?Hartnäckig? nennt Stefan Mumme sein Engagement. Wo immer und wie immer in Frankfurt moderne Kunst präsentiert wird ist er garantiert dabei.
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?Hartnäckig? nennt Stefan Mumme sein Engagement. Wo immer und wie immer in Frankfurt moderne Kunst präsentiert wird ist er garantiert dabei.

Der Rote Faden

Stefan Mumme: Der Theateranwalt

Viele Gänse. Viele Leute. Jedes Jahr, in der Regel am letzten Wochenende vor Weihnachten findet im Hause Reschke/Mumme ein mittlerweile schon traditionelles Gänse-Essen statt. Und jedes Jahr dasselbe Ritual.

Viele Gänse. Viele Leute. Jedes Jahr, in der Regel am letzten Wochenende vor Weihnachten findet im Hause Reschke/Mumme ein mittlerweile schon traditionelles Gänse-Essen statt. Und jedes Jahr dasselbe Ritual. Und immer denkt man, diesmal, leider, gehen die wunderbaren Gänse ohne uns über die Bühne. Doch dann, drei, selten vier Tage vor dem Ereignis, kommt endlich die kaum noch erwartete Mail: „könnt Ihr?“

Das ganze Haus ist umgestaltet. Außen geschmückt, mit Lichterketten, innen kräftig umgeräumt, um Platz zu schaffen. Es ist knackevoll. Schon im Flur kommt man kaum durch. Man sitzt, Glück oder Geduld sind dazu aber erst einmal nötig, an einem ewig langen Tisch, der sich früher sogar durch zwei Zimmer erstreckt hat, in der ganzen Breite des Hauses. Im vorderen Zimmer sind neuerdings einige Stehtische aufgebaut. Bekannte Gesichter, kaum gemischte Gefühle. Denn alles dreht sich irgendwie um Kunst und Literatur und Musik. Ein bisschen auch, ganz am Rand, um die Frankfurter Sportgemeinde Eintracht (SGE), nicht nur dank Mummes Schwager und Schwiegervater, die da schwer engagiert sind. Sonst: Theaterleute, Architekten, Musiker, Schriftsteller, Kulturmanager, Kritiker, Rechtsanwälte, Komponisten und Lektoren, also durch die Bank Leute, die nichts mit Banken zu tun haben, sondern eher (deren) Geld ausgeben als verdienen. Die Bandbreite der Gänse-Liebhaber, die sich an der Gästeliste ablesen lässt, zeigt, wie im Spiegelbild, bei wem die ganzen Leute eingeladen sind. Annette Reschke, die Frau des Hauses und die Mutter von vier großen Mädchen, zwischen 14 und 20 Jahre alt, arbeitet als Lektorin im (Theater-)Verlag der Autoren.

Den Tag verlängert

Stefan Mumme, der Held unserer Geschichte, Vater dieser Mädchen, arbeitet auch und das wahrlich nicht wenig. Sollte man sagen, was er arbeitet, beginnen schon die Schwierigkeiten. Er ist allerdings viel unterwegs, wirkt aber nie gehetzt. Wenn er nicht, was keineswegs selten vorkommt, mit seinen Kindern spielt. Im Sommer sieht man ihn regelmäßig auf dem Tennisplatz. Letzte Woche, als ich ihn anrief, würfelte er gerade mit seinen Kindern, worum auch immer. Er hat offenbar, wozu natürlich ein besonderes Geschick gehört, seinen Tag irgendwie verlängert. Mit 24 Stunden könnte er gar nicht auskommen. Nur: was er arbeitet? Tja?

Der Mann, 1958 geboren, stammt aus Hildesheim. Die Stadt war lange nach Kriegsende noch von den Folgen einer Bombennacht gezeichnet. Auch den Nachgeborenen ist eine traumatische Nacht am Ende des Zweiten Weltkriegs ins Gedächtnis gebrannt.

Ein britisches Bombengeschwader auf dem Weg nach Ostdeutschland machte, wie Militärhistoriker später herausfanden, wenige Kilometer hinter der Stadt wegen einer Schlechtwetterfront wieder kehrt, und lud die Bomben mit nachhaltiger Wirkung über Hildesheim ab. Mag sein, dass Mumme deshalb den Dienst an der Waffe verweigert hat. Auf jeden Fall leistete er nach dem Abitur seinen Ersatzdienst ab. „Danach wollte ich zum Theater. Mein Vater sagte: Nein!“ Erst studieren, dann probieren. Und der Sohn fügte sich, so schien es, gehorsam.

