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Das Selbstbildnis Madern Gertheners am Eschenheimer Turm.

Frankfurter Domturm

Der Stararchitekt des Mittelalters

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Zum 600. Jubiläum der Grundsteinlegung des Frankfurter Domturms legt Professor Gerhard Ringshausen die erste Monografie dessen Schöpfers Madern Gerthener vor – und stellt den spätgotischen Frankfurter Architekten und Bildhauer auf eine Stufe mit den zeitgenössischen Meistern Italiens.

„Maria am Gestade“ gehört nicht gerade zu den überregional bekannten Wiener Kirchen. Doch auch der Laie erkennt, warum der Glockenturm und das Westportal dieser Kirche auf Seite 229 in Gerhard Ringshausens Monografie „Madern Gerthener, Frankfurts großer Architekt und Bildhauer der Spätgotik“ abgebildet sind. „Auch in Wien tritt der Kuppelgedanke zu Anfang des 15. Jahrhunderts auf“, schreibt der promovierte Kunstgeschichtler. Fand Gerthener dort seine Inspiration, um den Frankfurter Domturm in Anlehnung an Köln und Freiburg passend zu den Königswahlen mit einer „Stadtkrone“ zu schmücken?

Diese und viele weitere Fragen zur Architektur und Ausstattung des Doms, des Eschenheimer Turms, des Liebfrauenportals und weiterer Kunstwerke von Madern Gerthener (1360-1430) beschäftigen Werner Ringshausen schon seit Jahrzehnten: Er promovierte nämlich 1969 über den Frankfurter Stadtbaumeister, dem er auch die Erbauung, Beteiligung oder zumindest Planung des mittelalterlichen Römers, des Leinwandhauses, der Alten Brücke, des Nürnberger Hofes und der Stadtbefestigung einschließlich der vier Warten zuschreibt.

Vor genau 600 Jahren entwarf „Werkmeister“ Madern Gerthener den Frankfurter Domturm, der bis ins 20. Jahrhundert das höchste Bauwerk der Stadt blieb und erst im 19. Jahrhundert nach den heute zum Bestand des Instituts für Stadtgeschichte gehörenden Originalplänen fertiggestellt wurde. Kaum ein anderes Gebäude prägte das Weichbild von Frankfurt über Jahrhunderte stärker als der Domturm, dessen Grundsteinlegung am 6. Juni 1415 in den Ratsprotokollen dokumentiert ist.

Aus diesem Anlass veröffentlicht die Frankfurter Historische Kommission in Verbindung mit der Gesellschaft für Frankfurter Geschichte und dem Institut für Stadtgeschichte nun die Publikation von Gerhard Ringshausen „Madern Gerthener. Frankfurts großer Architekt und Bildhauer der Spätgotik“ als Band 62 der „Studien zur Frankfurter Geschichte“. „Gemessen an der Vielzahl der Kunst- und Bauwerke und der reichen selbstständig weiterentwickelten Formensprache kann man Gerthener durchaus auf eine Stufe mit den italienischen Baumeistern stellen“, sagt Gerhard Ringshausen.

„Da Gertheners Entwürfe die Entwicklung der Kunst im 15. Jahrhundert am Mittelrhein und in den angrenzenden Kulturlandschaften prägten, handelt es sich um ein längst überfälliges Standardwerk“, betont Evelyn Brockhoff, Leitende Direktorin des Instituts für Stadtgeschichte und Herausgeberin der Studie. Die erste Monografie zu dem bedeutenden Baukünstler der Main-Metropole ist „die einzige in diesem Umfang vorliegende Untersuchung zu einem Werkmeister nördlich der Alpen“, unterstreicht Christian Freigang aus Berlin, der die Arbeit initiiert hat.

Besonders denkt Ringshausen dabei an den Schöpfer der Domkuppel von Florenz: Zwar scheint ein Vergleich mit dieser genialen oktogonalen Konstruktion von Francesco Brunelleschi gewagt, doch auch Gerthener tüftelte und feilte lange und präzise an der achteckigen Kuppel des Frankfurter Domturms. „Weil sich die Kuppelschöpfung Madern Gertheners kaum in den Rahmen der deutschen Gotik einfügen lässt, erregte sie die besondere Aufmerksamkeit der Forscher. Man versuchte, Beziehungen Italiens zum Frankfurter Dom aufzuzeigen“, stellt Ringshausen fest. Italienische Bauleute könnten auch im Wien des 15. Jahrhunderts unter dem dortigen Meister Michael „Maria am Gestade“ mitgestaltet haben, Gerthener kannte die dortigen Kuppeln oder deren Vorbilder am Prager Dom unter Peter Parler.

Der Kunsthistoriker Ringshausen, der erstmals in einer theologischen Seminararbeit mit Madern Gerthener konfrontiert wurde, gliedert seine Monografie in zwei Teile: In Teil A beschreibt er in Anlehnung an seine frühere Dissertation ausführlich den Frankfurter Dom, den Eschenheimer Turm und den Westchor der Katharinenkirche zu Oppenheim als urkundlich gesicherte Bauwerke, an denen Gerthener gewirkt hat. Sehr detailliert geht er dabei auch auf die reich geschmückten Domportale mit ihren ausgeklügelten Gewölbekonstruktionen sowie die vielteilige Helmarchitektur des Eschenheimer Turms ein.

Neu untersucht Ringshausen in Teil B all jene Bau- und Kunstwerke, die Gerthener aufgrund der Stilistik und historischen Überlieferung zugeschrieben werden: Hierin werden neben dem Nürnberger Hof, der Liebfrauenkirche und dem Chor der Sankt Leonhardskirche auch zahlreiche Frankfurter Grabmäler dokumentiert, außerdem Bauarbeiten am Mainzer Dom, der Sakristei des Speyerer Doms und am mittelalterlichen Ruprechtsbau des Heidelberger Schlosses. Ringshausen stützte sich dabei auch auf den umfangreichen Bestand des Frankfurter Stadtarchivs, um das Wirken Gertheners zu erforschen, der erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts auch international gewürdigt wird. „Wir haben wohl kaum ein spätgotisches Bauwerk, das nicht irgendwie die Handschrift des Frankfurter Stadtbaumeisters trägt“, findet die Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte Evelyn Brockhoff. Doch Ringshausen gießt etwas Wasser in den Wein: „Ausgerechnet der Chor des Karmeliterklosters ist wohl erst einem späteren Baumeister zuzuschreiben.“

Ringshausens Monografie zu Madern Gerthener ist als Band 62 der Studien zur Frankfurter Geschichte bei Henrich Editionen erschienen. Preis: 34,80 Euro

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