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Zum Interview traf FNP-Mitarbeiter Thomas J. Schmidt die Leiterin des Straßenbauamts Michaela Kraft in ihrem Büro.

Das Montags-Interview

„Der Stau ist Ausdruck der Expansion“

Michaela Kraft ist seit einem halben Jahr Leiterin des Amts für Straßenbau und Erschließung. FNP-Mitarbeiter Thomas J. Schmidt hat mit ihr über ihre Aufgaben gesprochen, über Baustellen in der Stadt, kaputte Brücken und fehlende Parkplätze.

Ihre Vorgängerin – Gabriele Dehmer – war eine Frau, Sie sind eine. Sie leiten das Amt für Straßenbau und Erschließung, haben sehr handfeste Aufgaben. Schlaglöcher und Straßensperrungen sind fest in Frauenhand. Wann gibt es bei Ihnen den ersten Männerbeauftragten?

MICHAELA KRAFT (lacht): Von sieben Abteilungsleitungen gibt es eine Frau. Wir könnten noch etwas daran arbeiten, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen.

Was hat Sie denn gereizt, von Berlin, unserer Hauptstadt, nach Frankfurt zu gehen?

KRAFT: Was mich hier gereizt hat, war, dass die Stellenausschreibung genau auf meine Kenntnisse zugeschnitten war. Ich bin Bauingenieurin, kenne mich mit Tiefbau aus, habe in der Öffentlichkeitsarbeit gearbeitet und eine Ausbildung als Mediatorin, als Vermittlerin also. Die Position als Leiterin des Amts für Straßenbau und Erschließung beinhaltet das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe. Ich habe hier einen großen Mitarbeiterstab und viele Aufgaben.

Was ist in Frankfurt anders als in Berlin? Was fällt Ihnen auf?

KRAFT: Frankfurt prosperiert und entwickelt sich. Wir haben 1450 Kilometer Straße – eine Strecke von hier nach Madrid – zu betreuen. In Berlin ist alles etwas großzügiger gebaut. In Frankfurt wird viel gebaut, aber nicht nur im Straßenbau, sondern auch im Hochbau.

Man steht immer im Stau, wenn irgend einer mal wieder was baut.

KRAFT: Der Stau ist Ausdruck der gegenwärtigen Expansion der Stadt. Alles, was gebaut wird, zieht Infrastrukturmaßnahmen nach sich. Durch mehr Informationen sollen die Bürger frühzeitig erfahren, wo es eng wird in der Stadt – dann kann sich der Verkehrsteilnehmer besser darauf einstellen. Ab wann wird gebaut, wie lange dauert das noch, warum wird eigentlich gebaut: Man kann sich im Internet informieren. Zusätzlich sollen Bauschilder den Verkehrsteilnehmer besser informieren. Es gibt gute Erfahrungen mit LED-Tafeln an der Baustelle.

Aber es muss halt auch gearbeitet werden. Oft genug jedoch sind Straßen gesperrt, und dann ist niemand da und man sieht keine Arbeiter – das soll sich ändern?

KRAFT: Und manchmal gibt es Baustellen, an denen man nichts sieht und trotzdem was passiert – der Asphalt kühlt aus oder Beton härtet aus. Offensive, transparente Öffentlichkeitsarbeit ist für Bürger wichtig. Man muss immer auch abwägen, ob man durch einen Zwei-Schicht-Betrieb die Baumaßnahmen beschleunigen kann.

Wie sind Frankfurts Straßen aufgestellt?

KRAFT: Wir haben 1450 Kilometer Strecke. Einige Straßen müssen saniert werden, aber wir haben auch einen großen Teil, die in einem sehr guten Zustand sind. Was wir für alle Straßen sagen können, ist: Sie sind verkehrssicher.

Wofür ist das Amt für Straßenbau und Erschließung zuständig?

