Bildschirm statt Bühne: Andrea Bender und Tochter Alina freuen sich an ihren Gardemädels von den Stichlingen.
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Bildschirm statt Bühne: Andrea Bender und Tochter Alina freuen sich an ihren Gardemädels von den Stichlingen.

Fastnacht

Stichlinge sitzen auf dem Trockenen

  • vonSabine Schramek
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Die närrische Zeit ist auch in diesem Jahr bei den Karnevalsvereinen wegen Corona eine traurige Zeit. Statt Prunksitzungen, Ladies Night, Kinderfasching und Umzügen ist Stillhalten angesagt. Die kleinen und größeren Tänzerinnen vom Karnevalverein Die Stichlinge 1897 lassen sich trotz der traurigen Zeiten nicht entmutigen und trafen sich jede Woche via Zoom zum Gardetanz im Wohnzimmer.

Niederrad -In echt und live haben sie sich zuletzt im Oktober gesehen. Nicht, wie sonst, auf einer Reise zum Herbst-Trainingslager, sondern bei einer Freizeitwoche für die "Babys", "Kids" und "Teenies" in Frankfurt. Das Clubhaus im Mainfeld steht leer, gemeinsames Training in der Turnhalle geht nicht. Den Spaß verderben lassen sie sich trotzdem nicht und treffen sich deshalb seit drei Wochen via Zoom im Wohnzimmer zum Training.

Vor der Eingangstür der Benders lachen Narren an der Wand. Holzboden, zartes grau und sanftes Rosé mit weiß an den Wänden statt Konfetti und Luftschlangen. Auf dem Tisch mit Blick aus dem Fenster steht ein aufgeklappter Laptop. Andrea Bender (42), die Ministerin für Choreographie in allen Alters- und Geschlechterklassen, kann nur zuschauen, was sich da tut. Ihr Bein ist verletzt. "Passt alles zu den frustrierenden Zeiten", sagt sie und lacht trotzdem. Tochter Alina ist gerade 18 geworden und trägt einen Stichlinge-Trainingsanzug. Auch sie sieht heute nur zu, obwohl sie bereits vor der Geburt im Bauch ihrer Mutter Garde getanzt hat. "Ich muss fürs Abi lernen", sagt sie, bevor sie gebannt auf den Bildschirm schaut, auf dem sich in einer Minute 21 Fenster öffnen.

Zwischen Sofas und Teppichen, Dielen und Wohnzimmern winken und lachen Trainerin Marleen Lüttringhaus und Tänzerinnen von Minis bis Teenies. Flotte Musik macht das Aufwärmen leichter. Es wird auf der Stelle gelaufen, gedehnt, gehopst, Räder werden gedreht und Spagat geübt. Andrea und Alina lächeln selig und beobachten jede Bewegung der fröhlichen Tänzer.

Der Verein hat rund 180 Mitglieder, 100 sind aktiv mit dabei. Sie kommen aus Niederrad, Ginnheim, Griesheim, Sossenheim und Hattersheim. Bei den Benders ist die ganze Familie dabei. Alina hat beim Mercedes-Benz-Cup 2019 den ersten Platz im Solo gewonnen und zeigt stolz den prächtigen Pokal. Papa Andreas ist im Männerballett und im Komitee und Marcel (15) ist natürlich auch dabei. Andrea Bender hat mit drei Jahren das Tanzen angefangen und ist seit 1996 bei den Stichlingen. Ihre ersten Gardestiefel waren Gummistiefel.

Nur im Doppelpack

Viele Jahre später hat sie ihren Mann Andreas "in Sachsenhausen kennengelernt und ihm gesagt, dass er mich nur mit dem Karnevalsverein bekommt." Sie lacht, wenn sie daran denkt. "Es ist so wichtig für das soziale Miteinander und für die Familie", sagt die Kindergärtnerin und zeigt auf den Bildschirm. "Die waren schon alle im Hort bei mir". Insgesamt 15 Erzieher sind bei den Stichlingen dabei. "Eigentlich könnten wir einen eigenen Kindergarten aufmachen, wenn wir das Geld dafür hätten", scherzt sie.

Mutter und Tochter sind froh, dass die Wohnzimmer-Gardetänzer glücklich aussehen. Wehmütig sind die beiden trotzdem. "Es ist bitter, auch dieses Jahr auf Fastnacht verzichten zu müssen. Letztes Jahr wollten wir im Sommer nachfeiern und mit dem ausgefallenen Heringsessen anfangen. Das ging nicht. Dann hatten wir für Oktober geplant und es ging wieder nicht. Jetzt hatten wir überlegt, eine online-Prunksitzung zu machen, aber da kommt ja keine Stimmung auf. Alle sind gefrustet, und dann auf Knopfdruck fröhlich zu sein, ist auch nicht gut. Auch Alina hätte es lieber anders. "Wir muntern uns damit auf, Videos von den letzten Auftritten anzusehen", sagt sie. Aus dem Laptop hört man "Spitze, Hacke, Spitze, Hacke, fünf, sechs, sieben, acht, hoch rüber, hoch rüber". Völlig synchron tanzen 21 Gardemädchen und schmeißen ihre Beine himmelhoch. Als seien sie in einem Raum statt einzeln in ihren Wohnungen. "Hauptsache, sie sind glücklich", sagt Bender und winkt im Takt. Alinas Füße wippen. Vielleicht tanzt sie auch noch mit. SABINE SCHRAMEK

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