Prozess in Frankfurt

Streit vor Frankfurter Club: Ins Gesicht getreten

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Vielleicht hätte er einfach nicht so viel trinken sollen. So aber bekam ein 27 Jahre alter Dekorateur bei einem Besuch der Diskothek „Travolta“ in der Innenstadt im April vergangenen Jahres um fünf Uhr in der Frühe richtig die Jacke voll. Seit gestern muss sich der 24 Jahre alte mutmaßliche Schläger vor dem Amtsgericht verantworten.

Es gibt einen mittlerweile längst pensionierten Amtsrichter, der einmal die Devise ausgab, dass man die Hälfte der Strafrichter getrost in Urlaub schicken könnte, würden nur alle Leute abends zeitig zu Bette gehen. So aber passiert ein gerüttelt Maß aller Straftaten in der Nacht – eingerechnet die Beziehungstaten.

Um eine solche Beziehung zwischen zwei Diskothekengästen, die mit einem dicken Veilchen, einer Gehirnerschütterung und zahllosen abhanden gekommenen Zähnen endete, geht es seit gestern vor dem Amtsgericht. Der 24 Jahre alte Angeklagte, ein Service-Mitarbeiter in der Kneipe der Schwester, hatte beim Besuch des „Travolta“ in der Brönnerstraße (Innenstadt) morgens um fünf Kontakt mit dem späteren Opfer, mit dem er früher auch schon mal freundlicher geredet hatte.

Um was es ging, weiß heute offenbar keiner mehr. Zumindest erfuhren es nicht die Prozessparteien, denn der Angeklagte äußerte sich überhaupt nicht zur Sache, und der Dekorateur hatte wohl schon vor den kräftigen Schlägen einen alkoholbedingten Filmriss erlitten. Jedenfalls ging er gleich zwei Mal zu Boden, wobei im Protokoll der polizeilichen Vernehmung auch etwas von einem Tritt ins Gesicht zu lesen war. „Gefährliche Körperverletzung mit einer das Leben gefährdenden Behandlung“, folgerte daraus die Staatsanwaltschaft und erhob Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung.

Nach der Verlesung der Anklageschrift schüttelten der Angeklagte mit seinem Verteidiger Heinz Jürgen Borowsky nur die Köpfe: Es werde keine Einlassung zur Person und auch nicht zu den Vorwürfen abgegeben. Man musste also in die Beweisaufnahme mit dem als Nebenkläger vertretenen Opfer (der junge Mann will 2000 Euro Schmerzensgeld vom Angeklagten haben) und weiteren Zeuginnen aus der zuweilen recht dämmrigen Disko-Szene eingetreten werden. Am Ende der Vernehmung der zweiten Zeugin entfuhr es dem Staatsanwalt: „Ich bin entsetzt!“. Und dies nicht etwa, weil vielleicht andere, noch schwerere Misshandlungen ans Tageslicht gekommen wären.

Im Gegenteil: Die junge Frau – in der Tatnacht noch schreiend und weinend vor dem Lokal gesehen – wollte nun von dem Tritt ins Gesicht gar nichts mehr bemerkt haben. Wo sie doch noch bei der Polizei ausdrücklich ausgesagt hatte, es sei zugetreten worden. Als der Anklagevertreter die Fassung wieder gewonnen hatte, sprach er von einer „einfachen Körperverletzung“ die nach alldem übrig geblieben sei.

Gleichwohl müsse diese eine Freiheitsstrafe zur Bewährung für den bislang noch unbescholtenen Angeklagten nach sich ziehen – von einer Geldstrafe habe niemand was. Der Verteidiger bemühte sich noch, eine Verfahrenseinstellung gegen Geldzahlung an das Opfer ins Gespräch zu bringen („Die beiden Männer müssen sich doch wieder einmal in die Augen blicken können“), doch der Staatsanwalt blockte infolge der fehlenden Einlassung des Angeklagten rasch ab.

Nun zog Rechtsanwalt Borowsky den zweiten Trumpf, der vorerst stach: Ein Gutachter soll klären, ob die Handverletzung des Opfers tatsächlich von dem Sturz auf den Asphalt stammte oder auf einen eigens geführten Schlag (gegen den Angeklagten) zurückzuführen sei. Dann nämlich ergebe sich rechtlich ein völlig anderes Bild.

Der Richter gab dem Antrag statt und setzte das Verfahren vorläufig aus: „Bis das Gutachten fertig ist, wird es sicherlich nächstes Jahr“. Der verletzte Disco-Gast geht indes eigenen Angaben zufolge nicht mehr abends aus – und trägt damit zum Niedergang von Kriminalität und Strafjustiz bei.

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