KRAFT: Das Amt löst vielfältige Aufgaben. Wenn neue Baugebiete erschlossen werden, sind wir für die Infrastruktur zuständig. Wir sind für den Erhalt der Straßen, Brücken und Tunnel zuständig und sogar – das war eines der ersten Dinge, die mir in Frankfurt aufgefallen sind – für die Bücherschränke im öffentlichen Raum. Eine tolle Sache.

Hauptsaison für Straßenbauarbeiten sind die Sommerferien. Da sind viele in Urlaub, es gibt weniger Pendler. Wie sind Sie im Zeitplan mit den Bauarbeiten, Stand 15. August?

KRAFT: Wir sind bei fast allen Projekten im Zeitplan, haben manche bereits termingerecht fertiggestellt, die Oeserstraße zum Beispiel am 5. August.

Stichwort Straßenerhaltung. Es gibt einen Berg an Maßnahmen, der sich vor Ihnen auftürmt. Vieles hat sich angesammelt. Wieviel Geld brauchen Sie, wieviel haben Sie?

KRAFT: Rechnerisch genügen 1,10 Euro pro Quadratmeter und Jahr, um die Straßen zu erhalten. Reine Erhaltung, ohne Investitionen. Frankfurt gibt rund 17 Millionen Euro pro Jahr für die Erhaltung aus und hat 21 Millionen Quadratmeter Fläche zu betreuen. Damit wären wir bei 82 Cent pro Quadratmeter und Jahr. Hinzu kommen noch Mittel für neue Investitionen, etwa für grundhafte Erneuerungen. Im Bundesvergleich steht Frankfurt gut da.

Wenn Brücken kaputt sind, bricht der Verkehr zusammen. Wie ist der Zustand der Brücken?

KRAFT: Viele Brücken wurden erneuert beziehungsweise neu gebaut, zuletzt die Honsellbrücke in der Nähe der Europäischen Zentralbank – sie ist ganz neu. In diesem Jahr stehen an einigen Brücken Bauarbeiten an. Am gravierendsten sind die Schäden und die Bauarbeiten in der Hanauer Landstraße. Dort soll 2017 ein Neubau beginnen.

Das ist eine Eisenbahnbrücke.

KRAFT: Nein, es ist eine Brücke im Zuge der Hanauer Landstraße über die Hafenbahn. Es stört natürlich, wenn sie, wie jetzt, nur mit Tempo 30 überquert werden kann.

Kann man denn sagen, wir bräuchten eine Summe X, um die entstandenen Schäden zu beheben?

KRAFT: Nein, es ist ein Prozess. Wir werden sukzessive über die Jahre die Straßen ausbauen und instandsetzen.

Sie haben in der Vergangenheit viel Glück gehabt, weil es kaum noch Frost gab und sich deshalb die Straßenschäden in Grenzen hielten. Der Klimawandel ist da.

KRAFT: Man muss unterscheiden. Wenn eine komplette Deckschicht erneuert wurde, richtet der Frost keinen Schaden an. Ältere Straßen, wo schon Risse entstanden sind, durch die Wasser eindringen und dann auffrieren kann, werden auch in Zukunft frostempfindlich bleiben. Aber wir sind so schnell, dass wir auch kleinere Schäden sofort beheben, und zwar auch großflächig – also nicht nur ein weiteres „Pflaster“, sondern gleich eine neue Decke.

Wie viele Baustellen gibt es in Frankfurt jährlich?

KRAFT: Im Straßenbau haben wir dieses Jahr mehr als 80 Maßnahmen. Aber das ist nicht alles. Zusätzlich gibt es Hochbaumaßnahmen. Bei all diesen Maßnahmen wird häufig die Fahrspur eingeschränkt. Wir haben aber auch Baustellen im Tiefbau für Entwässerungsanlagen, Telekommunikation etc. und Energieversorgung, und dann gibt es auch noch die Verkehrsgesellschaft, die viele Haltestellen derzeit barrierefrei ausbaut – all diese Baumaßnahmen kommen zu unseren Baustellen hinzu.

