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Industriepark Höchst: Infraserv-Belegschaft ist verunsichert – Steht Verkauf bevor?

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Von: Holger Vonhof

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Der Industriepark Höchst, 460 Hektar groß, ist ein Chemie- und Pharmastandort mit rund 22 000 Beschäftigten in mehr als 90 Unternehmen; acht Milliarden Euro wurden seit 2000 dort investiert. Um den Betreiber Infraserv gibt es nun Verkaufsgerüchte. FOTO: Infraserv Höchst
Der Industriepark Höchst, 460 Hektar groß, ist ein Chemie- und Pharmastandort mit rund 22 000 Beschäftigten in mehr als 90 Unternehmen; acht Milliarden Euro wurden seit 2000 dort investiert. Um den Betreiber Infraserv gibt es nun Verkaufsgerüchte. © Infraserv Höchst, 2020

Aufregung in Frankfurt: Gerüchte um den Verkauf des Höchster Industriepark-Betreibers Infraserv schüren bei manchen Beschäftigten Ängste. Und der Konzern schweigt.

Frankfurt - "Mir ist fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen", sagte am Wochenende auf dem Höchster Weihnachtsmarkt eine Industriepark-Mitarbeiterin, die am Dienstag (30.11.2021) ihren letzten Arbeitstag hat. Die Meldung, dass die Eigentümer des Industrieparks Höchst und seiner Betreibergesellschaft Infraserv einen neuen Anlauf starten, Infraserv Höchst zu verkaufen, bietet im Westen von Frankfurt viel Anlass zu Sorge und wird heiß diskutiert.

Infraserv selbst will die Gerüchte um die vom "Handelsblatt" veröffentlichte Meldung nicht befeuern: "Kein Kommentar", sagte Unternehmenssprecher Michael Müller gegenüber dieser Zeitung. Allerdings sind auch nicht längst alle Infraserv-Mitarbeiter aufgeschreckt: "Das habe ich die letzten 20 Jahre schon so oft gehört", sagt einer, der noch in der Hoechst AG gelernt hat.

Industriepark Höchst: Gerüchte um Verkauf von Infraserv – Frankfurter Manager und ihre Visionen

25 Jahre Infraserv - das ist ein Jubiläum, das eigentlich fürs kommende Jahr ansteht. Die Infraserv GmbH & Co. Höchst KG ist die Standort-Betreibergesellschaft des Industrieparks Höchst, hervorgegangen aus der von Hoechst-Manager Jürgen Dormann Ende des 20. Jahrhunderts aufgespaltenen Hoechst AG.

"Wenn die Infraserv verkauft wird, erreicht der ,Manager des Jahres' doch noch sein Ziel", schreibt jedoch in einer Hoechst-Gruppe auf Facebook ein anderer. "Manager des Jahres", das ist der Titel, den das "manager magazin" anno 1995 Jürgen Dormann verpasst hatte. Er habe "den verkrusteten Universal-Chemieanbieter Hoechst zu einem profitablen Pharmaspezialisten" umgebaut und ihn mit Rhône-Poulenc zu Aventis fusioniert. "Wie kaum ein deutscher Vorstandsvorsitzender vor ihm habe Dormann sein Unternehmen durchgeschüttelt und die Vision vom Weltkonzern Schritt für Schritt verwirklicht", urteilte die Jury damals. Einige Firmen später war gerade in der Belegschaft die Ernüchterung groß. Und auch die Zeitschrift "Capital" urteilte 2014, Dormann sei der "erste deutsche Manager, der sich allein auf die Steigerung des Shareholder-Values konzentrierte - auch wenn dabei das Unternehmen unterging."

Frankfurt: Verkaufsgerüchte um Betreiber Infraserv Höchst – Es liegt an Clariant, Sanofi und Celanese

Doch wem gehört Infraserv Höchst eigentlich? Im Prinzip den größten im Industriepark ansässigen Firmen. Komplementär des Unternehmens, also haftender Gesellschafter, ist die Infraserv Verwaltungs GmbH, eine Tochtergesellschaft der Celanese GmbH. Die Hauptanteile gehören der Clariant Group (32 Prozent), Sanofi-Aventis Deutschland (30 Prozent) und der Celanese Group (31,2 Prozent). Basell Polyolefine hat 3 Prozent, die Infraserv-Tochter Infraserv-Logistics 3,8 Prozent.

"Falls Sanofi verkauft, ist das Zeichen dafür, dass Höchst kein Standort bleibt", hört man nun. Allerdings: Celanese, Clariant und Aventis, Vorgänger der französischen Sanofi, hatten schon zur Jahrtausendwende Gespräche über den Verkauf des Standortbetreibers geführt. Das, so wird kolportiert, sei damals nicht am Preis, sondern nur an den Vorstellungen über die Zukunft des Areals, also des ehemaligen Hoechst-Stammwerks, gescheitert. Die drei Haupteigner hätten sicherstellen wollen, dass das Gelände zu ihrem eigenen Nutzen ordentlich weiterentwickelt wird, was die Infrastruktur angehe, also Ent- und Versorgungsfragen, Sicherheit und Umweltschutz. Infraserv hat seitdem nicht nur die Abwasserreinigung und die Abfallentsorgung ausgebaut, sondern auch die Energieversorgung in Autarkie geführt und den Industriepark Höchst zum Vorreiter bei erneuerbaren Energien gemacht - genannt sei nur der Bau der Wasserstofftankstelle für die 27 Regionalzüge der Taunus-Linien RB 11, RB 12, RB 15 und RB 16, die ab Ende 2022 emissionsfrei fahren sollen.

Finanzinvestoren: Der Heuschrecken-Vergleich kam aus Frankfurt

Allerdings gehörte zur damaligen Entscheidung, Infraserv nicht zu verkaufen, offenbar auch die Scheu vor Finanzinvestoren - einem Konstrukt, das vor 20 Jahren in Deutschland noch nicht gang und gäbe war. 2004 dann übernahm die US-amerikanische Investmentgesellschaft Blackstone die Mehrheit an Celanese. Beteiligungsgesellschaften wie Blackstone waren 2005 Anlass für eine Debatte über das "Heuschrecken-Gebaren" der Finanzinvestoren. Angesichts steigender Investitionen in Deutschland nahm damals der Mitgründer und derzeitige Vorstandschef der Blackstone-Gruppe, Stephen A. Schwarzman, darauf Bezug. Er erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Blackstone "eine gute Heuschrecke" sei, denn sein Unternehmen rette schlecht geführte Unternehmen und sichere damit Arbeitsplätze. Laut eigenen Angaben plant Blackstone, verstärkt Geschäfte in Europa zu tätigen.

Frankfurter Industriepark beschäftigt 22.000 Menschen

Angeblich, so berichtet das "Handelsblatt", hätten die drei Haupteigner Investmentbanken wegen des Verkaufs von Infraserv angesprochen - allerdings sei noch keiner Bank ein Mandat erteilt worden. Derzeit sind im Industriepark Höchst rund 22 000 Menschen beschäftigt, der Standortbetreiber Infraserv, zu dem auch der Ausbildungs-Dienstleister Provadis gehört, beschäftigt rund 1900 Mitarbeiter. Infraserv hat sich als Standortbetreiber und Industriedienstleister für die Pharma-, Chemie- und Biotech-Industrie etabliert und viel Anerkennung geerntet. Der Konzernumsatz betrug 2020 etwa 866 Millionen Euro. (Holger Vonhof)

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