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In Deutschland sind noch rund 20 Autokinos (im Bild: Hannover) Anlaufziel für Filmfans.

Star Wars unterm Sternenhimmel

Popcorn knabbern hinterm Lenkrad, dabei einen Film gucken: Ungestörte Kinoerlebnisse versprechen rund 20 Autokinos in Deutschland. Das älteste in Europa bei Frankfurt lockt junge Leute mit neuen „Blockbustern“.

Langsam senkt sich die Nacht über den noch leeren Parkplatz in einem Waldstück, Sterne funkeln. „Schöner Vollmond heute“, sagt Melanie Denner. Doch darüber kann sich die stellvertretende Chefin des Autokinos Gravenbruch in Neu-Isenburg nicht so richtig freuen. Für Autokinofans ist eine Vollmondnacht eher ein Ärgernis: Die Helligkeit trübt die Bildqualität auf den zwei riesigen Bildwänden, vor denen 1100 Autos Platz haben. Es ist kurz vor 21 Uhr und Melanie Denners Arbeitstag beginnt. In dem Backsteinhäuschen vor der Bildwand fährt sie den computergesteuerten Projektor hoch auf Betriebstemperatur. Das neueste Weltraumabenteuer „Solo – A Star Wars Story“ wartet darauf, eine Stunde später per Knopfdruck abgefahren zu werden.

Seit acht Jahren arbeitet die Managerin im ältesten Autokino Europas: 1960 öffnete es seine Tore. „Der König und ich“ mit Yul Brynner flimmerte damals als erster Film über die Bildwand. Gut zwei Dutzend Autokinos gab es in der Bundesrepublik. In der DDR entstand das einzige „Kino auf Rädern“ im brandenburgischen Zempow – heute ist es geschlossen.

In Gravenbruch und den anderen vier Kinos der Betreiberkette „Drive In“ stehen vor allem „Blockbuster“, kassenfüllende Streifen, auf dem Programm. Zu sehen sind Actionfilme wie „Jurassic World“, Teenagerkomödien à la „Hangover“, Horrorfilme und Animationsstreifen wie die „Minions“. Einmal in der Woche kommen bei den „Summer Classics“ auch die Freunde großer Hollywood-Produktionen wie „Titanic“ oder „Casablanca“ auf ihre Kosten.

Zwei chromblitzende Ford Mustang sind die ersten Autos, die an diesem Abend auf die Asphaltfläche blubbern und in der Nähe des Projektorhäuschens parken. Dort hat man den besten Blick auf die 15 Meter hohe Filmwand aus Aluminiumplatten. Schnell holen sich die beiden Oldtimer-Fans aus Offenbach vor Vorstellungsbeginn in der Snackbar noch etwas zu essen. „Hundertmal“ sei er schon ins Autokino gefahren, versichert der 38-jährige Lenker des weißen Mustang. Für seinen 34-jährigen Kumpel ist das Autokino ein Teil seines „amerikanischen Lifestyles“.

Vor allem junge Leute kämen mit Freunden gern ins Autokino, sagt Melanie Denner. Sie zählt eine Reihe von Vorteilen gegenüber den üblichen Kinopalästen auf: So gibt es kein Popcorn-Rascheln. Die Lautstärke kann man über das Autoradio so laut oder leise drehen, wie man will. Hundebesitzer können mit ihrem Vierbeiner zwischendurch Gassi gehen. Wer während des Films ein Schwätzchen halten will, kann das tun. „Man muss nicht den Mund halten“, sagt Denner. Für kalte Nächte gibt es Heizstrahler umsonst und Starthilfe, wenn das Auto nicht anspringt.

Ein Offenbacher will die neuen Lautsprecherboxen seines Autos testen und mit der Freundin „ein wenig knuddeln“, wie er ankündigt. Pärchen, die ungestört sein wollen, könnten auch gleich in die hinteren Reihen, die „Love-Lane“, einfahren, schlägt Melanie Denner vor. Viele wüssten gar nicht, dass es noch Autokinos gibt, berichtet sie. „Autokinos sterben“, sagt eine junge Mannheimerin. Das in ihrer Heimatstadt wurde bereits vor 30 Jahren geschlossen.

Rund 20 Autokinos existieren noch in ganz Deutschland, die meisten spielen jedoch nur in der schönen Jahreszeit. Die „Drive In“-Kinos in Gravenbruch, Stuttgart-Kornwestheim, München-Aschheim, Köln-Porz und Essen machen die Ausnahme und sind ganzjährig geöffnet – auch bei schlechtem Wetter und im Winter. „Außer bei Nebel“, sagt Melanie Denner. Selbst an Weihnachten herrscht Betrieb: Vergangenes Jahr lief der Disney-Film „Die Schöne und das Biest“. 400 bis 700 Besucher aus 150 Kilometern Umkreis genießen an einem guten Wochenende laut Denner das besondere Flair einer Nacht im Autokino.

Die große Zeit der Autokinos, die 1933 mit dem „Camden Drive-In Theatre“ im US-Bundesstaat New Jersey begann, ist allerdings vorbei, weiß Heiko Desch. Vielen Leuten sei es zu anstrengend, den bequemen heimischen Fernsehsessel gegen den Autositz einzutauschen, sagt der Gravenbrucher Kinoleiter. In den vergangenen Jahren verzeichneten Kinos in Deutschland generell einen starken Besucherrückgang, davon seien natürlich auch die Autokinos betroffen.

Rund 85 000 Besucher fuhren im vergangenen Jahr sein Autokino an, berichtet Desch. In anderen europäischen Ländern liefen Autokinos wesentlich besser als im „kinofeindlichen“ Deutschland, in Russland und Asien boome der Markt.

„Es ist unglaublich familiär“, bringt Melanie Denner auf den Punkt, was für sie den Reiz von Autokinos ausmacht. Nach zwei Stunden ist die „Star-Wars“-Weltraumstory vorüber, alle Bösewichte sind getötet. Als der Abspann läuft, leuchten Scheinwerfer auf. Langsam rollen die rund 50 Autos vom Platz, nach fünf Minuten ist er leer.

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