Stefan Mumme schrieb sich ein an der Freiburger Universität, Rechtswissenschaften. Tatsächlich aber spielte er Kabarett und Theater, und verdiente dabei recht ordentlich. Die Räume wurden von der Uni gestellt. Sie spielten zu dritt, zu viert. Bühnenbilder bzw. Dekoration waren eher nur angedeutet. Das Eintrittsgeld dagegen so real wie ordentlich. Es kamen bis zu dreihundert Zuschauer. Da blieb für die kleine Gruppe schon einiges hängen. In Vorlesungen oder Seminaren galt Mumme dagegen als seltener Gast. Trotzdem machte er nach und nach, ohne sich zu überstürzen, die nötigen Scheine.

Am Freiburger Staatstheater wurde dem jungen Studenten eine Regieassistenz angeboten, die in eine feste Anstellung mündete. Nachdem er schon einmal als Pannenhelfer in der Endphase einer Regie eingesprungen war, bot ihm der Intendant an, ein Stück selbstständig zu inszenieren. Mumme, schon glücklich darüber, zumal er ein Vertragsangebot aus Basel abgelehnt hatte, wollte aber für die Hauptrolle einen bestimmten Schauspieler haben. Der wurde ihm zugesagt. Unmittelbar vor Beginn der Proben sah er plötzlich auf dem Besetzungszettel, dass sein Mann für ein anderes Stück eingesetzt worden war. Mumme stürzte in das Büro des Intendanten, der druckste herum, ließ schließlich den anderen Regisseur holen, der aber ebenfalls nicht auf den Schauspieler verzichten wollte. Da fragte der Intendant den jungen Mumme: Haben Sie eigentlich eine schriftliche Zusage? Mumme antwortete nicht einmal. Er ging, machte bald darauf sein erstes juristisches Examen und bewarb sich schließlich, in der Nähe seiner Heimat, an dem berühmten Oberlandesgericht Celle (OLG Celle ist für jeden Juristen ein Begriff).

Am Freiburger Theater noch hatte Mumme seine spätere Frau, Annette Reschke, kennengelernt. Die junge Studentin war als Hospitantin in der Regie untergekommen. Das hieß für sie, wie für alle diese Geschöpfe überall in der Welt, sich erst einmal, klaglos natürlich, mit niederen Diensten zu bewähren. So war sie mal wieder zum Kaffeeholen geschickt worden und gerade, mit einem vollen Tablett, auf dem Rückweg zur Probebühne. Wie genau, ist bis heute nicht endgültig geklärt, auf jeden Fall schlug ihr eine zurückschlagende Tür das Tablett aus der Hand. Was sich auf dem Tablett befand, fiel zu Boden. Tassen und Untertassen gingen dabei zu Bruch, der Kaffee verteilte sich auf breiter Fläche. Das junge Mädchen stand etwas hilflos inmitten ihrer Bescherung. Ein Mann, nicht viel älter, kam ihr zu Hilfe. Ein Einsatz mit Langzeitwirkung; das Ergebnis: vier Mädchen und eine Ehe, die schwungvoll auf die silberne Hochzeit zusteuert. Mumme bekennt: „Der Beruf hat uns dann beide nach Frankfurt verschlagen, aber wir sind wie unsere Kinder begeisterte Frankfurter geworden.“

Ganz so schnell ging es aber nicht.

