Christiane Gog und Ben Klimitz, Gründer von "Die Brücke"

„Das Sterben ist etwas Intimes“

Vor kurzem haben die Mediziner Dr. med. Christiane Gog und Dr. med. Ben Klimitz den Förderverein „Die Brücke“ gegründet. Er setzt sich für Krebspatienten am Universitätsklinikum Frankfurt ein und unterstützt besonders die Palliativmedizin. Ziel ist es, die Betreuung von schwerstkranken Menschen zu verbessern, wie die Ärzte im Gespräch mit FNP-Mitarbeiterin Ute Vetter erläutern.

Wofür steht der Förderverein „Die Brücke“?

BEN KLIMITZ: Wir wollen das Bewusstsein für Palliativmedizin in der Bevölkerung wecken und erklären, wofür sie gut ist. Und wir wollen Mittel akquirieren, um die Versorgung an der Palliativstation der Uni-Klinik zu verbessern.

Wieso erhalten Fördervereine, die sich um Einrichtungen für todkranke Kinder kümmern, meist größere Aufmerksamkeit und mehr Spenden als etwa „Die Brücke“ oder ähnliche Gruppen?

KLIMITZ: Das liegt am emotionalen Zugang der Bevölkerung zum Leid von Kindern. Das ist ganz natürlich, sehr tief verankert und nachvollziehbar. Auch ich als Notarzt bin immer sehr betroffen, wenn es einen pädiatrischen Notfall gibt. Das Leid von Erwachsenen wird manchmal im Vergleich zu dem von Kindern weniger stark beachtet.

Was ist der Unterschied zwischen einer Palliativstation und einem Hospiz?

CHRISTIANE GOG: Wir betreiben hier hauptsächlich Symptomkontrolle, etwa durch eine Schmerztherapie. 90 Prozent unserer Patienten werden aus der Palliativstation entlassen, sei es nach Hause, in eine Pflegeeinrichtung oder eben in ein Hospiz. In einem Hospiz tritt die Sterbebegleitung in den Vordergrund.

KLIMITZ: Das Ziel einer Palliativstation ist es, dass der Patient wieder in sein gewohntes Umfeld kann.

Die Palliativmedizin ist erst seit 2012 Pflichtfach im Medizinstudium. Experten sagen, die volle Wirkung werde sich erst in zehn bis 20 Jahren zeigen. Wieso?

KLIMITZ: Ich glaube, das ist kein spezifisches Problem. Gibt es eine generell neue Richtung – und dazu gehört die Palliativmedizin – setzt sich das eher langsam durch. Das liegt einfach in der Natur der Dinge.

Wie sagt man einem Menschen, dass er nicht mehr lange leben wird?

GOG: Das ist eine schwierige, aber wichtige Information. Man muss bei der Wahrheit bleiben. Ich frage einen Patienten immer zuerst, was er weiß, was er denkt, in welcher Situation der Erkrankung er sich befindet. Die meisten Patienten haben sich doch schon mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Viele sind sogar erleichtert, wenn es endlich mal angesprochen wird.

Verdrängen viele Patienten die Wahrheit?

GOG: Das ist eher selten, manche Betroffene sprechen einfach nur ungern darüber.

Haben die Kranken eher Angst vor dem Tod oder vor möglichen Schmerzen?

GOG: Die Angst vor dem Tod ist eher die Ausnahme. Die meisten fürchten die Zeit davor, denken an Leid, Schmerz, Luftnot. Aber auch der Gedanke, etwa die Familie zurücklassen zu müssen oder Dinge nicht erledigt zu haben, belastet manche Patienten.

Wie wollen die meisten denn sterben?

KLIMITZ: Viele wollen gern im Kreis ihrer Familie und im häuslichen Umfeld sterben.

GOG: Das Gros der Menschen stirbt aber in Krankenhäusern oder Altenheimen. Hospizplätze sind begehrt.

Warum sterben so wenige Menschen zu Hause?

