Der über die Grenzen von Frankfurt hinaus bekannte Obdachlose „Eisenbahn-Reiner“ und seine berühmten Ausstellungsstücke. (Archivbild)
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Der über die Grenzen von Frankfurt hinaus bekannte Obdachlose „Eisenbahn-Reiner“ und seine berühmten Ausstellungsstücke. (Archivbild)

Diskussion neu entfacht

Streit um berühmten Obdachlosen wieder entflammt – die Hintergründe

  • Matthias Bittner
    VonMatthias Bittner
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  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Der Streit um Eisenbahn-Reiner in Frankfurt wurde neu entfacht. Was dahinter steckt – und wie die Politik zu dem Obdachlosen steht.

Frankfurt - Die Titelmelodie von Pippi Langstrumpf dröhnt aus einem Lautsprecher auf dem Liebfrauenberg. Das kennt jeder. Und automatisch denkt man an die freche Göre mit den roten Zöpfen und ihre Streiche. Was Peter Rubach gleich vorträgt, ist aber kein Kinderkram. Es ist ihm bierernst. Er hat für Freitagmorgen zur Mahnwache geladen. Er fordert ein Bleiberecht für Eisenbahn-Reiner in der Liebfrauenstraße.

Die Duldung von Reiner Schaad, so heißt Eisenbahn-Reiner mit bürgerlichem Namen, unmittelbar vor dem Eingang zum Innenhof des Liebfrauenklosters in Frankfurt sieht der selbstständige Musiker Rubach aktuell gefährdet. Auch weil Bruder Paulus vom Liebfrauenkloster wieder scharf gegen den Wohnungslosen schieße. Das findet er nicht in Ordnung, man müsse auch Menschen mit anderen Lebensansätzen akzeptieren und respektieren. Dieser Grundsatz gelte natürlich auch für Geistliche.

Frankfurt: Mönch fordert Platzverweis für stadtbekannten Obdachlosen

Dem will Bruder Paulus, der auf dem Liebfrauenberg öffentlich mit Rubach Argumente austauscht, auch gar nicht widersprechen. Doch auch Obdachlose müssten sich an Regeln halten. Und das mache Eisenbahn-Reiner eben nicht. Er missachte die Auflagen, baue um 18 Uhr sein Sammelsurium nicht ab und entferne auch seinen Bollerwagen nicht. Im Gegenteil: Er breite sich aus. Deshalb fordert Bruder Paulus in letzter Konsequenz sogar einen Platzverweis.

Dass er Eisenbahn-Reiner die Erlaubnis nicht entziehen werde, hatte Dezernent Klaus Oesterling (SPD) am Donnerstag (15.07.2021) im Stadtparlament angekündigt - und dabei auch kritisiert, dass "der Pater" dem Obdachlosen die Stadtpolizei auf den Hals hetze, statt ihm zu helfen. "Es geht nicht, dass der Dezernent das so ins Lächerliche zieht", greift Mathias Mund, Fraktionschef von BFF/BIG Oesterling dafür an. Akzeptabel sei ein Festhalten an der Erlaubnis nur, wenn sich Eisenbahn-Reiner "an die Auflagen halten, nicht dort urinieren, sich entleeren würde und kein Messi wäre". Oft träfen sich mehrere Obdachlose, zechten zusammen und stritten sich auch, erklärt Mund. Für Anwohner und Geschäftsleute sei das "eine schlimme Situation".

Stadtpolitik in Frankfurt in hitziger Diskussion über bekannten Obdachlosen Eisenbahn-Reiner

Widerspruch erntet Mund vom SPD-Stadtverordneten Roger Podstatny. Wenn Schaad "auf der Straße leben will, ist es seine freie Entscheidung, die sollten wir respektieren". Das sieht der Verkehrsdezernent ebenso. "Wir bedauern es alle, dass es mehr als 100 Obdachlose gibt, die alle Hilfsangebote ablehnen." Beispielsweise biete die Stadt diesen Menschen aktiv Übernachtungsplätze in der Unterkunft am Ostpark oder - in den Wintermonaten - in der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor an. Allerdings habe die Stadt "keine Handhabe, die Obdachlosen zu zwingen, wenn sie das Angebot ablehnen", und könne sie nicht mit Polizeigewalt dazu drängen, sagt Klaus Oesterling. An Mathias Mund gerichtet appelliert er: "Seien Sie doch einmal barmherzig."

Eisenbahn-Reiner (weißes T-Shirt) verteilt Flugblätter an Passanten. Darin erklärt sein Fürsprecher Peter Rubach, warum der Obdachlose in der Liebfrauenstraße bleiben soll.

Die Erlaubnis beizubehalten sei "falsch verstandene Barmherzigkeit", widerspricht Mund. "Dem Menschen ist damit nicht geholfen." Vielmehr brauche Schaad "Hilfe von sozialen Einrichtungen und nicht Besuche von der Stadtpolizei". Vor allem entsprächen die Zustände dort auch "nicht der Würde dieses Menschen".

Scharfe und grundsätzliche Kritik bringt Daniela Mehler-Würzbach (linke) während der Stadtverordnetendebatte an. Von dieser sei sie "ganz angefasst" und empfinde es als entwürdigend, dass in aller Öffentlichkeit über einen Menschen und dessen Schicksal debattiert werde.

Frankfurt: Bekannter Obdachloser sorgte bundesweit für Schlagzeilen

Dabei ist die Geschichte von Eisenbahn-Reiner bekannt. Vor fünf Jahren hatte sie bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Er baut seit elf Jahren seine bunte Spielzeug-Eisenbahn und andere Kinderspielsachen in der Hoffnung auf eine Spende der Passanten in der Liebfrauenstraße auf. Da er dafür keine Sondernutzungserlaubnis hatte, konfiszierte die Stadtpolizei im Sommer 2016 das Sammelsurium. Ein Sturm der Entrüstung brach los, Medien aus ganz Deutschland berichteten über den Fall. Die Behörden lenkten ein, er erhielt seine Spielsachen zurück. Zudem hatte der heute 51-Jährige Obdachlose einen Antrag auf Sondernutzungserlaubnis beim Frankfurter Amt für Straßenbau und Erschließung gestellt, die schließlich erteilt wurde. Innerhalb einer markierten Fläche darf er seitdem sein buntes Sammelsurium wieder aufbauen und auch seinen Bollerwagen dort abstellen.

Den Fall ins Rollen gebracht und viel Staub aufgewirbelt hatte damals Bruder Paulus. Dazu steht der Kapuzinermönch aus Frankfurt. Jeder Standbetreiber brauche eine Genehmigung, um etwas verkaufen zu dürfen, sagt er. Mit Blick auf die Extrawurst für Eisenbahn-Reiner müsse die Stadt eigentlich jedem Bettler eine Sondernutzungsgenehmigung ausstellen. "Das ist Gleichbehandlung", so Bruder Paulus. (Matthias Bittner und Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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