Baut jeder vor sich hin?

KRAFT: Nein, es gibt Koordinierungsrunden mit allen Ämtern, es gibt eine Infrastrukurrunde – Bauarbeiten sollen möglichst aus einem Guss erledigt werden. Beispiel Hanauer Landstraße, Sie hatten berichtet, wo Stadtentwässerung, Verkehrsgesellschaft und wir, der Straßenbau, unsere Terminpläne abstimmen müssen. Die jährlichen Arbeitsprogramme werden frühzeitig mit allen Beteiligten abgestimmt. Dennoch, Baustellen stören, und wir sind auf das Verständnis der Bürger angewiesen. Raschere Bauarbeiten sind unser Ziel.

Ich bin Autofahrer. Mir fällt auf, es gibt zu viele Autos, zu wenige Parkplätze. Aber es gibt Platz für jeden sonstigen Wunsch. Immer müssen wir Autofahrer zurückstecken! Sind die Prioritäten richtig gesetzt? Wir sind schließlich die Mehrheit!

KRAFT: Für unser Amt ist es wichtig, die Interessen aller Beteiligten im Straßenverkehr zu berücksichtigen und in unsere Planungen aufzunehmen. Das sind einerseits die Anwohner, Fußgänger und Radfahrer – und auch die Autofahrer. Für Fahrradfahrer gibt es immer mehr Fahrradangebotsstreifen, die nicht baulich von der Fahrbahn abgetrennt sind. Wenn keine Radler da sind, sind sie Teil der Autostraße.

Ein großes Problem ist der Verkehrslärm. Wir haben nachts Tempo 30 auf wichtigen Einfahrtstraßen. Was bringt der Flüsterasphalt?

KRAFT: Es gibt in Frankfurt seit Jahren lärmoptimierte Asphalte, die eingesetzt werden. Das bringt in jedem Fall eine Lärmminderung.

Was sind die Erfahrungen mit diesem Asphalt?

KRAFT: Es gibt Vor- und Nachteile: Nachteile sind, dass er nicht so lange hält wie eine normale Deckschicht. Außerdem ist er teurer. Der Vorteil ist: Er bringt drei bis vier Dezibel Lärmreduzierung. Bereits bei zwei Dezibel hört man den Unterschied. Das ist schon ordentlich. Wir werden weitere Maßnahmen ergreifen.

Gibt es weitere Möglichkeiten, den Lärm zu verringern?

KRAFT: Seitens der Fahrzeuge geht der Rollwiderstand vom Reifen aus. Hier ist die Forschung abzuwarten.

Ich habe auch den Eindruck, die Leute ziehen in die Stadt, weil sie hier alles in der Nähe haben. Aber wenn es laut ist, es keine Parkplätze gibt, dann fordern sie Zustände wie im Dorf im Taunus. Sind wir zu anspruchsvoll?

KRAFT: Traum eines jeden ist es: Vorne die Aussicht aufs Meer und hinten die Alpen und alles mitten in der Großstadt!

Sie hatten in Berlin mit Bürgerbeschwerden zu tun, Sie haben in Frankfurt damit zu tun. Wie viele Beschwerden gibt es?

KRAFT: Zwischen 800 und 1000 parlamentarische Anfragen gibt es pro Jahr. Diese hohe Anzahl zeigt auch das Engagement der Bürger. Die Partizipation der Bürgerschaft an Veränderungen ihrer Stadt ist auch gut so.

Noch mal zurück zu den Parkplätzen. Mich ärgert es ein wenig, wenn ich sehe, dass knapper Parkraum noch zusätzlich durch neue Bäume verringert wird. Muss das denn auch noch sein?

KRAFT: Im heißen Sommer ist man in Frankfurt um jeden schattenspendenden Baum froh. Wir haben unsere Planung mit allen Beteiligten entwickelt. Die Gesamtlösung stellt oft einen Kompromiss zwischen den Beteiligten dar.

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