GOG: Daran ist vor allem der gesellschaftliche Wandel schuld, es gibt kaum noch die klassische Großfamilie – und schon gar nicht in Großstädten. In Frankfurt leben nachweislich sehr viele Alleinstehende. Und in Kleinfamilien arbeiten oft beide Partner.

Ist das Sterben „outgesourct“ worden?

GOG: Durchaus. Das Thema Sterben und Tod begleitet uns heute nicht mehr im Alltag. Spezialisten sollen das übernehmen. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die können einfach nicht zu Hause sterben, weil sie zu viele medizinische Probleme haben.

Wie kann die ambulante Palliativversorgung helfen?

GOG: Da kommen spezielle ausgebildete Helfer und Mediziner zu den Patienten ins häusliche Umfeld, um die Versorgung zu Hause zu gewährleisten.

Zu Hause zu sterben ist also erlaubt?

KLIMITZ: Oh ja, es darf jeder Zuhause sterben! Das ist eine ganz wichtige Botschaft. Die meisten Patienten sterben nur darum nicht zu Hause – obwohl sie es möchten –, weil sie Angst haben vor quälenden Beschwerden wie Schmerzen oder Luftnot. Dabei sind diese Ängste nur selten gerechtfertigt, ihnen kann geholfen werden, auch zu Hause.

GOG: Es gibt nur sehr, sehr wenige medizinische Situationen, die verhindern, dass ein Mensch zu Hause sterben kann. Es hapert eher an der mangelnden Pflegesituation – es muss ja jemand aus der Familie rund um die Uhr zu Hause beim Patienten sein. Aber fast alles, was eine palliative Behandlung auf einer Station ausmacht, kann auch zu Hause umgesetzt werden.

Entschlafen Menschen friedlicher, wenn Angehörige dabei sind?

GOG: Das kommt auf die Familienstruktur und den Patienten an. Gibt es gute Bindungen, dann kann es eine Hilfe sein. Aber wir erleben oft, dass jemand stirbt, wenn Angehörige gerade kurz den Raum verlassen haben. Manche haben Stunden und Tage am Bett verharrt, gehen nur einmal kurz hinaus – und genau dann stirbt der Patient. Das ist klassisch.

Hat das etwas mit Loslassen zu tun?

GOG: Möglicherweise. Das Sterben ist etwas sehr Privates, sehr Intimes. Vielleicht wird man dabei nicht gern beobachtet. Vielleicht ist es aber auch ein letzter Liebesdienst für die Familie, dass man ihnen diesen Moment nicht auch noch zumuten möchte.

KLIMITZ: Das ist tatsächlich ein interessantes Phänomen, das beobachten viele Ärzte im Krankenhaus.

„Die Brücke“ sammelt Geld für die Palliativstation – wieso herrscht da Mangel?

KLIMITZ: Das liegt insbesondere am Abrechnungssystem der Krankenkassen. Je länger ein Patient im Krankenhaus liegt, desto weniger lukrativ ist er für die Klinik. Und auf einer Palliativstation liegt ein Patient nun einmal naturgemäß häufig sehr lange.

Wie lange im Schnitt?

GOG: Zehn bis zwölf Tage. Manche sind nur wenige Stunden bei uns und sterben dann, manche sind Monate hier. Die Kassen zahlen ein Zusatzentgelt ab sieben Tagen und bis zu drei Wochen Aufenthalt.

Ist der Tod etwas Individuelles?

GOG: Oh ja, sehr. Oft stirbt der Mensch so, wie er gelebt hat. Die Aktiven, die Kämpfertypen, die brauchen oft ein bisschen länger, ebenso wie die eher Ruhigen, die sich für alles sehr viel Zeit gelassen haben. Die Schnellen, die Radikaleren, die verabschieden sich eher abrupter. So, wie sie gelebt haben.

Wird heute in Frankfurt anders gestorben als früher?

