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Peter Feldmann war mit Amtskette gekommen, Festredner Daniel Cohn-Bendit im offenen Hemd. Am Ende gab?s stehende Ovationen.

Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Paulskirche

Stehender Applaus für umstrittenen Festredner Cohn-Bendit

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Beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Paulskirche hat Daniel Cohn-Bendit (Grüne) ein engagiertes Plädoyer für die europäische Einigung gehalten. Seiner Rede hörten allerdings nur wenige CDU-Politiker zu.

In den ersten Reihen der Paulskirche war eine deutliche rot-grüne Mehrheit zu erkennen: Der Rede des früheren Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit zum Tag der Deutschen Einheit hörten nur wenige CDU-Politiker zu. Bürgermeister Uwe Becker, Ex-Kämmerer Ernst Gerhardt, Stadtrat Lutz Raettig – das war’s. Mehrere Parteimitglieder hatten in den vergangenen Wochen die Einladung es Grünen-Politikers scharf kritisiert und einen Boykott der Veranstaltung angekündigt. Im Internet war die anonyme Empörung noch größer, es soll sogar Morddrohungen gegen Cohn-Bendit gegeben haben.

„Es ist schön, Dany, dass Du da bist“, begrüßte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) in vertrautem Ton den Festredner, den er selbst eingeladen hatte. Er verwies darauf, dass die Paulskirche auch ein Symbol für die freie Rede sei. Cohn-Bendit personifiziere „die Einheit aus Frankfurt und Europa“.

Erstmals waren bei dem Festakt neben dem Rednerpult zwei Europaflaggen aufgestellt – eine Initiative des SPD-Stadtverordneten Eugen Emmerling. Cohn-Bendit, der die deutsche und die französische Staatsbürgerschaft besitzt, sprach denn auch nicht nur über die deutsche, sondern auch über die europäische Einigung. Die „verehrten Skeptiker“, die er ausdrücklich begrüßte, waren gar nicht erst gekommen. Dennoch war die Paulskirche fast komplett gefüllt.

Cohn-Bendit stand leger im offenen Hemd am Rednerpult, hielt eine engagierte, humorvolle und auch emotionale Rede. Er kämpfte mit den Tränen, als er auf das Attentat von Nizza zu sprechen kam, das die Franzosen traf, als sie ihren Nationalfeiertag ausgelassen feiern wollten. Die Deutschen hingegen nähmen den 3. Oktober nicht als richtigen Feiertag wahr, was nach Ansicht Cohn-Bendits auch daran liegt, dass das Datum vor allem an einen „bürokratischen Akt“ erinnere. Deutschlands wahrer Schicksalstag sei der 9. November, der Tag des Mauerfalls. „Die Menschen in der DDR haben sich von einer Diktatur befreit“, sagte er, warnte aber auch vor einem leichtfertigen Gebrauch des Slogans „Wir sind das Volk“. Das Volk habe nicht immer recht – in den 50er Jahren etwa hätte es bei einer Volksabstimmung in Frankreich keine Mehrheit für eine Aussöhnung mit Deutschland gegeben.

Diese aber habe die Grundlage geschaffen für die europäische Einigung – und später auch für die deutsche Einheit. Frankreich habe dieser nur unter der Bedingung zugestimmt, dass es zu einer vertieften europäischen Zusammenarbeit kommt. Den Euro versteht Cohn-Bendit deshalb auch als eine Folge der Wiedervereinigung.

Der Grüne lobte ausdrücklich die europapolitischen Leistungen von CDU-Politikern wie Konrad Adenauer oder Helmut Kohl und plädierte dafür, die europäische Zusammenarbeit weiter zu intensivieren. Nicht nur, um den Frieden auf dem Kontinent zu sichern, sondern auch, um die Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen. „Wir müssen die Nationalstaaten überwinden“, sagte er und forderte ein europäisches Budget, mit dem eine übergreifende Sozialpolitik und eine europäische Armee finanziert werden sollen. Die Zukunft Europas hänge aber auch vom Umgang mit den Flüchtlingen ab, sagte Cohn-Bendit, der 1989 der erste „Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten“ im Frankfurter Magistrat war. Er stellte sich hinter Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“. Es sei gut, dass es noch Politiker gebe, die solche Ansprüche formulieren.

Mit einem verstärkten Jugendaustausch könne die europäische Idee weiter verbreitet werden, lautet eine Idee des einstigen „roten Dany“. Ein Drittel bis die Hälfte der jungen Menschen werde sich im Austauschland in einen Partner mit Wurzeln aus anderen Ländern verlieben, so seine Prognose. Auf diese Weise entstehe eine „neue europäische Bevölkerung“.

„Das Problem ist nicht Europa,“ sagte Cohn-Bendit. „Das Problem sind wir, die wir nicht bereit sind, europäisch zu denken.“ Aber er sei optimistisch:

„Wir werden es schaffen“

. Am Ende spendete das Publikum Cohn-Bendit stehend Applaus – und der Beifall kam nicht nur aus dem rot-grünen Lager. Bürgermeister Uwe Becker (CDU) sagte: „Man kann zu Daniel Cohn-Bendit stehen, wie man möchte, seine Rede war glänzend und passte zu Tag und Zeit.“

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