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Die EZB gab zunächst auch keinen weiteren Hinweis auf einen schrittweisen Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik.

Geldpolitik

Stoppt die EZB ihre Shopping-Tour?

Der EZB-Rat steht heute vor einer wegweisenden Sitzung: Erstmals wird offiziell über die Zukunft der hierzulande umstrittenen Anleihekäufe über Ende September hinaus diskutiert. Es scheint auf ein Ende der Käufe bis Jahresende hinauszulaufen. Die große Frage ist, ob es heute schon entsprechende Ankündigungen gibt.

Die EZB dürfte Experten zufolge am Donnerstag eine erste Weiche in Richtung Zinswende stellen. Volkswirte halten es für möglich, dass Notenbank-Chef Mario Draghi das bevorstehende Ende der billionenschweren Anleihen-Käufe signalisiert – eine wichtige Vorbedingung für spätere Zinserhöhungen. „Der 14. Juni könnte ein historisches Datum markieren“, sagt NordLB-Ökonom Christian Lips. Seit Frühjahr 2015 sind die Käufe das zentrale Kriseninstrument der EZB, um für mehr Preisauftrieb zu sorgen. Ökonomen rätseln allerdings, ob Draghi & Co. nach dem Treffen in Lettlands Hauptstadt Riga auch konkrete Details nennen oder dies auf die Zinssitzung im Juli vertagen werden.

Die Bank of America Merrill Lynch geht davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) in Aussicht stellen wird, die Transaktionen mit einer kurzen Auslaufphase bis Ende 2018 einzustellen. Mit einem Ausblick auf die künftige Zinsentwicklung rechnet sie noch nicht. „Darauf werden wir noch etwas länger warten müssen, wahrscheinlich bis Juli“, prognostizieren die Experten. Einem Insider zufolge wird die EZB wohl zumindest Hinweise geben, dass die Käufe dieses Jahr enden.

Die EZB erwirbt seit mehr als drei Jahren in großem Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere und will dies noch bis Ende September fortsetzen. Dann werden die in Deutschland umstrittenen Käufe ein Volumen von 2,55 Billionen Euro erreicht haben. Was danach passieren soll, ließ die EZB bislang offen.

Die Leitzinsen liegen seit März 2016 auf dem Rekordtief von null Prozent. Börsianer gehen davon aus, dass die Notenbank frühestens zur Jahresmitte 2019 Schlüsselzinsen anhebt. Die Erwartungen an das Ratstreffen sind hoch, nachdem Peter Praet die Diskussion über das Ende der Anleihen-Käufe öffentlich auf die Sitzungsagenda setzte. Zumal Praet bislang stets für eine expansive Geldpolitik plädiert hat. Der enge Vertraute von Notenbankchef Draghi sieht die EZB inzwischen auf gutem Weg hin zu einer nachhaltig höheren Inflationsrate. Dies hatten die Währungshüter stets als Vorbedingung für die Einstellung der Käufe genannt. Die EZB strebt mittelfristig knapp zwei Prozent als Optimalwert für die Wirtschaft an. Eine besondere Bedeutung kommt bei der heutigen Sitzung den neuen Wachstums- und Inflationsprojektionen des Euroraums zu. Wegen des gestiegenen Ölpreises und des schwächeren Euro zeichnet sich für 2018 und 2019 eine deutliche Aufwärtsrevision der Inflationsprojektionen von zuletzt jeweils 1,4 Prozent ab. Entscheidender dürften aber die Korrekturen an der Kernrate ohne Energie und Lebensmittel sein sowie der Ausblick fürs Jahr 2020. Da lag die letzte Prognose bei 1,7 Prozent.

Im Mai stieg die Teuerung im Währungsraum auf 1,9 Prozent. „Diese Vorlage sollte die EZB nutzen“, rät Zinsexperte Ulf Krauss vom Bankhaus Helaba. Eine Verlängerung der Transaktionen wäre seinen Worten zufolge auch kaum möglich, unter anderem weil die Anleihemärkte leergekauft seien. Aus Sicht der Commerzbank ist zudem die von der EZB gesetzte Ankaufobergrenze in allen großen Euro-Ländern – vor allem in Deutschland – bald erreicht. Helaba-Experte Krauss nennt einen weiteren Grund, warum die EZB den Ausstieg jetzt ankündigen sollte: „Zögert sie mit der Weichenstellung, könnte dies als Reaktion auf die jüngste Entwicklung in Italien angesehen werden, was der Reputation schaden würde.“ In Draghis hoch verschuldetem Heimatland will die neue Regierung aus Lega und 5-Sterne-Bewegung die öffentlichen Ausgaben zur Ankurbelung des Wachstums in die Höhe treiben. Das hatte am Rentenmarkt bereits für Turbulenzen gesorgt.

Allerdings erwarten nicht alle Experten für heute einen großen Schritt der Währungshüter. „Der Rat dürfte zwar das Ende der Netto-Ankäufe diskutieren, jedoch keinen konkreten Beschluss fassen“, äußert BayernLB-Analyst Stefan Kipar. Die EZB bereite jeden Schritt in Zeitlupentempo vor. Kipar setzt eher auf das Zinstreffen am 26. Juli in Frankfurt. Die EZB hat häufig große Entscheidungen in mehreren Stufen vorbereitet. Zuletzt geschah dies 2017.

(rtr,red)

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