Entlassungsschreiben

Damals war auch die juristische Ausbildung noch etwas luftiger angelegt. Die Referendare erschienen ein, maximal zweimal pro Woche beim Gericht, ohne sich dort länger aufzuhalten, nahmen eine Akte mit und gaben sie in der folgenden Woche mit einer kurzen Stellungnahme wieder zurück. Die Referendarzeit, auch nur spärlich vergütet, dauerte Jahre, bis zu drei, auch dreieinhalb Jahren. Gesichert wurde auf diese Weise, als offenbar nicht unerwünschte Nebenfolge, dass sich nicht jeder eine solche juristische Ausbildung leisten konnte. Für Mumme freilich überhaupt kein Problem. Denn längst hatte er im Westen der Republik wieder an einem Theater angeheuert. Bis ihn eines schönen Tages sein Kammervorsitzender kommen ließ, ihm einen Brief übergab, und trocken meinte: „Das war’s dann wohl.“ Mumme hielt, durchaus überrascht, sein Entlassungsschreiben in der Hand. Kündigungsgrund: Nebentätigkeit ohne Genehmigung. Er staunte. Fragte dann aber, ziemlich kleinlaut, ob es denn keine Möglichkeit mehr für ihn gäbe. Denn ohne zweites Examen ist das ganze Jurastudium für die Katz. Der Richter ließ sich tatsächlich erweichen und nahm seinem Referendar das Versprechen ab, keinerlei Nebentätigkeiten, ob am Theater oder anderswo, mehr auszuüben. Kurz und gut, Mumme legte auch das zweite juristisches Staatsexamen ab, verließ freilich Celle bei der ersten Gelegenheit und ist seitdem Volljurist, ohne aber dem Theater dauerhaft zu entsagen.

’Hans-Dampf-in-allen-Gassen’ wäre ein verkehrter Ausdruck, er ist eher, solide ausgestattet, ein Wanderer zwischen den Welten geworden. Zwischen Kunst und Kommerz, zwischen kodifiziertem Recht und künstlerischer Kreativität.

Er hat sich spezialisiert auf Urheberrecht, und all das, was mit Herstellung, Vermittlung, Verbreitung von Kunst und Künsten zu tun hat. Das macht ihn fürs Theater attraktiv für Schriftsteller und Künstler, für Verlage, für den ganzen Kunstbereich. Da hat er sich, wie man sagt, einen Namen gemacht. Und: gut zu tun. Er kennt Gott und Welt, bewegt sich aber eher im Hintergrund, und würde, von seiner hell strahlenden Glatze mal abgesehen, oft gar nicht auffallen, wäre da nicht sein schallendes Lachen, nicht donnernd, dazu ist es zu sonor, doch raumgreifend durchdringend ist es schon. Erst kürzlich, nach einer Premiere im Frankfurter Schauspiel, hörte ich dieses Lachen und wusste, dahinten steht Stefan Mumme, jetzt kann ich ihn ansprechen auf den „Roten Faden“ in der Neuen Presse.

Von 1990 bis 1993 arbeitete Mumme als Justiziar beim Deutschen Bühnenverein in Bonn. Danach wurde er zum Geschäftsführenden Direktor (Co-Intendant) des Berliner Schiller-Theaters berufen. Ein Mords-Job. Ein berühmtes Haus mit großer Tradition. Hier hatte Samuel Beckett höchstpersönlich sein berühmtestes Stück „Warten auf Godot“ inszeniert. Hier hatte Gründgens auf der Bühne gestanden. Der Etat des Theaters war vom Berliner Abgeordnetenhaus bewilligt. Das Ensemble war verpflichtet, dazu gehörten Sabine Sinjen und der große Bernhard Minetti. Die beiden Intendanten arbeiteten mit Vor-Verträgen an ihrem ambitionierten Programm. Die Sache ließ sich bestens an – bis, sozusagen über Nacht, auf Anordnung des Senats das Theater geschlossen wurde. Sparmaßnahme. Der verantwortliche Kultursenator Roloff-Momin ging als „Schiller-Killer“ in die Theatergeschichte ein. Schluss. Aus. Fertig.

Zum Glück für uns Frankfurter war damit auch die hoffnungslos verschuldete Hauptstadt für den geschassten Co-Intendanten endgültig gestorben.