KLIMITZ: Es wird anders erlebt und damit umgegangen. Früher waren die Leichenwagen teils gläsern, jeder sah den Verstorbenen. Heute sieht man nur selten Leichenwagen, und häufig sind die Fenster verkleidet. Viele sehen aus wie Lieferwagen, oft steht da nicht mal mehr der Name einer Pietät drauf.

GOG: In meinen Vorträgen erzähle ich oft von Johann Sebastian Bach, er verlor seine Eltern mit neun Jahren und hatte selbst 19 Kinder, von denen nur acht das Erwachsenenalter erreicht haben. Auch seine erste Frau starb. Dies war kein Einzelschicksal, sondern normal zu jener Zeit. Heute gibt es 60-Jährige, die das erste Mal einen Todesfall hautnah erleben, wenn die eigenen Eltern sterben.

Wird das Thema Tod heute von uns ferngehalten?

GOG: Durchaus. Oft fragen uns Angehörige, ob denn Kinder überhaupt zu Besuch kommen dürfen, ob sie erfahren sollen, dass Oma, Opa, Vater oder Mutter stirbt. Dabei machen das gerade Kinder oft ganz fantastisch, gehen damit besser um.

Inwiefern?

GOG: Sie sind generell unbefangener, natürlicher. Sie setzen sich aufs Bett, plappern, lesen vor, stellen interessierte Fragen. Man muss natürlich vorher mit ihnen darüber sprechen, sie vorbereiten. Aber das gilt nicht für alle Kinder.

Gibt es das „liebevolle Unterlassen“ bei der Pflege eines Todkranken?

KLIMITZ: Definitiv ja. Wir haben sogar streckenweise die Pflicht, in der fortschrittlichen und intensiven Medizin potenziell Mögliches, aber medizinisch nicht Sinnvolles zu unterlassen.

Oft werden morphinhaltige Schmerzmittel nur zögerlich eingesetzt, obwohl sie richtig dosiert gerade bei Atemnot extrem gut helfen können. Warum?

GOG: Viele Patienten verknüpfen solche Medikamente mit dem Endstadium, sie wollen die Gabe darum möglichst sehr lange hinauszögern. Es gibt noch einen erheblichen Wissensmangel in Bezug auf Schmerztherapien.

KLIMITZ: Ich behaupte sogar, dass in der ganz normalen Medizin die Schmerztherapie frevelhaft unzulänglich ist. Viele Ärzte haben große Hemmungen, starke und potente Schmerzmittel, also Opiate, zu denen das Morphin gehört, einzusetzen. Patienten und Behandler befürchten Abhängigkeiten und Nebenwirkungen. Das ist aber ein Trugschluss.

GOG: Genau. Gut eingestellte Patienten sind damit sogar fahrtüchtig! Wir erleben, dass Patienten wieder Hunger haben, die Lebensfreude wieder steigt.

Gibt es ein ambulantes Palliativteam an der Uni-Klinik?

GOG: Wir haben leider kein eigenes Team. In Frankfurt gibt es drei ambulante Teams. Zwei sind an die Krankenhäuser Markus und Nordwest angebunden, das dritte ist eigenständig. Die ambulante Palliativversorgung ist in Frankfurt meistens ausreichend gewährleistet.

In normalen Aufklärungsgesprächen spricht ein Arzt zu 80 bis 90 Prozent. Patienten sind aber am zufriedensten, wenn sie selbst so viel sprechen dürfen und der Arzt nur rund 20 Prozent Gesprächsanteil hat. Wie ist das in der Palliativmedizin?

GOG: Besser. Wir bieten Zeit an, denn hier geht es oft nicht mehr um Behandlungen wie Chemotherapie, Bestrahlung, Operation. Wir hören zu, erklären ausführlich. Das wird von den Kassen aber schlecht vergütet. Allein ein Aufnahmegespräch bei uns dauert mindestens 1,5 Stunden, weil wir die gesamte Lebenssituation des Patienten betrachten. Denn wir bieten eine ganzheitliche Betreuung.

Welche Therapieangebote gehören dazu?

