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Dieter Ott schaut hinaus in den Garten des Hospiz St. Katharina. Die Ruhe, die er dort findet, gibt ihm etwas Zufriedenheit. Dafür ist er dankbar.

Hospiz St. Katharina

Wo Sterbenskranke Ruhe und psychologischen Beistand finden

Das Hospiz Sankt Katharina begleitet Sterbenskranke auf ihrem letzten Weg. Hier haben die oft kräftezehrenden Behandlungen ein Ende. Die Gäste können noch einmal aufblühen. Dieter Ott ist einer von ihnen und erzählt seine Geschichte.

Dieter Ott sieht die Herbstblätter fallen und die Spatzen an der Futterstelle picken. Von seinem Bett im Hospiz Sankt Katharina zeigt er mit dem Finger hinaus in den Garten und beantwortet mit dieser Geste die Frage, was ihn heute glücklich macht. Seit knapp zwei Wochen ist der 52-Jährige im Hospiz, der wohl letzten Station seines Lebens. Seine wachen Augen und sein gewinnendes Naturell erzählen vom Leben, das leichte Grau seiner Haut, von dem was danach kommt. Einen fairen Kampf gegen den Prostatakrebs hat er nie führen können. Von Anfang an kam der mit Übermacht: Zwölf Metastasen verstreut auf Knochen und Organe. „Wie das heute da drin aussieht, will ich gar nicht wissen.“

Ott ist einer von neun „Gästen“, wie es im Hospiz St. Katharina heißt. 100 bis 120 Menschen betreut das Haus jährlich. Eigentlich gibt es zwölf Betten. Doch dem Hospiz fehlten Pflegekräfte, sagt Markus Johannes Agethen, Leiter der Einrichtung. Pflegepersonal sei knapp und die Arbeit im Hospiz könne wegen der psychischen Belastung nicht jeder leisten. Um die neun Gäste kümmern sich 13 Pfleger, drei Hauswirtschafter, 35 ehrenamtliche Helfer. Der gute Betreuungsschlüssel unterscheidet ein Hospiz von einem Pflegeheim. „Wir haben viel Zeit für die Gäste und ihre Angehörigen“, sagt der Pfleger Patrick Spieß. Er steht neben der Badewanne. Es duftet nach Orange. Ätherische Öle sind Spieß’ Spezialität. Sie entspannten die Gäste, sagt er, Düfte wecken Erinnerungen.

Dieter Ott lässt sich darauf ein. Überhaupt macht er alles mit. „Egal, wer an meine Tür klopft. Es will mir ja jeder nur Gutes“, sagt er. Die erste Woche saß er noch im Rollstuhl. Die nächsten Tage waren geprägt von Schmerzen und Erbrechen. Seit Mittwoch sind die Medikamente aber richtig eingestellt. Er ist weitestgehend schmerzfrei, kann wieder laufen. Viele blühten im Hospiz ein letztes Mal auf, sagt Agethen. So streift Ott durch die in warmen Farben gestrichenen Gänge des Hauses, sitzt im Garten und hält an jeder Ecke einen Plausch mit den Pflegern oder geht eben baden. „Es ist ein ruhiges Leben. Das brauche ich jetzt.“

So war es in seinem Leben nicht immer. In Otts Kindheit in Mainz ist „viel schief gelaufen“. Er will nicht konkreter werden. Wer mit ihm redet, merkt aber, dass „viel schief gelaufen“ eine Untertreibung ist. Er sagt nur, dass er den Kontakt zu seinen Eltern abbrechen musste. Mit 15 Jahren zog er aus, verdiente sein eigenes Geld, erst als Hilfsarbeiter auf Baustellen, später als Disponent in einem Großtanklager. Dass er sterbenskrank ist, wissen seine Eltern nicht. Bis er die Erfahrungen der Kindheit verwunden hat, dauerte es. Auf dem Weg dahin lagen eine Drogenkarriere, verschiedene Therapien. „Erst ab 2014 hatte ich das Gefühl, mit meinem Leben zufrieden sein zu können. Freunde sind zu meiner Familie geworden und ich führte eine ruhiges Leben.“ Im Januar 2016 bekommt er einen Harninfekt, der nicht verschwinden will. Im April kommt die Diagnose: Krebs. „Von Beginn an war klar, dass ich ihn nicht überlebe.“

Otts Leben lässt sich nur etwas verlängern; mit einer Operation und Chemotherapie. „Chemo ist eine unbeschreibbare Hölle aus Schmerzen und Erbrechen“, sagt Ott. Mit Behandlungen und Untersuchungen werden die Gäste im Hospiz nicht mehr belastet.

Seit der Operation, sagt Ott, lebt er in der Nachspielzeit. Für jeden Tag, an dem es ihm gut geht, ist er dankbar. Auch dafür, dass er noch ein paar Dinge regeln konnte. Etwa seine Beerdigung und auch den Streit mit einem Freund. Jahrelang hatten sie nicht miteinander gesprochen. Nach der Diagnose ist er zu ihm gegangen. Die Erkrankung schockierte den Freund und der Schock offenbarte die Nichtigkeit des Zerwürfnisses. „Dass ich sterben werde, hat er noch nicht realisiert“, sagt Ott. „Er will es nicht wahrhaben.“

Otts Freunde sind für ihn da. Sie tragen eine schwere Last. Die Sorgen, die seine Krankheit ihnen bereitet, betrüben ihn mehr als der nahe Tod. Als er noch zu Hause lebte, erledigten die Freunde seinen Haushalt. Das schaffte Ott nicht mehr. „Die schuften den ganzen Tag und abends kümmerten sie sich um mich. Das sollte so nicht sein.“ Das Hospiz entlastet seine Freunde. Das ist für ihn das Wichtigste. Dafür ist er dankbar. Gern, sagt er, hätte er noch mehr vom dem guten Leben nach den harten Jahren gehabt. Doch mit 52 Jahren steht er im Winter seines Lebens. Ott sagt: „Das ist ok.“

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