Stefan Mumme kam 1994 nach Frankfurt, gründete hier die Kanzlei Mumme & Flock und engagierte sich im ,kulturellen Leben’ unserer Stadt. Und zwar nicht für den üblichen Kulturbetrieb, den Mainstream, für das, was durchgesetzt und allgemein akzeptiert ist, sondern für experimentelle, avancierte, gattungsüberschreitende Kunst, die nicht von vorneherein auf ein breites Publikumsinteresse rechnen darf. Mumme dient gewissermaßen als Schwungrad in diesem Betrieb, der jede Unterstützung brauchen kann. Ältere Zeitgenossen werden sich sehr wohl noch daran erinnern, dass selbst ein Picasso oder ein Paul Klee, ein Günter Grass und sogar Martin Walser als Schmier- und Schmutzfinken beiseite gewischt worden sind. Neue Kunst und vor allem Neue Musik mussten sich ihren Platz erst erkämpfen. Dass dieser Prozess nicht gestoppt wird, dafür arbeitet Mumme. Es geht ihm also um die Kunst von Morgen. Dafür arbeitet er mit enormer Energie, mit einem bewundernswerten Engagement und, auch das zeichnet ihn aus, mit langem Atem. Federführend ist er für den Kulturcampus Bockenheim unterwegs. Auf dem alten Uni-Gelände, das mehr und mehr frei geworden ist, soll etwas entstehen, was nahezu beispiellos ist, in Deutschland, in Europa, in der Welt. Eine Vielzahl von renommierten Institutionen, darunter die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, das Institut für Sozialforschung, das Ensemble Modern, das Frankfurt LAB, die Junge Deutsche Philharmonie, The Forsythe Company, usw., usw. haben sich zu dem „Forum Kulturcampus“ zusammengeschlossen. Der Vorsitzende dieser Initiative ist, man muss nicht lange raten, Stefan Mumme. „Hartnäckig“ nennt er sein Engagement: „Ich bin froh, dass einige Politiker in Stadt und Land erkannt haben, dass dieses Projekt für Frankfurt und die Region eine ebenso zukunftsweisende Dimension haben wird wie das Museumsufer.“

Wo auch immer in Frankfurt und in der näheren Umgebung etwas Ungewöhnliches stattfindet, da kann man risikolos wetten, dass Stefan Mumme dabei seine Hände (und darüberhinaus sein Köpfchen) im Spiel hat. Als Initiator, mehr noch als Organisator, vor allem aber als Ermöglicher moderner Kunst.

Kunst als Ausdruck

Seit 2013 ist er Geschäftsführer der „BHF-Bank Stiftung“, die sich, da zeigt sich seine Handschrift, einem „Laboratorium der Künste“ verpflichtet sieht. Das Vorhaben: die Entstehung und Vermittlung neuer künstlerischer Ausdrucksweisen zu fördern, sich für den Erhalt und die Erweiterung künstlerischer Spielräume einzusetzen.

Gestern, am 27. Januar, ist das Programm der „frankfurter positionen 2017“ angelaufen. Ein Festival, das spartenübergreifend neue Werke zeitgenössischer Künstler und Gruppen im Künstlerhaus Mousonturm, dem Frankfurt LAB, in der Schmidtstraße 12, im Kammerspiel des Schauspiel Frankfurt und in der Dependence des Museums für moderne Kunst, MKK 1, in der Domstraße 10, präsentiert. „Es ist für mich wieder so spannend wie beim ersten Festival 2001.“

Alle diese Veranstaltungen stehen unter einer übergreifenden Fragestellung: „Ich Reloaded – Das Subjekt im digitalen Netz.“

Theater, Konzerte, Ausstellungen, Tanz. Verschiedene Fachjurys haben die Künstler bzw. Gruppen ausgewählt, darunter das Ensemble Modern, den österreichischen Autor Clemens J. Setz (mit seinem Stück „Vereinte Nationen“), die Tänzer Eisa Jocson, Verena Billinger und Sebastian Schulz. Das Institut für Sozialforschung beteiligt sich mit Vorträgen zum „Selbst im digitalen Netz“. Ein ambitioniertes Programm. „Bei jedem Durchgang vergibt die BHF-BANK-Stiftung neue Werkverträge zu einem Leitthema, so dass es immer ungewiss und überraschend ist, wie und welche Positionen tatsächlich bezogen werden.“

Was früher Kirche und Hochadel gefördert haben, wird heute vielfach von solchen Stiftungen getragen: Die Kunst von morgen. Nur braucht man dazu auch Leute, die das Rad drehen, das für solche Zwecke bewegt werden muss. Stefan Mumme ist solch ein Typ. Er macht seine Arbeit – hörbar – mit Vergnügen.

Wer bei einer dieser Veranstaltungen, egal ob vorher oder hinterher, sonores, schallendes Gelächter hört, der wird irgendwo sicher auch einen schlanken Glatzkopf entdecken, meist im Gespräch mit einer der künstlerischen Größen unserer Gegenwart. Ihn – unseren Anwalt fürs Theater: Stefan Mumme.

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