GOG: Entspannungsübungen, Musik- und Kunsttherapie, Aromatherapie, Physio- und Ergotherapie, spirituelle Begleitung und psychoonkologische Betreuung.

Sogar Katzen und Hunde dürfen auf die Station, wenn dies ein Patient wünscht?

GOG: Ja. Gerade für alleinstehende Menschen übernimmt doch ein Haustier oft die Funktion eines Familienangehörigen. Ist ein Tier in einem Zimmer, wird der Patient meist ganz ruhig, benötigt weniger Schmerzmittel, ist zufriedener. Aufgrund dieser guten Erfahrungen bringen wir sogar Therapiehunde zu Patienten, die kein eigenes Haustier mehr haben, sich aber einen solchen Kontakt wünschen. Der Aufwand lohnt sich.

Hier im Aufenthaltsraum der Palliativstation gibt es ein Klavier und einen Fernseher, hübsche Gardinen und Lampen. Bezahlte das der Förderverein „Die Brücke“?

KLIMITZ: Genau, dies gehört zu unseren Aufgaben. Aber wir helfen auch, besondere Behandlungen und Therapien anzubieten.

Sterben alte Menschen friedlicher als junge?

GOG: Nein. Ich erlebe es oft, dass auch alte Menschen nicht gerne gehen. Einige hadern mit Gott. Männer leiden oft unter einem Rollenverlust, haben Sorgen, wie es finanziell mit der Familie weitergeht, denken an ihre Schulden. Junge fragen nach dem Sinn. Ich habe hier eine 17-Jährige begleitet, die sich natürlich fragte, warum sie sterben muss, warum es sie getroffen hat, warum sie ihr Leben nicht leben darf.

Sind Palliativmediziner die besseren Ärzte?

GOG: Nein, sicher nicht. Aber es ist kein einfaches Fach und nicht unbedingt für einen Berufsanfänger geeignet. Man muss erst einmal die klassische kurative Medizin beherrschen.

Warum?

GOG: Um besser abgrenzen zu können, welche Behandlung sinnvoll ist und welche nicht. Zudem ist es eine sehr belastende Arbeit. Wer schon länger als Arzt tätig ist, hat eher seine Strategien gefunden, wie er damit umgeht.

Wie wichtig sind Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten?

GOG: Sehr. Viele erfahren leider erst sehr spät davon, haben sich nie Gedanken darüber gemacht. Viele Angehörige glauben, sie seien automatisch Vertreter des Kranken. Das sind sie aber rechtlich nicht. Die Vorsorgevollmacht ist wichtig, denn manchmal können Patienten ja nicht mehr sprechen oder sich verständlich machen. Es geht zum Beispiel auch um das Aufenthaltsbestimmungsrecht und viele medizinische Fragen.

KLIMITZ: Viel wichtiger ist, dass der verantwortliche Arzt den mutmaßlichen Willen des Patienten erkennt und befolgt. Ob das auf dem Bierdeckel steht oder beim Notar hinterlegt wurde, ist eher sekundär. Die glaubhafte handgeschriebene Geschichte eines Patienten hilft durchaus auch. Das Wichtigste ist: Was der Patient will, das müssen die Ärzte wissen und befolgen.

Was bedeutet der Tod für Sie persönlich?

KLIMITZ: Wirkliche Angst davor habe ich nicht – aber ich gebe zu, dass mich die Ungewissheit des Zeitpunktes und der genauen Umstände durchaus beschäftigt.

GOG: Ich habe keine Vorstellungen dazu und werde mir auch keine machen. Ich lasse es einfach auf mich zukommen, denn ich habe nur wenig Einfluss darauf. Das entscheidet das Schicksal. Eine wichtige Aufgabe der Palliativmedizin ist es deshalb, herauszufinden, was jeder individuelle Mensch für diese Situation benötigt. Manche sterben mit Wut im Bauch oder im Unfrieden. Alles ist möglich, es existiert kein Richtig oder Falsch.

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