrische Formen gaukeln vor, dass sich die Bilder nach innen oder außen wölben. Immer wieder lässt Vasarelyden Sehsinn stolpern. Wer ihn anschaut, kann gar nicht anders, als seine Wahrnehmung in Frage zu stellen.

Diese irritierenden Effekte macht sich der erste Teil der Ausstellung im Untergeschoss zunutze. Immer wieder ist der Betrachter darin mit sich selber und den eigenen Sinnesfähigkeiten konfrontiert. Den Auftakt bietet die Kantine der Deutschen Bundesbank, die Victor Vasarely 1962 gemeinsam mit seinem Sohn Yvarely gestaltete. Für die Ausstellung wurden alle drei Wände entfernt und im Städel originalgetreu aufgebaut: eine der „architektonischen Interventionen“ von Vasarely, der in den 50ern schon notierte, er träume von einer „sozialen Kunst“, die alle angehe. Einer Kunst, die nicht neben, sondern mitten im Leben steht.

Victor Vasarely war es, der das sich spiralenförmig emporwindende Logo für die Olympischen Spiele 1972 entwarf. Von ihm auch stammt die Renault-Raute.

Abermals ruft der Betrachter dann Aha, wenn er zwischen den freistehenden Wänden des zweiten Teil hin- und herstreift. Denn hier geht das Städel zeitlich rückwärts, gelangt von den 50ern in die 40er und sogar in die 30er Jahre. Denn um den „ganzen Vasarely“ geht es dem Museum etwas mehr als zwanzig Jahre nach seinem Tod, und auch deswegen erwacht der oft und in manchen Zeiten vielleicht allzu oft Gesehene hier zu neuem Leben.

Wo kam dieser fundamentale Irritations- und Bilderverstörungswille her? Darauf gibt das Obergeschoss Antworten. Es zeigt, wo die Suche begann: bei der Bauhaus-Schule nämlich und in deren Bemühen um Formreduktion. Bevor der Hauptvertreter der Op-Art seine berühmten Bilder von bis zur Untrennbarkeit miteinander verschlungenen Zebras erschuf, die als mustergültige Werke dieser Kunstrichtung gelten, ließt er sich von Muscheln, Sand und Steinen inspirieren an den Stränden der Belle-Isle inspirieren. Oder vom spektakulären Dachgewirr des provenzalischen Bergdorfs Gordes. Oder vom Craquelée der zersprungenen Kacheln in der Pariser Metro-Station Denfert-Rochereau. Stets reduzierte er, was er sah, auf grundlegende Formen und schuf faszinierende Serien. Sie zeigen, was wir sehen, wenn wir etwas sehen. Vasarely im Städel ist eine Neuentdeckung. Jetzt verstehen wir, wie er dazu kam, uns immer wieder mit den Grenzen der Wahrnehmung zu konfrontieren.

„Im Labyrinth der Moderne“

Bis 13. Januar. Städel Frankfurt, Schaumainkai 63. Geöffnet Di–So 10–18, Do + Fr bis 21 Uhr. Eintritt: Am Wochenende 16, Di–Fr 14, Familienkarte 24 Euro. Tel.: (069) 6 05 09 82 00. Wer sich vorbereiten will, findet im Netz ein Digitorial:

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